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Video-Filmkritik Sing doch mit, George!

28.01.2012 ·  So war der Kalte Krieg: Der Film „Dame, König, As, Spion“ nach John Le Carrés Roman erzählt eine packende Verschwörungsgeschichte in kühlen Bildern. Gary Oldman brilliert als George Smiley.

Von Peter Körte
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Wenn dann, nach mehr als zwei Stunden, der Maulwurf enttarnt ist, wenn die hermetische Welt des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 wieder im Gleichgewicht zu sein scheint, wenn das Puzzle, welches der Film ausgelegt hat, um das komplette Bild erst mit dem letzten Stein sichtbar werden zu lassen, vor einem liegt - wenn also der Kalte Krieg ganz einfach weitergeht, dann bleibt von dieser labyrinthischen Verschwörungsgeschichte vor allem ein kleiner Moment, der mehr über Agenten und Doppelagenten erzählt als alle aufgelösten Rätsel.

Es ist nur eine Weihnachtsfeier im „Circus“, wie John Le Carré den MI6 genannt hat, die grün-roten Girlanden der Dekoration sorgen für die kräftigsten Farben während des ganzen Films, und auf einmal betritt der Weihnachtsmann die Bühne. Er trägt eine Lenin-Maske, und sobald er die sowjetische Nationalhymne anstimmt, fällt die ganze Auslandsabteilung mit einer Inbrunst ein, die nicht geheuchelt ist. Den Originaltext können sie alle mindestens so gut mitsingen wie die Zeilen von „God Save the Queen“, und das ist, ganz ohne Freud, keine Identifikation mit dem Aggressor, sondern die Bestätigung einer internationalen, um nicht zu sagen: internationalistischen Bruderschaft der Spione, die ihrem jeweiligen Feind so tief verbunden sind, weil er die Bedingungen ihrer Existenz garantiert.

Der Mastermind als freudloser Angestellter

Nur einer mag dabei nicht mitsingen, mag sich auch nicht über zu wenig Gin in der Bowle beschweren oder sich dem allgemeinen Schulterklopfen anschließen. Er wirkt wie der sauertöpfische Buchhalter, der nur dabei ist, weil es für solche Betriebsfeste eine unausgesprochene Teilnahmepflicht gibt. Und er muss auch, ohne eine Miene zu verziehen, mit ansehen, wie seine Frau ihn mit einem Kollegen betrügt. Dieser einsame Mann heißt George Smiley, und der Schriftsteller John Le Carré hat ihn durch seine Bücher zur wohl bekanntesten Agentenfigur neben Ian Flemings James Bond gemacht, von welchem ihn dann allerdings weit mehr trennt, als Ost und West im Kalten Krieg. Ein hyperkorrekt gekleideter Mann, der nie lächelt, dessen tiefe Falten im Gesicht Bitterkeit verraten; ein Mann, der eine viel zu große Brille trägt und auf den ersten Blick niemandem auffällt. Der Mastermind als freudloser Angestellter.

Gary Oldman spielt ihn in Tomas Alfredsons Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“, und das ist nicht nur eine überzeugende Besetzung, weil Oldman ein guter Schauspieler ist. Vor allem traut man Oldman die Gefährlichkeit, Unberechenbarkeit und Brutalität, die er in seinen Rollen in „True Romance“, „JFK“ oder „Dracula“ ausstrahlte, immer noch zu. Diese Eigenschaften wirken nach wie eine latente Drohung, auch wenn an Oldmans Smiley im Verlauf des Films nur eines gefährlich erscheint: sein Verstand, der so präzise und unbarmherzig arbeitet wie eine Skalpell. Dass Gary Oldman für seinen Smiley jetzt eine Oscar-Nominierung als bester Darsteller bekommen hat, ist da nur angemessen.

In „Dame, König, As, Spion“ - der Roman wurde 1974 veröffentlicht - wird ein Maulwurf im Innern des britischen Geheimdienstes vermutet, ein Sowjetagent. Le Carré hat seinen Roman in Anlehnung an den Fall des sowjetischen Meisterspions Kim Philby geschrieben, der ihn selbst hatte hochgehen lassen, bevor er John Le Carré wurde, als er noch David John Moore Cornwell hieß und in Diensten des MI6 stand.

Eine nahezu farblose Welt

Der erste Versuch, dem Verräter in Ungarn auf die Spur zu kommen, schlägt fehl. Smiley muss mit seinem Chef Control (John Hurt) in den Ruhestand, der Budapester Feldagent Jim Prideaux wird, nach Entlassung aus russischer Haft und Folter, zum Collegelehrer degradiert. Erst als sich der Verdacht erneut zuspitzt, wird Smiley aus dem Ruhestand zurückbeordert, um den Feind im eigenen Haus zu entlarven. Diese kleinteilige, gewundene und hochkomplizierte Operation ist der Kern des Films. In dem paranoiden Klima des „Circus“ wird nach und nach jeder verdächtig, Smiley eingeschlossen.

Der Schwede Tomas Alfredson, der vor drei Jahren den Vampirfilm „So finster die Nacht“ drehte, zeigt das London der frühen Siebziger als eine nahezu farblose Welt, die sich kaum von der Ostblock-Tristesse unterscheidet in ihren Grau- und schmutzigen Brauntönen und dem Mangel an Geschmack, den Wohnungen, Büros und Hotelzimmer verraten. Der Film ist primär ein Spionagekammerspiel, von Zigarettenrauch ständig leicht vernebelt, ohne Verfolgungsjagden, ohne all die hübschen Bond-Accessoires, vor allem fast ohne Frauen. Smileys untreue Ehefrau Ann, deren Gesicht während des gesamten Films nicht einmal zu sehen ist, mag zwar auch für die Magenbittermiene ihres Mannes verantwortlich sein; für die Handlung bleibt sie marginal. Die Triebenergie des Agenten wird sublimiert.

