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Video-Filmkritik: „The Master“ Giftige Drinks, verlorene Seelen

„The Master“ von P. T. Anderson ist nur in Andeutungen ein Film über den Scientology-Gründer Hubbard. Es ist ein Film über Amerika in den Nachkriegsjahren und eine Liebesgeschichte eigener Art.

© Senator, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „The Master“

Er zieht die Schultern hoch, läuft mit gekrümmtem Kreuz, nuschelt, lallt, flucht, er ist ein Wrack, ausgemergelt, die Arme in die Seiten gestemmt, als stünde eine große Rede bevor, um dann an einem herrlichen Strand eine Frau aus Sand zu besteigen, im Meer zu masturbieren und sich schließlich in vollkommener Erschöpfung neben den Sandbusen zu legen und zu verenden. Bis er wieder aufwacht, zum nächsten Drink. Dazu hat der Filmkomponist Jonny Greenwood Dissonanzen, schräge Töne zusammengeklaubt, als sollten wir hören, was Freddy zu betäuben sucht.

Nicht von dieser Welt

Verena Lueken Folgen:    

Freddy, so wie Joaquin Phoenix ihn spielt, ist nicht von dieser Welt, und doch ist er das Resultat von allem, was auf Erden geschieht. Ein ins Mark Versehrter, einer, der den Krieg erfahren und gekämpft hat und jetzt nach Hause kommt - in ein Land, das vom Krieg nichts gesehen hat, zu Menschen, die ahnen, dass die Überlebenden der Massaker auf den großen Meeren etwas vom Leben und vom Sterben wissen, das auch sie nicht ignorieren können.

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Wenn wir in das Gesicht von Joaquin Phoenix schauen, das da im Sand liegt, mit dem bewusstlosen Ausdruck eines Trinkers, der einen einzigen schönen Traum kennt, in den er im Schlaf zurückzufallen hofft, dann überblendet sich das in der Erinnerung mit einem anderen solchen Gesicht. Frank Sinatra sah so aus, am Anfang von Vincente Minnellis „Verdammt sind sie alle“ (“Some Came Running“, 1958), wenn er am Busfenster lehnte und schlief, auch er betrunken, auch er aus einem (anderen) Krieg zurück in einer fremden Welt.

Lebensgefährliche Mischungen

Wir sprechen von den späten vierziger Jahren, als durch die prächtigen amerikanischen Kaufhäuser noch Mannequins stolzierten und Fotografen die glücklichen Kunden porträtierten. Vorübergehend arbeitet Freddy in einem solchen Kaufhaus als Fotograf, aber er erträgt diese glänzende Welt nicht und die Menschen nicht, die sie polieren.

Die Zutaten der Drinks, die Freddy mischt, zieht er aus einem Schiffsmotor, dem Fotolabor in diesem Kaufhaus oder dem Verbandskasten auf einer Hochseeyacht, und ihre Wirkung ist verheerend. Freddy selbst kommt ohne Lackverdünner im Bauch kaum noch durch den Tag, für andere sind seine Mischungen lebensgefährlich. Außer für Lancaster Dodd, genannt „the master“. Er will mehr davon, Freddys Drinks lösen wahre Inspirationsschübe bei ihm aus. Freddy selbst auch.

Aufgeplusterte Séancen

Seit der versoffene Kriegsveteran auf dem Schiff aufgetaucht ist, auf dem eine reiche Gönnerin die Hochzeit von Dodds Tochter ausrichtet und sich eine Gruppe betuchter Amerikaner auf der Suche nach dem höheren Sinn in diesem und dem anderen Leben luxuriös amüsiert, ist Dodd von ihm fasziniert. Trinkt mit ihm. Fragt ihn aus, schaut ihn an, nimmt ihn ernst. Veranstaltet das, was in diesen Kreisen, seit Dodd es so nennt, „informelle Aufarbeitung“ heißt, lässt ihn gegen Wände laufen, gegen Fenster und in die Verliese seiner Erinnerung. Freddy kam als blinder Passagier an Bord. Und Freddy ist der Einzige, der Dodd tatsächlich interessiert. Die anderen unterhält er mit Trinksprüchen, guter Laune, kleinen Vorstellungen, aufgeplusterten Séancen. Freddy will er heilen, weil er das Leid sieht.

“The Master“, der Film von Paul Thomas Anderson, der ihm bei den Filmfestspielen von Venedig einen Löwen für die beste Regie einbrachte (bei den Oscars am Sonntag haben nur die Darsteller Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman und Amy Adams eine Chance), sei, so hieß es jahrelang, ein Film über L. Ron Hubbard, den Gründer von Scientology. Doch wer mit dieser Erwartung ins Kino geht, wird voraussichtlich enttäuscht werden. Dies ist kein Film über den Sektenführer, dies ist keine Abrechnung mit einem Kult. „The Master“ ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei gänzlich unterschiedlichen Männern, von denen einer am Ende, wenn sie sich trennen, singt: „I wanna get you on a slow boat to China all to myself.“

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Veröffentlicht: 19.02.2013, 17:40 Uhr

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