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Video-Filmkritik: „The Deep Blue Sea“ Wie ein Blutfleck in der Dunkelheit

Mit seinem Film „The Deep Blue Sea“ gelingt dem Briten Terence Davies das Wunder, das Arsenal des Kitsches - Kostüme, Kulissen, Liebesschmerz - zum Glänzen zu bringen.

© Protagonist Pictures, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik:The Deep Blue Sea

Am Anfang dieses Films fährt die Kamera über eine Trümmerlandschaft aus Bretterzäunen, bröckelnden Mauern, Unkraut und Schutt. Dann gleitet sie über die helle Fassade eines Hauses, in dem das Leben weitergeht - trotz der Ruinenwelt gleich nebenan. Und schließlich erblickt sie die schlanke Gestalt einer Frau, die am offenen Fenster steht und in den Tag hinausschaut. Dann, im Gegenschnitt, sieht man die Umrisse der Frau im goldenen Licht, das von draußen hereinfällt. Sie schließt das Fenster, zieht die Vorhänge zu, dreht den Hahn des Gasofens auf und legt sich hin zum Sterben.

„Weder mit dir noch ohne dich.“ So heißt es in einem Film von François Truffaut, der von einer Liebe erzählt, die zum Tode führt, und das Gleiche könnte man auch über die Liebenden in Terence Davies’ „The Deep Blue Sea“ sagen. Oder die Liebende. Denn eigentlich ist Hester (Rachel Weisz) mit ihrer Liebe allein.

 Vielleicht war das ganze Glück des Lebens ja nur eine Spiegelung: Rachel Weisz als Ehebrecherin Hester in „The Deep Blue Sea“ © Kinostar Bilderstrecke 

Der Mann, den sie liebt, ein ehemaliger Jagdflieger, ist so mit sich selbst beschäftigt, dass er ihren Geburtstag vergessen hat und zu einer Golf- und Sauftour mit Freunden aufgebrochen ist. Und der Mann, den sie verlassen hat, ein wohlhabender Richter, lebt in einer Welt, in die Hester nicht zurückkehren will, mit eigenem Chauffeur, Landhaus, Fünfuhrtees und Theaterloge. Hester hat gewählt, aber das, was sie suchte, sinnliche und seelische Erfüllung, ist ihr zwischen den Fingern zerronnen. Deshalb will sie Schluss machen, für immer einschlafen, das Licht ihres Tages löschen. Aber sie wacht wieder auf.

Ein plötzlicher Blick in die Kindheit

„The Deep Blue Sea“ ist ein Film, der nicht lange braucht, um den Rahmen, in dem er spielt, abzustecken, weil die Figuren des Geschehens seit Ewigkeiten bekannt sind: der ältere Ehemann, der junge Liebhaber, die kaltherzige Schwiegermutter, der Pfarrer, die Hauswirtin, der Wohnungsnachbar. Aber dann scheint er, mitten in der Entwicklung des Dramas, doch wieder innezuhalten. Denn in Wahrheit geht es nicht um Ehebruch, sozialen Abstieg und bürgerliche Moral, sondern um etwas anderes, Vageres. Es geht um Sehnsucht, die Sehnsucht der Hester Collyer.

Und darum, wie sie ihr Ziel, das Glück, nicht zu fassen kriegt. Einmal sieht man, wie Hester in eine U-Bahn-Station läuft und plötzlich, im Lichtgeflacker des einfahrenden Zuges, in die Welt ihrer Kindheit zurücktaucht. Von oben hört man die Einschläge von Fliegerbomben. Putz rieselt von der Decke, Leute in dicken Mänteln drängen sich schutzsuchend in der Station zusammen. Jemand singt ein Liebeslied aus dem Radio. Damals war Krieg, aber Hesters Leben hatte eine klare Form. Jetzt steckt sie zwischen dem einen Mann und dem anderen, zwischen einer toten Ehe und einer unsteten Affäre fest. Between the devil and the deep blue sea, wie es im Englischen heißt.

