Als Colin Powell am 5. Februar 2003 vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen trat, war er so gut vorbereitet wie ein Hollywood-Star für seine große Szene. Fünf Tage lang hatte der amerikanische Außenminister im Hauptquartier der CIA Geheimdienstberichte studiert, um sich davon zu überzeugen, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügte.
Er hatte Bild- und Kartenmaterial dabei, er zeigte Satellitenfotos, auf denen Lastwagen mit mobilen Biowaffenlabors zu erkennen sein sollten, und die Regie hatte ihm sogar noch ein Reagenzglas mitgegeben, um zu demonstrieren, welch geringe Giftmenge für schreckliche Wirkungen ausreichen würde.
Es war, erst recht im Rückblick, ein nahezu klassischer Spielfilmmoment - mit dem kleinen Fehler, dass der Hauptdarsteller nicht wusste, dass er ein Hauptdarsteller war. Auch wenn 2003 schon viele an der Existenz von Saddams Massenvernichtungswaffen zweifelten, auch wenn Powell später diesen Auftritt als „Schandfleck“ seiner Karriere bezeichnete, weil ihn der Geheimdienst hinters Licht geführt habe, so war die Wirklichkeit in diesem Moment doch vor den Augen der Weltöffentlichkeit zur Fiktion geworden. Zur Lüge fehlte der Vorsatz, zur Behauptung wider besseres Wissen fehlte das bessere Wissen, und für die Wahrheit fehlten ganz einfach die Beweise.
Nach einer wahren Begebenheit
Man muss, um diese historische Transsubstantiation zu verstehen, den damals als Verteidigungsminister tätigen Philosophen Donald Rumsfeld zitieren, der schon 2002 erklärt hatte: „Berichte über etwas, das nicht passiert ist, sind für mich interessant, denn wie wir wissen, gibt es Dinge, die wir wissen. Wir wissen auch, dass es Unbekanntes gibt, von dem wir wissen, dass es unbekannt ist. Wir wissen, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“
Rumsfelds erkenntnistheoretische Reflexion war nun nicht nur Maxime des Regierungshandelns, sie ist auch ein Schlüssel zum Verständnis jener Geschichte, die Doug Limans Film „Fair Game“ erzählt. Auch sie spielt im Vorfeld des Irakkriegs, und sie entstand „nach einer wahren Begebenheit“, weil sie davon erzählt, wie konstruiert wurde, was Colin Powell als Fakten vortrug. „Fair Game“ ist die Chronik der Plame-Affäre; die Geschichte der CIA-Agentin Valerie Plame Wilson, die aus dem Umfeld der Bush-Regierung enttarnt wurde, weil ihr Ehemann, der ehemalige Diplomat Joseph Wilson IV, in der „New York Times“ einen Artikel geschrieben hatte, der glaubhaft widerlegte, dass es die angeblichen Uranlieferungen aus Niger an den Irak gegeben hatte.
Watts spielt mit gewohnter Kühlheit
Das Ehepaar hat seine Memoiren geschrieben, jeder sein eigenes Buch, auf denen das Drehbuch zu Limans Film beruht. Es sind keine Enthüllungen radikalliberaler Bush-Gegner, sondern Erinnerungen amerikanischer Patrioten, die sich fragen, ob sie vom Drehbuchautor eines Thrillers erfunden wurden. Genau so beginnt „Fair Game“: mit einer Ouvertüre wie ein internationaler Spionagethriller. Die kühle CIA-Agentin in Kuala Lumpur, als Geschäftsfrau getarnt, trifft den schmierigen Sohn eines örtlichen Magnaten, der sich sexuelle Gefälligkeiten erhofft - und als Informant für den Geheimdienst endet.
Naomi Watts spielt Valerie Plame mit gewohnter Kühlheit: eine Frau, die ihre Mission erfüllt, ein ehrgeiziger und integrer Profi, der viel zu skrupulös ist, um die im riskanten Undercovereinsatz gewonnenen Erkenntnisse zu manipulieren - eine Agentin, wie sie im Kino schon lange nicht mehr die CIA repräsentieren durfte, die in Hollywood-Filmen meist als Brutstätte finsterer Machenschaften erscheint. Bei Doug Liman, der als Regisseur der „Bourne Identität“ und von „Mr. und Mrs. Smith“ genügend Erfahrungen im Agentengenre hat, wird der Dienst deshalb allerdings nicht zur Vorhut der Aufklärung. Man sieht schnell, wie Plames Vorgesetzte vor den Ansprüchen der Regierung kuschen, wie willfährig der Apparat schließlich die Weltbilder liefert, die sich der Stab des Präsidenten als Realitäten wünscht.
Plame wird zu „Freiwild“ deklariert
Sean Penn wirkt dagegen in der Rolle des ehemaligen Botschafters Wilson, der mit mäßigem Erfolg eine zweite Karriere als Berater aufzubauen versucht, immer ein wenig zu überdreht, wenn er den hitzköpfigen Gatten mit dem ausgeprägten Hang zur Rechthaberei spielt. Als er nach seiner Inspektionsreise im Auftrag der CIA aus Niger zurückkehrt und in seinem Rapport schon die Möglichkeit einer Uranlieferung an den Irak ausschließt, als er dann jene Bush-Rede im Fernsehen sieht, in der von Saddams afrikanischen Lieferanten die Rede ist, da schäumt er derart auf, dass man eher Sean Penn erkennt als den Charakter, den er darstellt.
