Home
http://www.faz.net/-gs7-7023n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik Schließ die Augen und schau mich an

 ·  Die iranisch-amerikanische Regisseurin Maryam Keshavarz bringt mit ihrem ersten Spielfilm „Sharayet - Eine Liebe in Teheran“ auch westlichen Augen neuen Respekt vor mutigen Menschen bei.

Artikel Video (1) Lesermeinungen (0)
© Salzgeber Video-Filmkritik: „Sharayet“

Manchmal schwimmt der iranische Himmel lila in Vanille; Rasierschaumwolkenkleckse wissen da bloß gerüchteweise von der Sonne. Die Menschen, die in dieses bleiche Licht blinzeln, sind mehr als das, was politische Bedrückung aus ihnen machen will. Eltern singen zusammen, vorn im Auto, für drei hinten sitzende Nicht-mehr-Kinder.

Der Junge wäre fast im Drogentaumel verlorengegangen, jetzt sucht er Anschluss bei den übelsten Fundamentalisten. Seine freche Schwester raucht gern, besitzt ein Glitzerkleid und schwärmt vom Boombass neuester Popmusik, der sei „orgasmisch“. Das in sich gekehrte Mädchen, das diese Schwester liebt und von ihr geliebt wird, denkt, während die Eltern der frechen Raucherin singen, vielleicht gerade an seine eigenen - zwei Gelehrte, ermordet von den Henkern des Regimes.

In stillem, instabilen Einverständnis

Bruder, Schwester, Waise: Schulter an Schulter sitzen die drei im Auto, mit geschlossenen Augen, in stillem, instabilem Einverständnis - wenn der Bruder die Schwester und ihre Liebste an den Staat verrät, drohen ihnen Peitschenhiebe und im Wiederholungsfall der Tod. Reza Sixo Safai spielt den rekonvaleszenten Suchtkranken mit ergreifender Zerquältheit; sein Körper wird zum Austragungsort des bitter ernsten Kampfs um Selbstbestimmung spätestens in dem Moment, da eine entsetzliche Heirat mit ihm ein Problem lösen soll, das keines ist. Unfähig zur Introspektion, wird der Leidende zum Instrument der Macht.

Der Blick nach Innen

Maryam Keshavarz sieht ihren Figuren häufig liebevoll dabei zu, wie sie nach innen schauen oder das wenigstens versuchen. Traumszenen gibt es im Kino oft genug; meist als Anlass für verwegen-subjektivistische Formexperimente. In „Sharayet - Eine Liebe in Teheran“ aber wird nicht allein geträumt, sondern zu zweit, auf dem breiten Bett oder an einem Brückengeländer.

Man flüstert einander zu, was die Traumaugen schauen: Die kühne Atafeh (Nikohl Boosheri) und die vorsichtige Shireen (Sarah Kazemy) malen sich gemeinsam aus, wie das klingen könnte, in einer Bar, wo die eine singt und die andere ihr lauscht, als Managerin und Vertraute; oder wie sich das anfühlen könnte, in einem lichten und großzügigen Penthouse am Meer, wenn man riskantere Wäsche tragen dürfte und endlich Zeit füreinander hätte.

Schillernde Mehrdeutigkeit

Die Regisseurin hat den Film auf Farsi gedreht. Dass sie ihre Filmsprache in den Vereinigten Staaten gelernt hat, verbirgt sie nicht - handwerkliche Souveränitätsgesten wie das Spiel mit voyeuristischen Komplizenschaften und Machtgefällen mittels eingespielter Überwachungskamera-Aufnahmen, unerschrockenes Sound-Design und die Thematisierung der Wahrnehmungseigenheiten von Menschen, die amerikanische Popkultur als Reservoir von Widerstandszeichen erleben, tauchen die Geschichte von Sehnsucht, Annäherung, Preisgabe, Entkommen und Glück in schillernde Mehrdeutigkeit.

Musik ist allgegenwärtig. Geschmäcklerische Unterschiede zwischen Bach, einer Jim-Steinman-Schmacht-Arie und cool feministischem Underground-Pop wie „Deceptacon“ von Le Tigre macht das halblegale Kulturleben von Teheran nicht. Die ästhetischen Überlebensstrategien sind die der Überblendung und des forciert Ungleichzeitigen.

„Milk“ als Film im Film

So kommt ein Sexualoppositioneller auf die Idee, man könnte doch eine synchronisierte Fassung des politischen Homosexuellen-Emanzipationsdramas „Milk“ mit Sean Penn für den subversiven Vertrieb auf dieselbe DVD brennen wie „Sex and the City“ - das eine wollen die Spießer sehen, das andere erweitert ihren Horizont. Deshalb begegnen wir „Milk“ als Film im Film - einer von Dutzenden formalen Einfällen der Regisseurin, die sich über die Artigkeiten des politischen Kinos hinwegsetzen -, während der Iraner, der Penn seine Stimme leiht, die Regie-Anweisung, bitte weicher zu klingen, dermaßen übertrieben umsetzt, dass sein Spielleiter dazwischenlacht: „Er ist zwar schwul, aber so schwul auch wieder nicht.“

Keine Sentimentalitäten: Atafeh und Shireen sehen ein perlblitzendes Accessoire in einem Auto, das fürs Mondäne, Elegante steht. Die Mutige zerschlägt die Scheibe und schenkt der Schüchternen den Schatz; es folgt der erste Kuss, nicht sapphisch-magisch, eher ein dicker Schmatzer. Das ist, wie die meisten Wendemomente der Handlung, geschickt gezeichnet - welche Gestalt, wenn nicht die einer geradezu ruppigen Burschikosität, soll denn auch eine bedrohte kostbare Herzensregung annehmen, wo fromme Brutalität will, dass alles Zarte verleugnet werde?

Mehr als Staatsräson und Glaubenszwang

Die streitlustige queere Theoretikerin Jasbir Puar hat westlichen Liebesliberalen gelegentlich vorgeworfen, die Not der von islamistischen Regimes Gequälten zu goutieren, um sich in muslimfeindlichen Klischees zu suhlen. „Sharayet - Eine Liebe in Teheran“, Werk einer Iranerin, die auch Amerikanerin ist, versucht weitgehend erfolgreich, dieser Falle zu entgehen - Keshavarz weiß, dass die Menschen einander im Westen nicht aus verordneter Keuschheit verfehlen, sondern zum Beispiel aus Angst, verletzt und enttäuscht zu werden. Deshalb zeigt sie uns, dass Shireen und Atafeh nicht nur unter Staatsräson und Glaubenszwang leiden, sondern auch darunter, dass Menschen selbst da, wo sie einander nah sind, in Kleinmut fehlbar bleiben: „Ich liebe dich“, sagt Shireen, und die sonst so dreiste Atafeh traut sich keine offenere Antwort als: „Ich weiß.“

Gegen solche Befangenheit - Shireen spricht das an anderer Stelle ganz zu Recht deutlich aus - sind praktische Einrichtungen wie Protest, Dissidenz, Subversion keine hinreichenden Mittel. Nur absolut unpraktische, gemeinsame, gefährdete Träume helfen, wo Liebe an Furcht erkrankt. „Sharayet“ ist so ein Traum, der hilft.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6