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Video-Filmkritik: „The Voices“ : Stimmenkonzert der Wortlosen

Bild: Ascot Elite

Ein Mann kommt aus der Psychiatrie und wird rückfällig: Die Regisseurin Marjane Satrapi wagt sich mit dem Film „The Voices“ auf die Grenze zwischen Horror und Satire.

          Für ihren dritten Film hat Marjane Satrapi erstmals nicht selbst das Drehbuch geschrieben. „Persepolis“ (2007) und „Huhn mit Pflaumen“ (2011) waren beide auf der Grundlage ihrer gleichnamigen Comics entstanden, und Ersterer hatte als Zeichentrickfilm einen derartigen Erfolg bei Publikum und Kritik, dass die 1969 in Iran geborene, aber in Frankreich lebende Satrapi danach den Stift beiseitelegte, um sich ganz ihrer neuen Berufung als Regisseurin zu widmen. „Huhn mit Pflaumen“ überraschte (und enttäuschte manchen) dann, weil Satrapi ihn nicht animiert, sondern als klassischen Spielfilm drehte; der Bruch mit ihrer Vergangenheit als Zeichnerin war damit endgültig vollzogen. Und nun erfolgt mit „The Voices“ auch noch der Bruch mit ihrer Vergangenheit als Autorin.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was hat sie dazu bewegt? Ein Drehbuch von Michael R. Perry, der bislang vor allem für amerikanische Fernsehserien gearbeitet, aber noch nie fürs Kino geschrieben hatte. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jerry, ein junger Mann, der vor kurzem aus der Psychiatrie entlassen wurde, in die er als Junge eingeliefert worden war, nachdem er seine Mutter getötet hatte. Die Resozialisierung als Arbeiter in einer Fabrik für Sanitärartikel scheint zu gelingen, zumal der Firmensitz Milton in der tiefsten amerikanischen Provinz liegt, wo niemand außer einer betreuenden Psychologin um Jerrys Vergangenheit weiß. Seine auffälligen Überschwänglichkeiten nerven die Kollegen zwar, alarmieren sie aber nicht.

          Deshalb lässt sich die schöne Fiona aus der Buchhaltung auch auf ein Rendezvous ein, unfreiwillig zwar, aber ohne größere Sorgen. Die hätte sie sich besser gemacht, denn der Ausflug gerät zum Debakel, und am Schluss ist Fiona tot. Damit geht das Ganze aber erst richtig los, denn nun geraten nacheinander weitere Frauen in Jerrys Hände, darunter auch die Psychiaterin, die immerhin genau weiß, wie ihr geschieht. Man könnte sagen, Perry habe Satrapi einen Horrorfilm angedreht.

          Zwitterstatus zwischen Horror und Satire

          Hat er aber nicht, und die Französin hätte so etwas wohl auch nicht genommen. Was sie gereizt hat, ist der Zwitterstatus des Films zwischen Horror und Satire. In Jerrys Wohnung über einer stillgelegten Bowlingbahn, deren Gebäude nachts aber immer noch beleuchtet wird, als tobte dort das Leben, hausen mit ihm ein Hund und eine Katze, deren Stimmen er hört: der Hund ein Seelchen, die Katze ein Teufel. Diese Wahnvorstellungen sind für Jerry so heimelig, dass ihm der durch Medikamente erreichte Normalzustand furchtbar vorkommt. Und mit steigender Leichenzahl sammeln sich weitere Stimmen in seiner Bude.

          Das alles hat Marjane Satrapi mit dem Wissen einer Regisseurin inszeniert, die Tricktechnik aus dem Effeff beherrscht. Aber leider beherrscht sie auch die Kunst der Filmfinanzierung, und die besteht in Europa aus einer Grundregel: Am meisten öffentliche Gelder gibt’s in Deutschland. Also ist in Babelsberg und Umgebung gedreht worden, und es hat schon selbst satirischen Charakter, wie mitteldeutsche Wälder und Fabrikanlagen hier als amerikanische Provinz auftreten. Gegen diese völlig missglückten Dekors, in die das Produktionsdesign bisweilen mal ein englischsprachiges Schild hineingepflanzt hat, haben die Schauspieler keine Chance, obwohl sie alle englische Muttersprachler sind.

          Das ehemalige Bond-Girl geht unter

          Hinzu kommt das hanebüchene Drehbuch. Das ehemalige Bond-Girl Gemma Arterton geht als Fiona unter solchen Bedingungen ebenso unter wie Anna Kendrick, die gerade erst in „Into the Woods“ überzeugte, als deren Abteilungskollegin. Und Ryan Reynolds in der Hauptrolle darf nach dem Totalflop als Green Lantern im gleichnamigen Superheldenfilm von 2011 nun wohl einen weiteren Karriererückschlag verbuchen.

          Nur einmal beweist Marjane Satrapi, was sie selbst aus diesem Stoff hätte machen können: Für den Abspann ließ sie ihre Darsteller im Stil eines klassischen Wasserballetts à la Hollywood, aber auf dem Trockenen posieren. Großartig, witzig, originell. Aber eben nur als Nachklapp in den letzten paar Minuten, die für das, was sich vorher auf fast zwei Stunden dehnte, keine Kompensation mehr schaffen.

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