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Video-Filmkritik zu „The King“ : Wessen König war Elvis Presley?

Bild: Arsenal Filmverleih

Der Dokumentarfilm „The King“ misst das moderne Amerika an Elvis Presleys tragischer Biographie. Eugene Jarecki zeigt eine Gesellschaft unter kollektivem Drogeneinfluss, kurz vor der Überdosis.

          Es gibt diese Geschichte mit Elvis und der Decke: Als er jung war und nach seinen umjubelten Auftritten ins Auto stieg, habe ihm sein Manager, der berüchtigte Colonel Tom Parker, eine Decke über den Kopf geworfen, damit die kreischenden Mädchen am Bühneneingang ihn nicht zu Gesicht bekämen. Und später, als er älter geworden war und die Beatles gerade ihr erstes Amerika-Konzert gaben, habe Parker ihm wiederum den Kopf verhüllt, aber diesmal, damit Elvis nicht merkte, wie wenige Mädchen jetzt noch am Eingang auf ihn warteten.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Elvis – das ist mehr als ein Name. Die fünf Buchstaben stehen sinnbildlich für Aufstieg und Niedergang des amerikanischen Traums. Vom göttlich verehrten Hüftschwinger über den selbstironischen Beau im schwarzen Lederanzug bis zum jämmerlichen Fettsack über der Kloschüssel – Elvis verkörpert wie kein Zweiter die Verführungskraft und den Irrsinn des Glaubens daran, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sein könne.

          Geboren in die weiße Unterschicht, aufgewachsen in einem Schwarzen-Viertel in Ost-Tuepolo, lernte der junge Elvis in der Kirche das Singen, fuhr Lastwagen, schlich sich heimlich in schwarze Musikclubs und nahm im Studio von Sam Phillips in Memphis eine erste Platte auf. Als sein Song „That’s All Right Mama“ dann im Radio lief und es hieß, da singe ein Weißer, riefen die Hörer entsetzt an, um sich zu versichern, dass die Hautfarbe verwechselt worden sei. So könne doch kein Weißer singen, mit dieser aufgekratzten Sexiness in der Stimme und diesem wütend-weinerlichen Ton. Aber Elvis war kein Schwarzer. Er hatte sich von ihnen nur abgeschaut, wie man so singt und sich bewegt, dass alle Welt den Kopf verdreht und nur noch ans Durchbrennen denkt.

          Elvis als Metapher für die Gegenwart

          Elvis hat sich später, als er zum gefeierten Weltstar geworden war, nie von seinen schwarzen Kulturwurzeln distanziert. Aber er hat sich eben – anders als etwa Marlon Brando – auch nie mit dem politischen Rassenkonflikt auseinandergesetzt oder gar mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung solidarisiert. Er ist nicht mit Martin Luther King aufgetreten, hat seine reichgewordene Faust nicht geballt. „Meine politische Meinung behalte ich lieber für mich“, hat er in Interviews gesagt, „Ich bin doch nur ein Entertainer.“

          „Vielleicht“, hält der Rapper Chuck D dem heute entgegen, aber eben ein weißer Entertainer, der den Schwarzen ihre Musik gestohlen hat und damit berühmt wurde: „Elvis war ein Held für die meisten, aber mir war er immer schon scheißegal“, flucht er, ein Zitat aus dem Song „Fight the Power“ seiner Band Public Enemy aus dem Jahr 1989, in Eugene Jareckis neuem Dokumentarfilm „The King“, in dem der Regisseur sich 2016 auf die Spuren des amerikanischen Mythenträgers begeben hat. Dafür hat er sich stilgerecht Presleys alten Rolls-Royce ausgeliehen und ist mit wechselnden Beifahrern, mit Weggefährten, Nachfolgern und Verächtern des Kings quer durch Amerika gefahren – von New York über Las Vegas bis in den tiefen Süden.

          Auf den Tonspuren des gescheiterten amerikanischen Traums: Musiker Matt Ward (rechts) spielt mit Begleitung in Elvis Presleys Rolls-Royce.

          2016 war der Höhepunkt des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes. Und so wird auf der Fahrt nicht nur über Elvis gesprochen, sondern auch über Amerika und seine gegenwärtige mentale Lage. Elvis‘ Geschichte wird mit Hilfe gegengeschnittener Parallelaufnahmen von ikonischem Zeitgeschehen zur Metapher stilisiert, um der eigenen Gegenwart eine vernichtende Diagnose auszustellen: So wie Elvis sich vom Geld habe verführen und krank machen lassen, so wird auch dieses Land gerade von einem bösen Manager, der sein Geld mit Spielkasinos und Fernsehsendungen verdient hat, in den Abgrund geführt. Was man vorgeführt bekommt, ist eine Gesellschaft unter kollektivem Drogeneinfluss, kurz vor der Überdosis.

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