Eine junge Unentschlossene

Von Sehnsucht, als Krankheit wie als Heilmittel, handeln alle Filme von Terence Davies, seit er das Kino als Möglichkeit entdeckt hat, von seiner eigenen Kindheit unter der Knute eines brutalen Vaters in einem Kleinbürgerviertel von Liverpool zu erzählen. Nach drei Spielfilmen war dieser Stoff offenbar ausgeschöpft, seither hat sich Davies auf literarische Vorlagen verlegt. „Haus Bellomont“ (2000), der auch bei uns im Kino lief, ist die Verfilmung des Romans „The House of Mirth“ von Edith Wharton, „The Deep Blue Sea“ adaptiert ein Theaterstück des britischen Autors Terence Rattigan.

Aber Themen und Vorlieben von Davies wirken in diesen fremden Geschichten fort. „Haus Bellomont“ handelt von einer jungen Frau, die sich zwischen den Möglichkeiten ihres Lebens nicht entscheiden kann und am Ende alles verliert. Der neue Film lässt Hesters Schicksal in der Schwebe, aber auch hier gibt es kein Happy End, nur happy moments, die das Geschehen vor der Kamera unterbrechen. Fast alle haben mit Musik zu tun.

Eine Rückkehr ins England der Nachkriegszeit

Denn wie in Davies’ frühen Meisterwerken „Distant Voices, Still Lives“ und „The Long Day Closes“ fangen auch hier die Menschen an zu singen, wenn sie ihren Alltag vergessen wollen. Einmal sieht man einen Pub voller Leute, die im Chor den alten Kriegsschlager „You Belong to Me“ singen. Wir sind im London der fünfziger Jahre; die Zeit, in der junge Männer mit diesem Lied auf den Lippen nach El Alamein zogen oder wie Hesters Freund Freddie in eine Spitfire stiegen, um ihre Heimat zu verteidigen, liegt noch nicht lang zurück, Lebensmittel und Kohle sind weiter rationiert, viele Straßen durch Bombentrichter entstellt.

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In diesem Nachkriegs-England mit seinen bleichen Farben und abgetönten Erwartungen spielen einige der besten Filme des britischen Kinos, etwa David Leans „Begegnung“, der wie „The Deep Blue Sea“ eine hoffnungslose Liebe beschwört, und es ist, als sehnte sich Davies danach, diese Welt zurückzuholen, so penibel zeichnet er ihre Stimmungen und Konturen nach. Sein Film ist selbst ein Werk der Sehnsucht, und anders als seiner Heldin wird ihm von Anfang an das Glück der Erfüllung zuteil.

Ein neues London

Wenn man aufzählt, worum es bei Terence Davies geht, hat man das ganze Arsenal des Kitsches beisammen: Kostüme, Kulissen, Liebesschmerz, Verzicht. Und doch gelingt ihm immer wieder das Wunder, dies alles in Schönheit zu verwandeln. Das liegt weder am Budget noch an den (großartigen) Schauspielern, sondern an der Vorsicht seines Blicks. Als Freddie ihr nach einem Streit auf offener Straße den Abschied gibt, eilt Hester in ihrem bordeauxroten Wollmantel durch einen dunklen Gang davon. Jeder andere hätte sich an ihre Fersen geheftet. Davies aber lässt sie gehen. Ihr Mantel leuchtet wie ein Blutfleck durch die Finsternis.

Das Paris der Paramount, hat Ernst Lubitsch gesagt, sei das pariserischste von allen. Jetzt, mit „The Deep Blue Sea“, gibt es ein neues London im Kino, das unsere alten Vorstellungen übertrifft. Am Ende schwenkt die Kamera von Hesters Fenster zurück auf die Trümmer nebenan. In der Welt, die sich vor Hester verdunkelt, war Terence Davies jung. So schließt sich der Kreis.

Quelle: F.A.Z.

 
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