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Video-Filmkritik : Schwarzweiß wie das Leben: „Persepolis“

Bild: Prokino

Die iranische Zeichnerin Marjane Satrapi hat ihren Comic „Persepolis“ verfilmt - die traurig-komische Geschichte eines kleinen, rebellischen Mädchens in Teheran.

          Als Marjane Satrapi vor drei Jahren mit „Persepolis“ weltbekannt wurde, bekam sie einen Anruf aus Hollywood: Man wolle ihren Comic als Film adaptieren, hieß es, mit Jennifer Lopez und Brad Pitt in den Rollen ihrer Eltern - ob sie sich das vorstellen könnte? Sie konnte es sich nicht vorstellen.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und besonders jetzt, wo sie „Persepolis“ gemeinsam mit Vincent Paronnaud als Animationsfilm selbst auf die Leinwand gebracht und beim Festival in Cannes dafür den Preis der Jury bekommen hat, ist sie froh, sich damals sofort dagegen entschieden zu haben. „Ich bin Zeichnerin, und mit den gezeichneten Bildern wollte ich genau die Stereotypen auflösen, die sich mit wirklichen Schauspielern, nachgestellten Schauplätzen und all dem Dekor wieder in die Darstellung hineingeschlichen hätten. Alles wäre umsonst gewesen. Meine Zeichnungen erlauben mir Abstraktion. Es geht mir nicht um die Darstellung von Realität, sondern um die von Situationen, Empfindungen. Ich bin auf der Suche nach der Idee.“


          Sie will Jeans und Rockmusik

          Marjane Satrapi erzählt in „Persepolis“ die Geschichte der kleinen Marji, eines rebellischen Mädchens, das in einer linksliberalen Familie in Iran aufwächst und draußen mit ihren Freunden Räuber und Gendarm spielt, während ihre Eltern auf den Straßen Teherans gegen den Schah demonstrieren. Die Errichtung des Gottesstaates macht 1979 für sie alle politischen und persönlichen Hoffnungen zunichte. Marjis geliebter Onkel Anusch wird vom Revolutionsgericht als russischer Spion hingerichtet; ein Schwager der Mutter stirbt, weil ihm eine Herzoperation im Ausland verweigert wird; und auch sie selbst muss sich den Regeln der Mullahs beugen, muss Kopftuch tragen, was sie natürlich nicht will. Sie will Jeans. Sie will Nike-Turnschuhe. Sie will Rockmusik.

          Es gehört zu den schönsten Szenen dieses so unglaublich komischen und zugleich sehr traurigen Films, wenn Marji, mit ihrem nicht ganz perfekt gebastelten „Punk is not ded“-T-Shirt, auf dem Schwarzmarkt an der Avenue Gandhi in Teheran Kassetten kaufen geht und vor ihren Augen endlich der ersehnte Musik-Dealer auftaucht, der ihr nicht Michael Jackson, nicht Pink Floyd und auch nicht Stevie Wonder entgegenflüstert, sondern Iron Maiden. Da flippt sie aus - und schon sind die Revolutionswächterinnen zur Stelle: „,Was sollen diese Punker-Schuhe?' - ,Was für Punker-Schuhe?' - ,Die da!' - ,Das sind Baskets!' - ,Schweig! Es ist Punk!' Offenbar wusste sie nicht, was Punk war. Ich musste lügen, mir blieb keine Wahl. ,Ich spiele Basketball, darum diese Schuhe. Ich bin im Verein in der Schule. ,Und was ist das für ein Abzeichen? Michael Jackson! Ein Symbol der Dekadenz!' - ,Das ist Malcolm X, Führer der schwarzen Muslime in Amerika.' Zu der Zeit war Michael Jackson noch schwarz. - ,Verhöhnst du mich? Es ist Michael Jackson! Zieh das Tuch tiefer, kleine Nutte. Und steig in den Wagen, wir bringen dich zum Komitee.'“

          Ganz ohne Orientalismus

          Es ist ihr eigenes Leben, das die 37-jährige Comic-Zeichnerin, die heute mit ihrem schwedischen Mann in Paris, im Marais-Viertel, lebt, den Zuschauern als Serie von Anekdoten, Situationen und Pointen mit klarer Ausdruckskraft entgegenschleudert. Gebannt sitzt man da, sofort verliebt in die kleine Marji. Doch will Marjane Satrapi, deren Französisch schnell ist wie ein Maschinengewehr und die sich nicht aufhält mit Gefälligkeiten, Comic und Film nicht als autobiographisch verstanden wissen. Ihr Onkel Anusch, ihre unbestechlich unabhängige Großmutter - natürlich habe es sie gegeben. Für das Verständnis des Films sei das aber nicht relevant.

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