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Video-Filmkritik : Tote Anarchisten auf dem Präpariertisch: „Poll“

  • -Aktualisiert am

Bild: Piffl

Mit „Poll“ erzählt Chris Kraus die Geschichte seiner Großtante im ersten Weltkrieg. Vor baltischer Ostseekulisse ziehen die letzten Tage einer Kindheit den Zuschauer in einen ganz eigenen Bann.

          Geschichten von den Baltendeutschen beginnen oft damit, dass jemand mit dem Zug oder der Kutsche auf einem Gut ankommt, heißt es im Nachwort zu einer Neuausgabe der schönen Erzählungen Eduard von Keyserlings. Im neuen Film von Chris Kraus kommen gleich mehrere Personen auf Poll an, dem von Ebbo von Siering beherrschten Anwesen an der kurländischen (heute estnischen) Küste: Oda von Siering, seine vierzehnjährige Tochter aus Berlin, und mit ihr der Sarg der Mutter, die in der heimatlichen Erde begraben werden soll.

          Zugleich schwärmt auf den Hof ein Trupp russischer Soldaten, der bald an die Front im Westen ziehen wird, hier aber erst einmal zwei „Anarchisten“, wie der Film sie nennt, jagt. Der eine landet tot auf dem Präpariertisch des gescheiterten Professors Siering. Der andere kann verwundet in die Ruine der Kapelle flüchten, wo Oda ihn entdeckt und zu retten beschließt.

          Die Handlung umfasst mehrere Tage von Ende Juli bis zum 1. August 1914, wo die Nachricht vom Kriegsausbruch die Russen in Hochrufe auf den Zaren ausbrechen lässt, bei den Deutschen indes Bestürzung auslöst. „Nun wird sich alles ändern“, sagt Milla, Sierings zweite Frau, und sie meint damit nicht nur ihr Liebesverhältnis zum Gutsverwalter Mechmershausen. „Die Zukunft ist vorbei.“ Vorbei sind die Leseabende im Salon mit gemeinsamem Musizieren von Schuberts „Forellenquintett“ vor russischen Offizieren als höflichen Gästen, das Picknick am Ostseestrand und eine Jahrhunderte alte Tradition.

          Phantasie und Familiengeschichte

          Ab sofort darf auf Poll kein Wort Deutsch mehr gesprochen werden, befiehlt der russische Kommandeur, ohne dies freilich kontrollieren zu können. Vier Jahre später, nach Revolutionswirren und Freicorpskämpfen, wird Kurland zu Estland gehören. 1939 müssen die verbliebenen Deutschbalten aus dem nun sowjetisch gewordenen Land ins eroberte Polen umsiedeln, von wo aus die Flucht 1944 nach Westen weitergeht. Eine einst vom Deutschen Orden begründete Kultur ist, beginnend mit dem 1. August 1914, unwiderruflich zu Ende gegangen.

          Doch nicht die Historie, sondern die Familiengeschichte hat Chris Kraus in die Ostseeprovinz geführt. Das „gnädige Fräulein“, wie der Anarchist die couragierte Vierzehnjährige ironisch nennt, ist niemand anderes als die Großtante des Regisseurs, die von 1900 bis 1988 lebte und als Oda Schaefer in die Literaturgeschichte einging. Warum, grübelte der Nachfahre, wurde sie, anders als der Rest der Familie und viele Deutschbalten linksliberal, fast sozialistisch und darum von den Verwandten geächtet? Es muss etwas passiert sein auf Gut Poll, nahm Kraus an und erfand Odas Romanze mit dem Flüchtling, unter dem man sich wohl einen Revolutionär vorzustellen hat, der gegen das Zarenregime aufbegehrte.

          Konglomerat aus Erfindung und Rekonstruktion

          Zugleich verwandelte er Odas Vater von einem rechtsgerichteten Journalisten in einen abstrusen Gehirnforscher, der das Böse in einer bestimmten Gehirndrüse lokalisiert sehen will - die seinerzeit gängige und später den Nationalsozialisten willkommene hirnanthropologische Theorie des Italieners Cesare Lambroso („Der Mensch als Verbrecher“). Ebbo von Siering, der Kraus hieß, erschoss sich, wie der Abspann mitteilt, 1918 in Berlin. Seine Frau wurde 1914 nach Sibirien deportiert, wo sie drei Jahre später an einer Scharlachinfektion starb.

          Erfindung und Rekonstruktion mischen sich zu einem kunstvollen Konglomerat, über dessen Bruchstellen die zuweilen an Mahler erinnernde Musik von Annette Focks hinweg heben soll. Die virulent geführte Kamera Daniela Knapps gleitet über eine Welt aus Wille und Vorstellung, die im Detail andere Filme (der russischen Revolutionsavantgarde) oder symbolistische Malerei zu zitieren scheint, im Zentrum aber einer bizarren Phantasie entsprungen ist.

          Auf Sand gebaut

          Das eigens für die Dreharbeiten errichtete Wohnhaus über der Ostsee mit seinen Säulchen und Balkonen dürfte nur als Symbol einer auf Sand gebauten Lebensweise, praktisch dagegen kaum von Nutzen sein. Nicht minder spricht die Jungmädchenaffäre Odas mit „Schnaps“, wie sie den idealistisch gesonnenen Flüchtling nennt, aller Wahrscheinlichkeit Hohn. Sollte es wirklich keinen anderen Anstoß für eine junge Frau in den bewegten zwanziger Jahren dafür gegeben haben, sich von der Denkweise der Eltern zu entfernen? Hätte nicht schon eine wache Beobachtung der Verhältnisse auf dem Gutshof, etwa des Umgangs mit dem estnischen „Gesinde“, als Denkanstoß genügt?

          Die Schülerin Paula Beer und der estnische Schauspieler Tambet Tuisk leisten viel, um die Romanze nachempfindbar zu machen - zwei Idealisten auf weiter Flur. Frisch den ostpreußischen Dialekt zum Klingen bringen Edgar Selge als Siering und Richy Müller als aufbegehrender Mechmershausen, die beide Ton und Gestik des Standes wunderbar treffen. Jeanette Hain als Milla von Siering ragt mit schönem Stolz aus der Enge der Dreiecksgeschichte.

          „Poll“ ist ein bemerkenswerter Film, der den Zug zur Größe leider verpasst. Die Bilder ziehen den Zuschauer in einen ganz eigenen Bann. Als Sieger kann niemand von diesem vergessenen Ort der deutschen Geschichte gehen, nicht einmal eine der Frauen, denen Kraus, wie schon in „Vier Minuten“, für die Zukunft mehr zutraut als den Männern. Oda wird dichten, mit sanften Worten von innen. 1939 erscheint ihr erster Lyrikband „Die Windharfe“.

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