http://www.faz.net/-gs6-76i0s

Video-Filmkritik: „Quellen des Lebens“ : Aus dem Archiv der Engtanzfeten

Bild: X-Verleih

Oskar Roehler hat einen Film über seine Eltern und Großeltern, seine fränkische Jugend und seine erste Liebe gedreht. „Quellen des Lebens“ ist ein großes Erinnerungswerk des deutschen Kinos.

          Woher wissen wir eigentlich, wie die fünfziger, die sechziger, die siebziger Jahre ausgesehen haben? Aus Fotoalben? Aus dem Fernsehen? Nein. In Fotoalben finden wir nur, was das Auge der Familienkamera gesehen hat, Eltern, Kinder, Onkel und Tanten, Geburtstage, Schlittenfahrten, Burgen im Sand.

          Geschichte im Guido-Knopp-Format

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und der Bildschirm zeigt immer das, was auch damals in den Nachrichten gemeldet wurde, Ungarn-Aufstand, Mauerbau, Mondlandung, die Beatles und die Stones: Material für künftige Jahrestage. Und wenn das Fernsehen, in einer beliebten Abwandlung des Guido-Knopp-Formats, doch einmal Privatgeschichte erzählen will, puzzelt es bloß Hunderte von Albenfotos zu einem Wimmelbild vom Sommer neununddreißig, den Swinging Sixties oder dem Kalten Krieg zusammen. Ein Überblick entsteht so vielleicht, ein Einblick nicht.

          Es muss etwas dazwischen geben, eine Form, von der Vergangenheit zu reden, ohne sich ins bloß Private oder gediegen Historische zu verziehen. Und hier kommt das Kino ins Spiel. Um die Geschichten, die es erzählt, glaubhaft zu machen, muss es aus beiden Quellen schöpfen, den Fotoalben und den Fernsehbildern.

          Glaubhafte filmische Fiktion

          Und wenn ein Film seine Sache gut macht, fügt er beides zu einem Dritten zusammen, das sich gleichberechtigt neben der historischen Wirklichkeit behauptet. Wir können heute kaum noch über den Vietnam-Krieg reden, ohne an Coppolas „Apocalypse Now“ zu denken, und Michael Hanekes „Weißes Band“ hat, obwohl erst vor wenigen Jahren entstanden, inzwischen fast den Rang eines Dokuments über das Landleben in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Man weiß, dass diese Filme Fiktion sind, aber man wird das Gefühl nicht los, dass alles ganz genau so ausgesehen hat.

          Oskar Roehlers Film „Quellen des Lebens“ beginnt mit der Rückkehr eines deutschen Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft. Der Mann, er heißt Erich Freytag, ist dreckig, abgerissen, er stinkt, und er hat fast keine Zähne mehr. Er sieht nicht aus wie einer jener Kriegsheimkehrer, die in den zeitgenössischen Wochenschauen oder auch in Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ zu sehen sind. Und er wird auch nicht mit offenen Armen empfangen.

          Ebenso frech wie erfrischend

          Weil seine Frau, die neben den zwei ehelichen Kindern noch ein drittes, uneheliches, hat, mit ihrer Schwägerin zusammenlebt, muss er sich auf einer Holzbank im Hof einquartieren, wo ihn sein ältester Sohn mit Brötchen und Kaffee versorgt. Anderntags schreibt er einen Brief an seine Frau: Falls sie bis zum Abend ihre Geliebte, seine Schwester, nicht rauswerfe, werde er fortgehen und nie wiederkommen. Die Frau entscheidet sich, und Erich zieht wieder zu Hause ein.

          Dreißig Jahre später spendet derselbe Mann, der immer noch von Jürgen Vogel gespielt wird, seiner todkranken Frau eine Niere. Er stirbt fast an der Operation, aber die Frau erholt sich. Und auch das sieht nicht im Geringsten so aus, wie wir es aus Fernsehserien oder anderen deutschen Filmen kennen, es wirkt weder heroisch noch sentimental, sondern auf rührende Weise selbstverständlich. Und das sind nur zwei von zahllosen Szenen, in denen Oskar Roehler die offiziöse Bildgeschichte der Bundesrepublik auf ebenso freche wie erfrischende Weise widerruft.

          Weitere Themen

          Liebe geben

          Jannis Niewöhner im Porträt : Liebe geben

          Jannis Niewöhners Ausstrahlung begeistert. Doch mit seinem Dasein als Sonnyboy hat der Schauspieler zu kämpfen. Inzwischen beweist er sich aber auch in Rollen, die diesem Image nicht entsprechen.

          Erster Schultag für Prinz George Video-Seite öffnen

          Der Ernst des Lebens : Erster Schultag für Prinz George

          Für Prinz George beginnt der Ernst des Lebens. Seit Donnerstag besucht der Vierjährige die „Thomas’s Battersea Day School“. Die Schule liegt in der Nähe des Kensington Palasts, wo er gemeinsam mit seinen Eltern Prinz William und Herzogin Kate wohnt. Kate konnte bei der Einschulung nicht dabei sein.

          Topmeldungen

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.
          Selfie mit dem Popstar der Politik: Lindner mit junger Anhängerin

          Nähe und Ferne zur CDU : Das Dilemma der FDP

          Bei seinem Wahlkampfabschluss zeigt sich die Zwickmühle für Christian Lindner und seine FDP: Vielleicht können die Liberalen bald mitregieren. Doch, ob das auch gut für sie wäre, weiß nicht einmal der Vorsitzende.
          Alois Karl (in blauer Steppjacke) auf Wahlkampftour in Ebermannsdorf

          Die CSU im Wahlkampf : Der schwarze Alois und die AfD

          Die Oberpfalz ist der CSU seit Jahrzehnten treu. Doch die AfD könnte auch hier die politischen Verhältnisse durcheinanderbringen. Wie gehen die Christsozialen mit der Konkurrenz von rechts um? Ein Ortsbesuch.

          40 Jahre nach dem Terrorherbst : Die „Landshut“ ist zurück in Deutschland

          Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor 40 Jahren hatten Terroristen das Flugzeug entführt und den Piloten erschossen. Jetzt soll die „Landshut“ in ein Museum – aber ein Konzept gibt es noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.