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Video-Filmkritik: „Tim und Struppi“ : Was hat Spielberg nur aus Hergés Geniestrich gemacht?

Bild: F.A.Z., Sony

Von der „ligne claire“ zum animierten 3D-Kinofilm: Statt zum Gipfeltreffen meisterlicher Erzähler gerät Steven Spielbergs Verfilmung von Hergés „Tim und Struppi“ zu einer Berg-und-Tal-Fahrt.

          Was tun, wenn man das berühmteste Werk einer ganzen Kunstform verfilmt? Gerecht werden kann man ihm nicht, als Regisseur muss man vielmehr ungerecht mit der Vorlage umgehen, um sie der eigenen Kunst zugänglich zu machen. Also wird aus „Tim und Struppi“, der wichtigsten und einflussreichsten europäischen Comicserie, die Georges Remi alias Hergé 1929 als Einundzwanzigjähriger zu zeichnen begann und sie weiterführte, bis er 1983 über dem unvollendeten Band „Tim und die Alphakunst“ starb, in Steven Spielbergs Verfilmung das genaue Gegenteil des Originals.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das wird dem Publikum so deutlich gemacht, wie es nur eben möglich ist. In dem Moment, in dem man vor dem Saal die 3D-Brillen erhält, wird jedem klar sein, dass Hergés Geniestrich, für den die ästhetische Theorie den Begriff „Ligne claire“ (klare Linie) geprägt hat, auf Spielbergs Leinwand nichts zu suchen hat. Der Meister des Flächigen ist abwesend. Dieser Tim vor uns ist kugelrund, ein dicker Bub und kerngesund.

          Was tun aber, wenn man außerdem auch noch der berühmteste Exponent seiner eigenen Kunstform ist, des Kinos? Das ist Spielberg zweifellos, aber als wäre das noch nicht genug, ist Peter Jackson, dem das Kino mit der „Herr der Ringe“-Trilogie einen seiner größten Kassenschlager verdankt, als Produzent bei „Tim und Struppi“ mit an Bord, und - man glaubt es kaum, wenn man den Abspann liest - als second unit director, also Hilfsregisseur, war der Neuseeländer auch noch aktiv.

          Hightech-Spektakel in der Wüste

          Was also hat Spielberg getan, um seinem eigenen Ruf gerecht zu werden? Er hat ein Hightech-Spektakel angerichtet, aber eines, das sich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts abspielt, vor allem auf dem Meer und in der Wüste. Das sind billige Drehorte, weil eine Horizontlinie genügt. Zwischendurch wird mal eine orientalische Hafenstadt aus dem Computer gezaubert und ein Wasserflugzeugabsturz in den Sand inszeniert, aber es bleibt mehr als genug Geld übrig für die eigentliche formale Herausforderung: Wie bringe ich eine Comicfigur auf die Leinwand?

          In „1941 - Wo bitte geht’s nach Hollywood?“ ist es dem jungen Spielberg 1979 perfekt geglückt, obwohl es dazu gar keine Comicvorlage gab. Aber die Figuren dieses Films waren wie frisch dem Papier entsprungen, alles schien möglich in der bunten Kinowunderwelt des Kinowunderkinds, und das sind die besten Voraussetzungen, um mit Motiven zu arbeiten, die einer Kunstform entstammen, die sich keine inhaltlichen Beschränkungen auferlegen muss, weil noch für die größte Explosion und die mächtigste Kulisse eine Zeichenfeder und etwas Tusche genügen.

          Berg-und-Tal-Bahn statt Gipfeltreffen

          Und natürlich ein talentierter Künstler. Hergé indes war mehr: ein Genius des Erzählens, ein Virtuose der Feder, ein Parfümeur von Kindheitsträumen. Also in etwa das, was Spielberg in seinem Fach und mit seinen Mitteln auch ist. Ein Gipfeltreffen hätte der Film „Tim und Struppi“ werden können. Herausgekommen ist eine Berg-und-Tal-Bahn.

          Es geht ganz hoch oben los, denn den Vorspann ließ Spielberg als Trickfilm animieren: mit Silhouettenfiguren als Schattenspiel. Das ist schon mal ein guter Gag, denn die klare Linie von Hergé kennt keine Schatten. Wunderschön sieht es aus, wie sich da die Figuren auf der Leinwand ergehen, zu eingeblendeten Lautmalereien Kinnhaken austeilen und manche Episode aus den insgesamt 23 „Tim und Struppi“-Alben andeuten. Sogar John Williams ist es gelungen, dazu Filmmusik zu komponieren, die nicht nach ihm klingt, sondern nach längst vergangenen Jahrzehnten. Doch damit ist es später leider wieder vorbei.

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