19.03.2009 · Inzwischen hat sich fast alle Welt darauf geeinigt, Danny Boyles mit acht Oscars ausgezeichnetes Filmmärchen„Slumdog Millionär“ toll zu finden, menschlich, bewegend, ergreifend und humorvoll. Aber am Ende dieses betont unschuldig erzählten Films spürt man doch einen Nachgeschmack.
Von Peter KörteNormalerweise locken Filme ihr Publikum auf die Straße, weil es Schlange an der Kasse stehen muss. Manchmal trauen sich auch einige Verbiesterte, Transparente zu entrollen und in Mahnwachen gottlose Regisseure wie Martin Scorsese zu verdammen, die es wagen, die Passion Christi zu verfilmen. Ansonsten lebt ein Film auf der Leinwand und in den Köpfen, er zirkuliert durch Zeitungen, Talkshows und Gesprächsrunden, er mag zum gesellschaftlichen Phänomen werden und Modetrends auslösen. Doch nur in ganz seltenen Fällen gehen jene, von denen ein Film erzählt, selber auf die Straße. Als „Slumdog Millionär“, der vor drei Wochen acht Oscars gewann, in den indischen Kinos anlief, kamen die Kinder aus den Slums von Bombay und hielten Schilder hoch, auf denen stand: „Wir sind keine Hunde“, weil sie sich durch den Filmtitel in ihrer Würde gekränkt sahen.
Und obwohl der Film in Indien für ziemlich diskursive Erregung sorgte, obwohl die einen ihn einen „Armuts-Porno“ nannten und andere ihn verteidigten, obwohl die beiden großen Parteien im Wahlkampf nun um die Nutzung des Hits „Jai Ho“ („Sei siegreich“) aus dem Film erbittert streiten, trotz oder gerade wegen dieser kleineren und größeren Friktionen, hat sich inzwischen fast alle Welt darauf geeinigt, den Film des Briten Danny Boyle toll zu finden, menschlich, bewegend, ergreifend, humorvoll und wie all die schönen Adjektive heißen, mit denen man sich weitere Überlegungen erspart.
Traumwandlerische Sicherheit
Es ist ja auch ein Kinostoff, wie man ihn kaum besser finden, dessen Sogwirkung man schwer widerstehen kann: ein Märchen von Elend und Leid, von Glück und Liebe, das den Weg aus einer harten Kindheit zum Happy End in den schillerndsten Farben malt, eine flüchtige Liaison von Bollywood und Hollywood, die Boyle, der Angehörige der ehemaligen Kolonialmacht, und ein Inder gestiftet haben, der Diplomat Vikas Swarup, der die Romanvorlage „Rupien, Rupien!“ schrieb.
Es ist die Geschichte des 18-jährigen Jamal (gespielt von dem Briten Dev Patel), eines Tea-Boys, der im Alter von sieben Jahren bis auf seinen Bruder seine gesamte Familie verliert, die von antiislamischen Fanatikern ermordet wird. Jamal kämpft sich durch, er entgeht Heimen und der Rekrutierung durch organisierte Diebesbanden, er lebt auf der Straße und trägt Tee in Büros, bis er es schafft, Kandidat bei der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär?“ zu werden und sich mit so traumwandlerischer wie rätselhafter Sicherheit bis zur letzten Frage vorzuarbeiten, bei der es um zwanzig Millionen Rupien geht.
Ein Globalisierungsmodell
Es passiert in diesen zwei Stunden nichts, was nicht absehbar wäre. Wenn der Film einsetzt, sitzt Jamal auf einer Polizeiwache, er wird gefoltert und verhört, weil man glaubt, er habe bei der Show betrogen, und in dem Moment, in dem er auszusagen beginnt, verwandelt sich der Film in einen schnellen Wirbel durch Vergangenheit und Gegenwart. Was diesen Wirbel in kontinuierlicher Bewegung hält, das ist natürlich nicht das Geld, sondern die Liebe, die Liebe zu dem Waisenmädchen Latika (Freida Pinto), aus dem eine schöne Frau geworden ist, die sich zur Zeit von Jamals wachsender Fernsehprominenz noch in den Klauen eines widerlichen Zuhälters befindet.