Durch gezielte Indiskretion aus dem Hause Cheney wird dann ein regierungsfreundlicher Kolumnist von Wilsons Reise und der Rolle von dessen Frau informiert. Der Journalist enttarnt in der „Washington Post“ Valerie Plame, die ihre Freunde bis dahin für eine erfolgreiche Finanzmanagerin gehalten haben. Nun ist sie die Agentin, die für die CIA nicht mehr Agentin sein kann. Ihre Ehe gerät ins Schlingern, weil ihr Mann nicht aufhört, gegen die Regierungsintrigen zu kämpfen, in Talkshows auftritt und dabei sichtbar in seinem Element ist, obwohl das Haus der Familie von Journalisten belagert wird, obwohl Valerie Plame wüste Beschimpfungen erdulden muss, Morddrohungen erhält und als mittelmäßige Agentin oder CIA-Sekretärin diffamiert wird. Bushs Berater Karl Rove liefert dann dem Film seinen Titel, wenn er Valerie Plame zu „Fair Game“, zu „Freiwild“, erklärt.
Details unterliegen noch immer der Geheimhaltung
Der Film zeigt diese Ereignisse aus den Jahren 2001 bis 2003 in ordentlicher chronologischer Reihenfolge - die Dramaturgie ergibt sich dabei fast von selbst; er montiert reale Akteure aus dem Nachrichtenmaterial mit Schauspielern und ab und an auch mit komplett erfundenen Szenen, weil die Details von Valerie Plames CIA-Tätigkeit im Nahen Osten weiterhin der Geheimhaltung unterliegen. Das ist alles gekonnt und mit viel Gespür für Timing inszeniert, ohne je originell zu sein.
Eine leichte Schieflage entsteht erst dadurch, dass „Fair Game“ eben auch Hollywood-Drama sein muss und nicht bloß nüchternes Dokudrama sein darf. Liman und seine Autoren suchen deshalb nach der Balance zwischen öffentlicher Aufregung und privaten Spannungen, ohne sie je zu finden, weil das Ausmaß des politischen Skandals das Ehedrama samt seinen Auswirkungen auf die beiden Kinder zur Begleitmusik macht. Vor allem den häuslichen Szenen ist anzumerken, dass sie nicht mehr als Kontrastmittel oder Gefühlsverstärker sind, woran auch ein kurzer Auftritt von Sam Shepard als Plames Vater wenig ändert, der seine Tochter überzeugt, um ihre Ehe zu kämpfen.
Moralisch bereits entschieden
Limans größtes Problem liegt jedoch darin, dass die Geschichte moralisch schon a priori entschieden ist. Der konstante Empörungsmodus der Erzählung und die schlichte Polarität zwischen good guys and bad guys - zu denen es bei der Sachlage nie eine Alternative geben konnte - sind für einen Spielfilm nicht besonders förderlich. So bleibt, was an dieser Affäre so abgründig faszinierend ist und was wie gemacht fürs Kino erscheint, eher marginal: die scheinbar so simple Frage, was denn überhaupt ein Faktum von seiner Simulation, von einer Fiktion, unterscheidet.
In der Plame-Affäre schillern Fakten als seltsame Gebilde zwischen Interpretation und Konstruktion, zwischen Lüge, Halbwissen und handfester Manipulation - aus einem Mangel an Gewissheit lässt sich jederzeit auch die Möglichkeit des Gegenteils herauslesen. Fakten sind harte Realia wie jene Lieferung Aluminiumröhren, die 2002 von den Amerikanern abgefangen wurde, weil sie für den Irak bestimmt war, und sie sind zugleich biegsam und deutungsoffen, weil die Röhren womöglich ja doch für den Bau von Gaszentrifugen zur Urananreicherung taugen könnten, obwohl Atomfachleute diese Möglichkeit zurückgewiesen hatten. Von diesem eigenartigen Aggregatzustand des Realen gibt der Film leider nur selten eine Ahnung.
Verwandlung in die echte Valerie Plame
In der besten Szene von „Fair Game“ trifft Valerie Plames Vorgesetzter auf Lewis „Scooter“ Libby, Cheneys Stabschef, der später auch verurteilt - und dessen Strafe auf Betreiben Bushs abgemildert wurde. David Andrews spielt diesen Mann als diabolischen Sophisten, der seinem Gegenüber durch seine Fragetechnik Behauptungen abringt, die der von sich aus nie gemacht hätte. So wird, im Dialog über Röhren, sichtbar, wie ein Faktum fabriziert wird, genauer gesagt: die Simulation eines Faktums, das, einmal mit dem nötigen medialen Aufwand in Umlauf gebracht, zur harten Währung wird, als sei es Realität.
Das klingt wie eine moderne Variante der alten Weisheit aus John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“: Wenn die Fiktion Faktum wird, verbreitet man halt die Fiktion. Und man hätte sich gewünscht, dass der Film ein bisschen mehr davon wissen wollte, wie tief er selbst verstrickt ist in diesen fast schon alchimistisch anmutenden Prozess. Durch einen unauffälligen Schnitt verwandelt sich am Ende Naomi Watts in die reale Valerie Plame, die im letzten Bild vor einem Ausschuss aussagt und die Naomi Watts dabei so frappierend ähnelt, dass man die beiden auf den ersten Blick für ein und dieselbe Person hält.