Alfredsons Inszenierung hat einen faszinierenden Rhythmus, zu dem die Filmmusik von Alberto Iglesias mit ihren flüsternden Streichern und gedämpften Trompeten großartig passt. Unwiderstehlich zieht er einen hinein, nicht nur weil jedes Geheimnis ein neues in sich trägt, wie die Puppe in der Puppe, sondern weil sich trotz angespannter Aufmerksamkeit ständig etwas zu entziehen scheint. Alles Klare wird trübe, jeder neue Puzzlestein lässt neue Umrisse erahnen.

Es ist ein merkwürdiges Spiel

Ansatzlose Rückblenden führen in Smileys Vergangenheit, kurze Szenen zeigen nur neue lose Enden. Alfredson reizt die Szenen selten aus. Er folgt der Maxime: spät hinein und früh hinaus, so dass man zwar genug sieht, um die jeweils neue Situation zu erfassen, aber zu wenig, um sich auf sicherem Boden zu glauben. Die Montage hat dabei mitunter etwas Assoziatives. Wie beiläufig schaut man ins Private, in die beklemmende Aufgeräumtheit von Smileys Wohnung; schreckt auf, wenn Jim Prideaux im Klassenzimmer eine Möwe¸ die panisch aus dem Kamin flattert, mit einem Holzkeil erschlägt. Und wenn Smiley von der einzigen Begegnung mit seinem sowjetischen Gegenspieler „Karla“ erzählt, klingt er wie ein Mann, der sich nicht ohne leises Bedauern an eine vergangene Affäre erinnert. Die Pointe zu dieser Szene folgt später ganz beiläufig, in einer Großaufnahme des Feuerzeugs, das „Karla“ Smiley stahl und aufbewahrt hat. „For George from Ann“, ist da eingraviert, „with all my love“.

„Dame, König, As, Spion“ ist reich an solchen Miniaturen. Der Film bleibt im Modus der Andeutungen, er insistiert nicht und will einem nichts demonstrieren. Die Mischung aus Melancholie und Verrat, aus Misstrauen und Größenwahn, die auch den Roman durchzieht, ist wunderbar getroffen. Da sitzen graugesichtige Männer, die den Pulsschlag der Weltgeschichte zu fühlen glauben, in ihren Büros; in ihren Ritualen gleichen sie noch immer den Collegeboys, die sie einmal gewesen waren. Sie belauern einander, während sie den Feind auszutricksen versuchen. Die blutigen, schmutzigen Details überlassen sie den Agenten im Feld, während sie sich in der Kommandozentrale mit den in schmutzigem Orange gestrichenen Wänden versammeln. Es ist ein merkwürdiges Spiel, dessen Absurdität der Kinderreim „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“, wie Buch und Film im Original heißen, noch viel deutlicher werden lässt. Und es ist ein Film, der die Regeln dieses Spiels genau versteht, der sie ernst nimmt, ohne dem Spiel je die Aura zuzugestehen, mit welcher die Akteure ihr Tun überhöhen.

Einträgliche Form der Fleischverarbeitung

Einige Kritiker haben jetzt in einem Anflug von Nostalgie ihre Erinnerungen an Alec Guiness hervorgekramt, an die sechsteilige britische Miniserie von 1979, die 1980 auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Das ist verständlich, weil „Dame, König, As, Spion“ in seiner Nüchternheit und Sprödigkeit großartig war; ein Grund, die Serie im Jahr 2012 gegen Alfredsons Film auszuspielen, wird daraus nicht. Es wirkt eher so, als trauerte man den Klarheiten und Gewissheiten des Kalten Krieges nach, den Schatten von gestern, obwohl sich seit damals nicht nur die Weltordnung verschoben hat, sondern auch die Ordnung der Bilder. Der Retro-Look stellt sich durch die detailsichere, aber nie um große Effekte bemühte Ausstattung ganz von selbst ein, und es hat auch seine Logik, dass die frühen siebziger Jahre in Alfredsons Inszenierung sehr fern und beinahe unwirklich erscheinen, nachdem das Koordinatensystem verschwunden ist, in dem all die Gleichungen und Schlüsse der Spione einen Sinn ergaben.

Offenbar hat dieses Konzept der Produktion auch John Le Carré überzeugt, der nicht nur als Gast bei der Weihnachtsfeier, sondern auch als ausführender Produzent des Films auftaucht - und das, obwohl er vor Jahren mal gesagt hat, die Verfilmung eines Romans sei für ihn, als schaute er dabei zu, wie ein Ochse zu Brühwürfeln verarbeitet werde. Diese Form der Fleischverarbeitung war ja, ganz nebenbei, nicht nur im Falle Smileys, sondern auch beim „Schneider von Panama“ oder dem „Russland-Haus“ immer ein ganz einträgliches Geschäft für ihn. Und nach Ende des Kalten Krieges sollte es wohl erst recht möglich sein, dass Serie und Film in friedlicher Koexistenz nebeneinander bestehen und, dass die literarische Figur, wie es sich für einen anständigen Agenten gehört, nun zwei Gesichter hat.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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