Wenn Tony seinen ersten Auftritt hat, stockt einem der Atem. Der junge Mann baumelt nachts unter einer Brücke, und jeder, der den neuen Film von Terry Gilliam sieht, weiß: Tony wird gespielt von Heath Ledger, jenem Achtundzwanzigjährigen, der als größte Schauspielhoffnung seiner Generation galt, im Januar 2008 unter Tabletteneinfluss starb und im vergangenen Jahr postum den Oscar für seine Rolle als Joker in dem Batman-Film „The Dark Knight“ erhielt. Den Joker spielte er als Zyniker, der andere zerbricht, weil er selbst moralisch zerbrochen ist. Als Tony nun spielt er jemanden, dem sogar das Genick gebrochen werden soll, denn ein Lynchmob hat den Trickbetrüger unter der Brücke aufgeknüpft.
Doch mag auch uns der Atem stocken angesichts des Toten, der da einen Toten spielt - Tony ist in Wahrheit putzmunter, denn in seiner Kehle steckt ein Metallröhrchen, das nicht nur den Genickbruch verhindert hat, sondern auch die qualvolle Erdrosselung durch den Strick. Das unauffällige Utensil gehört, wie man schnell merkt, zum festen Handwerkszeug des jungen Mannes, der selbst seine Henker noch betrügt.
Ein riesiges Überraschungsei
Heath Ledger konnte seinem Schicksal leider nicht entkommen; er starb mitten in den Dreharbeiten zum „Kabinett des Doktor Parnassus“, wie der deutsche Titel von Gilliams Film lautet. Im Original wird die kleine fahrbare Bühne auf dem Pferdewagen, mit dem der Schausteller Doktor Parnassus wie ein lebender Anachronismus durch die modernen Metropolen reist, als „Imaginarium“ bezeichnet. Der Trick von Parnassus, diesem anderen Trickbetrüger, ist nur: Nichts ist imaginiert. Hinter der Bühne erstreckt sich ein durch ein magisches Portal zugängliches Phantasiereich, in das Parnassus seine Zuschauer teleportieren lassen kann. Man kann sich bei dem Amerikaner Gilliam, der die britische Komikertruppe „Monty Python“ mit skurrilen Animationsbeiträgen versorgte und seit den achtziger Jahren etliche Filme gedreht hat, die die Phantasie herausgefordert und die Geduld des Publikums auf eine harte Probe gestellt haben, gut vorstellen, wie dieses Alternativreich aussieht: knallbunt, kurvig, endlos weit - eine zuckersüße Landschaft wie aus dem Überraschungsei.
Diese Welt jenseits der Welt ist die letzte Hoffnung des Doktor Parnassus. Denn der greise Herr, den der vor kurzem achtzig Jahre alt gewordene Christopher Plummer mit jener bärbeißigen Würde spielt, die Richard Harris und Ian McKellen ihren Dumbledores und Gandalfs verliehen haben, ist noch betagter, als man meinen mag: nämlich mehr als tausend Jahre. Sein immerwährendes Greisentum hat er einem Teufel namens Mr. Nick zu verdanken, dem Parnassus ehedem ewiges Leben abgehandelt hat. Als der Doktor am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts schließlich die Liebe seines Lebens findet, will er kurzfristig wieder jung sein, um sie für sich zu gewinnen. Diesmal aber lässt der Teufel den Vertragspartner richtig bluten: Die Seele der zu erwartenden Tochter von Parnassus soll Mr. Nick erhalten, sobald das Mädchen namens Valentina seinen sechzehnten Geburtstag erreicht.
Kurz vor diesem Datum setzt die Handlung des Films ein. Bis hierhin ist alles klassisch Faust. Doch dann kommt ein Bruch: Mit teuflischem Beistand kann Parnassus den Besuchern seines Imaginariums (oder meinethalben Kabinetts) gewaltige Wunschwelten eröffnen. Schafft er es dadurch früher als Mr. Nick, fünf Seelen derart auf die schiefe Bahn zu bringen, dass sie die Welt vergessen, darf Valentina am Leben bleiben. Also trommelt Parnassus verzweifelt für seine Show, doch eine Zeit, die virtuelle Vergnügungen aller Art zu bieten hat, ist nichts mehr für Schausteller, die dem neunzehnten Jahrhundert entsprungen scheinen. Da können der Zwerg Percy, Valentina und der junge Idealist Anton als Parnassus' Artistentruppe noch so wirbeln und bezaubern - es lockt keinen Menschen hinterm Bildschirm hervor. Bis das Quartett unter der Brücke auf Tony stößt.
Prominenter Ersatz
Von nun hat Parnassus wieder eine Chance, denn der skrupellose Tony weiß, was Menschen hören und sehen wollen. Als Verführer glänzt Ledger, obwohl ihm die wildesten Eskapaden seiner Rolle noch bevorstanden, als er starb: die Auftritte in den Wunschwelten der von ihm Verführten. Dennoch sind diese Szenen in den Film gelangt, denn nachdem Gilliam wieder einmal durch unverschuldetes Unglück - wie vor Jahren bei seinem „Don Quichotte“-Film, der nun für 2011 projektiert ist - ein Abbruch der Dreharbeiten drohte, sprangen drei Freunde Ledgers für den Toten ein, nach denen sich jeder Regisseur der Welt die Finger lecken würde: Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell. Abwechselnd geben sie nun den Tony der Phantasiereiche, und da es dort ohnehin nicht mit rechten Dingen zugeht, ist dieser äußerliche Persönlichkeitswechsel auch nicht besonders irritierend.
Doch selbst vier brillante Schauspieler in einem Part machen noch keinen guten Film, obwohl auch Plummer überzeugt und der Sänger Tom Waits als Teufel endlich einmal eine freudig-hinterhältige Rolle hat, die seiner fauchenden Stimme gerecht wird (nachdem Waits in seinen beiden bislang besten Auftritten, bei Jim Jarmusch in „Down by Law“ und bei Robert Altman in „Short Cuts“, jeweils knurrig-sympathische Figuren zu spielen hatte). Das Problem von „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ ist Gilliams eigene grenzenlose Phantasie, die mutmaßlich sogar das Imaginarium überfordert hätte. Seine Welten jenseits der Bühne sind so verkünstelt, dass es in den Augen weh tut, und kein Akteur hätte eine Chance gegen diese Opulenz - also auch nicht die reizende Lily Cole als Valentina, die schon vor zwei Jahren in dem Film „St. Trinian's“ nach den Bilderbüchern von Ronald Searle positiv auffiel (was nicht eben leicht war).
So sieht man irgendwann Gilliams Werk doch nur als Requiem auf Heath Ledger - nach dem düsteren „Dark Knight“ nun aber als Groteske. Am Schluss bestätigt sich, dass Glück und Glas leicht brechen. Und etwas anderes tut es auch. Da hat „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ aber längst selbst kein Rückgrat mehr.