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Video-Filmkritik : Prüder in Waffen: „Brüno“

Bild: ddp

„Brüno“ heißt Sacha Baron Cohens neuer Held und handelt von einem Mann, der nicht so richtig männlich ist. Macht Cohen hier aus der Homosexualität, was er einst aus Kasachstan machte?

          Damals, vor knapp drei Jahren, als Sacha Baron Cohens Film „Borat“ herauskam, dieser Versuch, den Wahnsinnspegel der westlichen Welt zu messen, damals gab der polnische Präsident einer englischen Zeitung ein Interview, in welchem er seine tiefe Sorge formulierte, wonach schwule Aktivisten, Paraden, ja jede offen zur Schau gestellte Homosexualität unbedingt abzulehnen sei, weil nämlich unschuldige Jugendliche dadurch zur Homosexualität erst verführt werden könnten. Sehr zu Recht fragten sich die Leser der „Times“ damals, ob vielleicht jemand dem Lech Kaczynski dabei helfen könne, die Tassen zurück in seinen Schrank zu räumen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Jetzt hat Cohen aber einen Film gedreht, der dem Herrn Kaczynski voll und ganz recht zu geben scheint. Wer den Film gesehen (und sich von ihm rühren und berühren lassen) hat, der sollte an die Adresse all seiner männlichen, hetero- und retrosexuellen Freunde gleich mal folgende Warnung schicken: Jungs, Männer, falls ihr auch für die sinnlichen Reize und Verführungen des Kinos empfänglich seid; falls ihr also zu denen gehört, die nach einem Western, womöglich ohne sich dessen ganz bewusst zu sein, so gehen, wie John Wayne geht, wenn er gerade vom Pferd gestiegen ist; die nach einem Film mit George Clooney dessen Gewinnerlächeln kopieren und nach einem „Batman“-Film kurz glauben, sie könnten selber fliegen - dann solltet ihr sehr, sehr vorsichtig sein mit „Brüno“, Cohens neuem Film! Es könnte sonst passieren, dass ihr, wenn ihr, ganz beschwingt und beseelt, aus dem Kino kommt, ein bisschen heftig mit dem Hintern wackelt, ein bisschen zu exaltiert mit den Händen schlackert und insgesamt eine gewisse Tuckigkeit zeigt, von der ihr bislang nicht einmal etwas ahnen wolltet!

          So bekannt und so billig

          Sacha Baron Cohen, den wir im kollektiven Gedächtnis abgespeichert haben als den schwarzhaarigen, schnurrbärtigen Typen mit den rustikalen Manieren und dem derben Akzent, hat sich die Haare glätten und blondieren lassen, die Lippen mädchenhaft geschminkt und den Mund zu einem Schmollen geformt - als „Brüno“, der Film, noch ein Gerücht war und Cohen, als Supertuckentravestie, seine ersten Interviews gab und in ultrakurzen Lederhosen oder einem pinkfarbenen Plüschanzug über rosa Teppiche stöckelte, da kam, naturgemäß, der Verdacht auf, dass „Brüno“ mit den Homosexuellen genau das anstellen könnte, was „Borat“ mit den Kasachen getan hat: sie komplett und für lange Zeit lächerlich zu machen.

          Und genau so fängt der Film leider an: Brüno hat eine Modesendung im österreichischen Fernsehen, er macht sich wichtig, um, in den gefürchteten Sacha-Baron-Cohen-Interviews, die Wichtigtuer der Branche als Wichtigtuer zu entlarven, und weil das alles so bekannt und so billig ist, möchte man, zum Zeichen des Protests, eigentlich gleich aus dem Kino rennen und, falls der Überziehungskredit dafür reicht, im teuersten Laden der Stadt den teuersten Anzug kaufen.

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