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Video-Filmkritik : Der Promenadenhitchcock

Bild: Delphi

„Underdog“ ist ein Film über ein Mädchen und seinen Hund, ein Horrordrama, eine Sozialsatire und eine Symphonie der Instinkte – vor allem aber: ein Meisterwerk des ungarischen Kinos.

          Wie ruhig muss eine Regiehand sein, die einen drastischen Thriller am Rand des hysterisch Unglaubhaften entlangdirigieren will, bis wir alles fressen, was sie uns hinwirft? Darf so eine Hand sich, bevor sie den tobenden Schrecken weckt, auf den sie hinauswill, pädagogische Zuckungen erlauben? Ja, doch, das darf sie - vorausgesetzt, diese Zuckungen lenken nicht von der lustvollen Unruhe ab, um die es beim Thrillergenre geht, sondern ergänzen sie mit nadelspitzen Verweisen darauf, was für ein Mistviech der Mensch ist, wenn er darf - zum Beispiel die unsympathische Nachbarin, die in Kornél Mundruczós phantastischem Film „Underdog“ einen wehrlosen Vierbeiner als verkniffene Petze bedroht, weil ihr ein neues Rassereinheitsgesetz für Haustiere die Gelegenheit dazu gibt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Dame ist ein gesellschaftskritischer Pappaufsteller: Richtig, erinnert man sich, wenn ihr Gesicht vor Missgunst Hassfalten wirft, die Gestapo hat seinerzeit ja auch stark vom Treppenhausklatsch profitiert. Ein angestaubtes volkserzieherisches Anklagedrama von Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt ist „Underdog“ trotzdem nicht. Das erzählerische Hauptgewicht liegt hier nämlich keineswegs auf der Sittenlehre, sondern auf Psychologie - allerdings tierischer, nicht menschlicher.

          Der Mischling Hagen zieht uns in sein Schicksal: Man trennt ihn von seiner jungen Besitzerin, er landet auf der Straße. Dort und unter der Knute eines Hundekampftrainers verlernt er sein kreatürliches Urvertrauen zur überlegenen Menschenart gründlich. Am Ende fällt er die ungarische Gegenwart, die ihn so rüde behandelt hat, als Heerführer eines blutrünstigen Köteraufstands an. Wäre das Geschöpf, das diesen Hagen spielt, ein Mensch, müsste man sagen: Beeindruckend, wie der Darsteller es fertigbringt, uns selbst dann noch sympathisch zu bleiben, wenn er vor lauter Rachedurst alle tapsigen Kuschelcharakterzüge in der Luft zerreißt, die uns anfänglich für ihn eingenommen haben (es sind übrigens zwei Hunde, die sich den Job teilen).

          Wer sich ernsthaft zutrauen wollte, die schauspielerische Leistung der Tiere in diesem Film, besonders aber eben die beklemmende Verlorenheit, mitreißende Tapferkeit und schließlich schockierende Wut Hagens, analytisch von den Leistungen abzulösen, die Regie, Kamera und Schnitt erbringen mussten, um diese clevere Töle als Improvisationsgenie von Marlon-Brando-Format zu inszenieren, bewürbe sich damit um den Nobelpreis für Kinoverhaltensforschung. Alle anderen werden einfach zugeben müssen, dass die Illusion, man sehe hier einem Profi bei der bis in mimische Kleinigkeiten feinkalibrierten Interpretation eines raffinierten Drehbuchs zu, annähernd perfekt ist, inklusive Nebenhandlung - eine Liebes- und Freundschaftsgeschichte unter Straßenstreunern, gegen die „Les Misérables“ wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wirkt.

          Bestechende Sehenswürdigkeiten

          Menschliche Mimen, die da mithalten müssen, könnten einem fast leidtun, was im Falle von Zsófia Psotta, die Hagens menschliche große Schwester spielt - ein Wort wie „Frauchen“ passt nicht, es riecht, hündisch gesprochen, zu alt -, allerdings völlig überflüssig wäre. Denn die behauptet sich mit dezenter Grazie, ihr introvertiertes Spiel ist nach Hagens Erlebnissen die zweite bestechende Sehenswürdigkeit in „Underdog“: Mal dominiert Psotta Szenen mit dem Magnetfeld ihrer reduzierten Emotionalität, lächelt oder weint für sich statt für die Kamera, die folglich nicht genug von ihr bekommen kann, dann wieder räumt sie denen, mit denen sie spielt, gerade so viel Platz ein, wie jene brauchen, um sich so unvergesslich zu machen wie Hagens nächtliches Rufen nach ihr - ein unbeschreibliches Geräusch zwischen Türquietschen, Kinderjammer und wölfischer Empörung über den fernen Mond.

          Psottas faszinierende Erscheinung ist ein Fest für alle, die nicht mehr mit ansehen wollen, wie etwa Hollywood seine jüngsten Stars gewohnheitsmäßig dazu nötigt, kindliche Affekte per Kiekser, Heulkrampf oder Augenaufreißen aus sich herauszuquetschen, bis noch die verhärmtesten Singles vor der Schleimwand in Elternhormonen ersaufen.

          Auf Augenhöhe mit Hitchcock

          Will man den originellen Gesamtentwurf soziobiologischer Terrorästhetik richtig erfassen, den Mundruczó mit „Underdog“ skizziert, darf man nicht zu reflexhaft an den Gattungszuordnungen „Mensch“ und „Hund“ kleben, weil man sonst leicht übersieht, dass der wahre Name des Spiels, wie ein „Tom and Jerry“-

          Einspieler verrät, „Katz und Maus“ lautet. Wenn die bisherigen Mäuse zu Katzen und die gewesenen Katzen zu Mäusen werden, reißt sich der Film aus seiner Verankerung im Wirklichen und rennt der Selbstdomestizierung erwartungsbestätigenden Erzählens davon.

          „Underdog“ war gewiss billiger als ein Blockbuster, muss aber weder vor Alfred Hitchcocks weltberühmtem „The Birds“ (1963) noch vor Michael Wadleighs ungerechterweise fast vergessenem „Wolfen“ (1981) den Schwanz einziehen.

          Erstaunlicher noch als die Tatsache, dass der 1975 geborene Ungar diesen Meilensteinen seiner Vorgänger im Kreaturenschockfach mit erfrischendem Selbstbewusstsein gegenübertritt, ist aber die tiefe Seltsamkeit, in der er seine Instinktsymphonie ausklingen lässt: Das Ende von „Underdog“ ist pure Poesie, ausgesetzter Panikherzschlag, abrupt angehaltener Keuchatem, das Bild eines bedrohten, zarten Friedens. Man muss wohl bis zu Gunther von Fritschs und Robert Wise’ „Curse of the Cat People“ (1944) zurückschauen, um eine ähnliche Nähe des Grauens zum Märchenhaften, der Angst zur Utopie zu finden. Die geschundenen Tiere und die an ihnen schuldig gewordenen Menschen begegnen einander in den letzten Sekunden von „Underdog“ wie zwei Tierkreiszeichen, die eben erst vom Himmel gefallen sind, nur um einander als Heimatlose auf der Erde wiederzufinden: Weiß irgendwer, wohin wir gehören?

          Quelle: F.A.Z.

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