Zu jeder richtigen Antwort Jamals gibt es eine Rückblende, die erklärt, wie er wissen konnte, was ein Junge ohne Schulbildung eigentlich nicht wissen kann: Wie er von Samuel Colt erfuhr, der den Revolver erfand, oder von dem Bollywood-Star, dessen Autogramm Jamal bekam, nachdem er in eine öffentliche Latrine gefallen war. Man muss gar nicht verraten, wie der Film ausgeht, weil es längst jeder weiß und es sich nach zehn Kinominuten hat denken können, auch wenn natürlich niemand mit der finalen Tanzeinlage auf dem Bahnhof von Bombay gerechnet hat.
So ist „Slumdog Millionär“ weniger als eine märchenhafte Aufstiegsstory interessant denn als Globalisierungsmodell, das in den Slums von Bombay ausprobiert wird, die Boyle und sein Kameramann Anthony Dod Mantle so unfolkloristisch zeigen, wie das gerade möglich ist, wenn man mit leichtem digitalen Gepäck in die Welt der Wellblech- und Papphütten geht und gar nicht anders kann, als die Farben des Verfalls, das Elend, den Schmutz und die Enge zu dokumentieren, die für europäische Augen bei allem Grauen immer auch ein exotisches Flair ausstrahlen.
Die Illusion bedeutsamen Wissens
„Slumdog Millionär“ erzählt vom Siegeszug eines TV-Formats, das 1998 erstmals ausgerechnet in England ausgestrahlt und seither in 107 Länder verkauft wurde. Die gesamte Choreographie, Studiodesign, Musikeinspielungen, Kameraführung und Lichtkonzept von „Who Wants to Be a Millionaire?“ sind in einem Handbuch genau festgelegt und dürfen ohne Genehmigung des Lizenzgebers nicht verändert werden, ganz gleich, ob die Sendung nun in Vietnam, Polen oder Indien ausgestrahlt werden soll.
Und wenn es etwas gibt, das einem hier wie ein Kulturschock vorkommt, dann sind es eben nicht die Lebensbedingungen in den Slums, auch nicht die Menschenmassen, die sich im Freien vor einem Fernseher versammeln für das Finale der Show; es ist die Tatsache, dass mitten in Bombay dieselben Jingles gespielt werden und dieselbe Sitzordnung herrscht wie in Köln-Hürth bei unserem Günther Jauch; dass jenseits der kulturellen Einfärbung der Fragen dieselben Regeln gelten.
Das ist fast so, als wären Außerirdische gelandet und hätten überall ihre kleinen Enklaven errichtet. Und überall gilt die Macht der Illusion, dass es um lebensgeschichtlich bedeutsames Wissen geht und nicht bloß um bekanntere und entlegenere Fakten, die einer im Laufe seines Lebens irgendwann mehr oder minder zufällig so gespeichert hat, dass sie sich bei Bedarf abrufen lassen, und die auf einmal einen nie für möglich gehaltenen finanziellen Nutzen abwerfen, während sie andere Leute am liebsten von der Festplatte im Kopf löschen werden, weil sie oft so sinnlos sind.
Das kalkulierte Entertainment
Danny Boyle mag die Ironie nicht entgangen sein, er hat sie bloß einfach abgeschüttelt: dass ein im Grunde so sturzlangweiliges wie erfolgreiches TV-Format die ganze Welt des Helden verändert - und dass sich diese Fabel fortsetzt, wenn die Laiendarsteller aus Bombay in Anzug und weißem Hemd mitten in Hollywood bei der Oscar-Gala gefeiert werden. Natürlich wird Danny Boyle sich um seine Akteure kümmern, er wird ihre Ausbildung finanzieren und Geld für sie anlegen, um zu beweisen, dass Märchen gelegentlich doch wahr werden können. Ist ja auch alles in Ordnung.
Aber am Ende dieser so glatt und charmant, so betont unschuldig und dynamisch erzählten Wundergeschichte spürt man doch einen Nachgeschmack. Das kalkulierte Entertainment samt angegliedertem sozialen Gewissen justiert die Perspektive: Es ist der milde-paternalistische Blick eines wohlmeinenden Unternehmers, der auf das Geschehen fällt.
Und deshalb begreift man auch die indischen Reaktionen, die auf die handfeste Seite der Globalisierung verweisen, durch welche das zweitgrößte Land der Erde zu einer Wirtschaftsmacht geworden ist. Denn im Kino ist der soziale Ort des Helden nicht mehr als das Resultat eines Multiple-Choice-Verfahrens.
Die wichtigsten Kinofilme in Video-Kritiken der F.A.Z.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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