16.04.2009 · Der Vampir hat immer recht: „Il Divo, der Göttliche“ heißt Paolo Sorrentinos Filmsatire über Giulio Andreotti, den siebenmaligen Ministerpräsidenten, der mit der Mafia im Bunde gewesen und in diverse Mordfälle verwickelt sein soll.
Von Andreas KilbAuf seinem Weg zur Macht wird der kleine steife Mann mit den hängenden Schultern und den Fledermausohren von einer Perserkatze aufgehalten. Es ist der 17. April 1991, und Giulio Andreotti tritt das Amt des italienischen Ministerpräsidenten an, zum siebten Mal. Die große Treppe im Palazzo Chigi hat er schon erklommen, nun muss er durch die Vorhalle in den Audienzsaal schreiten. Aber da ist dieses weiße Fellknäuel, das ihm mit aufgerissenen Augen den Zutritt verwehrt. Der kleine Mann könnte um die Katze herumlaufen. Statt dessen fixiert er sie. Drei, vier Sekunden dauert dieses Blickduell, dann klatscht der künftige Ministerpräsident in die Hände - und nichts geschieht. Noch einmal klatscht das Männlein, und da endlich trollt sich das Tier. Es miaut dabei leise, so wie Italien zwanzig Jahre lang miaut hat, wenn Giulio Andreotti an die Regierung kam. Aber dann hat es ihm doch immer wieder den Weg frei gemacht, wie ein folgsames Haustier seinem Herrn.
Inzwischen ist der Name Andreotti in Deutschland nur noch der älteren Generation geläufig, ebenso wie die meisten führenden Mitglieder der „Democrazia Cristiana“, jener Partei, die in der Ära vor Berlusconi die Interessen des konservativen Italien vertrat. Und doch hat Andreotti zwischen 1972 und 1992 sieben Jahre lang die italienische Regierung und weitere sechs Jahre das Außenministerium geleitet und so die Politik seines Landes in der Endphase des Kalten Krieges entscheidend geprägt. Es war Andreotti, der den historischen Kompromiss zwischen Kommunisten und Christdemokraten aushandelte und damit eine Epoche ideologischer Kämpfe beendete, und es war derselbe Mann, der sich neben Margaret Thatcher am lautesten gegen die deutsche Wiedervereinigung aussprach.
Der Dunkelmann mit der Dornenkrone
Aber nicht um diesen Andreotti geht es in Paolo Sorrentinos Film „Il Divo“. Sondern um den anderen, den Dunkelmann Andreotti, der mit der Mafia im Bunde gewesen und in diverse Mordfälle verwickelt sein soll. Der visuelle Steckbrief seiner Untaten wird schon in den ersten Bildern des Films geschrieben: eine Kette von Auto- und Giftmorden an Politikern, Richtern, Bankern und Journalisten, darunter der gewaltsame Tod des christdemokratischen Parteichefs Aldo Moro und das Sprengstoffattentat auf den Mafia-Ermittler Giovanni Falcone. Dann, nach all den blutüberströmten Leichen und zerfetzten Autos, sieht man den siebzigjährigen Andreotti (Toni Servillo) mit einer Dornenkrone aus Akupunkturnadeln an seinem Schreibtisch sitzen. Er spricht über die nagenden Kopfschmerzen, an denen er seit frühester Jugend leidet. Und er erzählt von einem Musterungsarzt, der ihn für moribund erklärt und ihm keine drei Monate mehr gegeben habe. „Jahre später wollte ich ihn besuchen, um ihm zu sagen, dass er sich geirrt hatte. Aber er war tot.“
Sorrentinos Andreotti ist dagegen ein Untoter, eine leere Hülle, hinter der die Ängste und Sehnsüchte des Menschen, der sie einst bewohnt hat, längst abgestorben sind. Toni Servillo, der sich für seinen Auftritt eine Ohrenprothese anfertigen ließ, stattet seine Figur mit den klassischen Attributen der Kino-Vampire aus, dem starren Fledermausgesicht, der leisen, tonlosen Stimme, dem steifen, uhrwerkhaften Gang. Die Gespräche werden leiser, die Gesichter wachsamer, selbst das Tageslicht verschattet sich, wenn das bucklige Männlein mit den eingezogenen Schultern vorbeistolziert.
