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Video-Filmkritik: „Quellen des Lebens“ Aus dem Archiv der Engtanzfeten

Oskar Roehler hat einen Film über seine Eltern und Großeltern, seine fränkische Jugend und seine erste Liebe gedreht. „Quellen des Lebens“ ist ein großes Erinnerungswerk des deutschen Kinos.

© X-Verleih, F.A.Z. Videokritik: Quellen des Lebens

Woher wissen wir eigentlich, wie die fünfziger, die sechziger, die siebziger Jahre ausgesehen haben? Aus Fotoalben? Aus dem Fernsehen? Nein. In Fotoalben finden wir nur, was das Auge der Familienkamera gesehen hat, Eltern, Kinder, Onkel und Tanten, Geburtstage, Schlittenfahrten, Burgen im Sand.

Geschichte im Guido-Knopp-Format

Andreas  Kilb Folgen:

Und der Bildschirm zeigt immer das, was auch damals in den Nachrichten gemeldet wurde, Ungarn-Aufstand, Mauerbau, Mondlandung, die Beatles und die Stones: Material für künftige Jahrestage. Und wenn das Fernsehen, in einer beliebten Abwandlung des Guido-Knopp-Formats, doch einmal Privatgeschichte erzählen will, puzzelt es bloß Hunderte von Albenfotos zu einem Wimmelbild vom Sommer neununddreißig, den Swinging Sixties oder dem Kalten Krieg zusammen. Ein Überblick entsteht so vielleicht, ein Einblick nicht.

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Es muss etwas dazwischen geben, eine Form, von der Vergangenheit zu reden, ohne sich ins bloß Private oder gediegen Historische zu verziehen. Und hier kommt das Kino ins Spiel. Um die Geschichten, die es erzählt, glaubhaft zu machen, muss es aus beiden Quellen schöpfen, den Fotoalben und den Fernsehbildern.

Glaubhafte filmische Fiktion

Und wenn ein Film seine Sache gut macht, fügt er beides zu einem Dritten zusammen, das sich gleichberechtigt neben der historischen Wirklichkeit behauptet. Wir können heute kaum noch über den Vietnam-Krieg reden, ohne an Coppolas „Apocalypse Now“ zu denken, und Michael Hanekes „Weißes Band“ hat, obwohl erst vor wenigen Jahren entstanden, inzwischen fast den Rang eines Dokuments über das Landleben in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Man weiß, dass diese Filme Fiktion sind, aber man wird das Gefühl nicht los, dass alles ganz genau so ausgesehen hat.

Oskar Roehlers Film „Quellen des Lebens“ beginnt mit der Rückkehr eines deutschen Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft. Der Mann, er heißt Erich Freytag, ist dreckig, abgerissen, er stinkt, und er hat fast keine Zähne mehr. Er sieht nicht aus wie einer jener Kriegsheimkehrer, die in den zeitgenössischen Wochenschauen oder auch in Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ zu sehen sind. Und er wird auch nicht mit offenen Armen empfangen.

Ebenso frech wie erfrischend

Weil seine Frau, die neben den zwei ehelichen Kindern noch ein drittes, uneheliches, hat, mit ihrer Schwägerin zusammenlebt, muss er sich auf einer Holzbank im Hof einquartieren, wo ihn sein ältester Sohn mit Brötchen und Kaffee versorgt. Anderntags schreibt er einen Brief an seine Frau: Falls sie bis zum Abend ihre Geliebte, seine Schwester, nicht rauswerfe, werde er fortgehen und nie wiederkommen. Die Frau entscheidet sich, und Erich zieht wieder zu Hause ein.

Dreißig Jahre später spendet derselbe Mann, der immer noch von Jürgen Vogel gespielt wird, seiner todkranken Frau eine Niere. Er stirbt fast an der Operation, aber die Frau erholt sich. Und auch das sieht nicht im Geringsten so aus, wie wir es aus Fernsehserien oder anderen deutschen Filmen kennen, es wirkt weder heroisch noch sentimental, sondern auf rührende Weise selbstverständlich. Und das sind nur zwei von zahllosen Szenen, in denen Oskar Roehler die offiziöse Bildgeschichte der Bundesrepublik auf ebenso freche wie erfrischende Weise widerruft.

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