Raunen und Rauschen auf höchstem Suggestionsniveau
Der siebenfache Ministerpräsident A. verdankt sein Überleben offenbar seiner Fähigkeit, sich vom Blut seiner Gegner zu nähren. Nur sieht man ihn nie trinken. Das eigentliche Machtspiel, das Gezerre und Geschacher der Parteien und ihrer Führer, findet in „Il Divo“ jenseits des Blickfelds der Kamera statt, so dass die politischen Ergebnisse den Charakter einer Epiphanie haben oder eines kriminellen Coups. Im einen Augenblick ist Andreotti auf dem Gipfel seiner Laufbahn, im nächsten, als er bei der Wahl zum Staatspräsidenten gegen Oscar Luigi Scalfaro unterliegt, schon auf ihrem Tiefpunkt - und dazwischen geschieht wenig mehr als Flüstern und Augenzwinkern, offensichtlich mit welthistorischen Folgen. Das Mysterium, zu dem Sorrentino seinen Helden erklärt, legt er selbst in ihn hinein. Wie zum Hohn wiederholt er in der Mitte seines Films noch einmal die Schreckensbilder des Anfangs. In der Welt der Andreottis und ihrer Komplizen gibt es keine Gerechtigkeit, nur die ewige Wiederkehr des Mordens und Sterbens.
Der echte Andreotti stützte seine Macht auf eine Kamarilla ihm ergebener Gefolgsleute. Die Sequenz, in der Sorrentino ihren Einmarsch in den Palazzo Chigi zeigt, ist ein Meisterstück politischer Satire. Von einem frechen, jungenhaften Pfeifen herbeigerufen, steigen die sechs Paladine - einer hört auf den Spitznamen „der Hai“, ein anderer, ein Kardinal, heißt „seine Heiligkeit“ - in Zeitlupe aus ihren Autos wie eine Delegation von Auftragskillern, die zu einem Gangsterkongress anreisen. Die eigentliche Mafia sitzt bei Paolo Sorrentino in Rom. Weil aber Andreottis Verbrechertum nicht faktisch zu belegen ist, beweist der Film es ästhetisch. Die Gaunervisagen der Handlanger, die entstellten Gesichter der Opfer, die gemurmelten Bonmots des divo („Ich habe keine kleineren Laster“) sprechen Bände. Auch hier ist alles Raunen und Rauschen, aber auf höchstem Suggestionsniveau. Als Virtuose der politischen Anspielung ist Sorrentino noch gewiefter als sein Protagonist.
Trauer liegt auf dem Grund der Filmsatire
Der Soundtrack des Films ist ein Kunststück eigener Art. Für den an der Macht irre werdenden, von Prozessen und Selbstzweifeln zermürbten Andreotti hat der Regisseur die melancholische „Pavane“ von Fauré reserviert, die Taten des Vampirs und seiner Clique dagegen unterlegt er mit Saint-Saëns' „Danse macabre“ und anderen bösen Stücken. Ohnehin hat „Il Divo“ mehr mit einer Oper von Verdi als mit dem Aufklärungskino eines Francesco Rosi oder Matteo Garrone („Gomorrha“) gemein. Die politische Klasse schwingt das Tanzbein in diesem Film, als wollte sie an die gemalten Totenreigen des Mittelalters anknüpfen, in denen die ganze Gesellschaft dem Knochenmann die Hände reichte. Dergleichen sah man zuletzt bei Federico Fellini, in „Roma“ und „La Dolce Vita“. Fellinis süße Zivilisationskritik ist in seinem Enkel Sorrentino bitter geworden. Auf dem Grund seiner Filmsatire liegt kein politischer Eifer, sondern Trauer um die verlorene Unschuld einer mit Andreottis Gesicht im Fernsehen aufgewachsenen Generation.
Ein einziges Mal versucht der Film, hinter die Charaktermaske seines Helden zu schauen. Da sitzen Andreotti und seine Ehefrau Livia (Anna Bonaiuto) vor dem Fernseher, in dem ein Konzert des Sängers Renato Zero läuft. Als er seinen Hit „I migliori anni della nostra vita“ („die besten Jahre unseres Lebens“) singt, fragt Livia ihren Giulio: „Weißt du noch?“ Und dann erinnert sie ihn daran, wie er vor fünfzig Jahren auf einem Friedhof um ihre Hand angehalten habe. So könnte eine Geschichte beginnen, die womöglich noch unheimlicher wäre als alles, was Sorrentinos Film zu erzählen hat. Aber da klappt „Il Divo“ sein ästhetisches Visier rasch wieder hoch. Schließlich soll der Vampir, dessen Zähne er dem Publikum zeigt, uns nicht auch noch beißen.