Home
http://www.faz.net/-gs7-71xfb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik „Prometheus“ Phantomatische Bildbestattung

Ridley Scotts Spätwerk „Prometheus - Dunkle Zeichen“ seziert sein Genre. Der Regisseur vertraut ganz auf Michael Fassbender als Android - und auf bewährte Zweideutigkeiten.

© F.A.Z, Twentieth Century Fox Vergrößern F.A.Z.-Videofilmkritik: „Prometheus“

Nur der synthetische Mann, den Michael Fassbender so behutsam spielt, als hätte er für die Entwicklung der Rolle drei Filme lang Zeit, versteht, worum es in „Prometheus“ geht. Auf der langen Reise zu dem Unstern, in dessen Eingeweiden die menschliche Besatzung ihre Schöpfer zu finden hofft, studiert der Androide Projektionen von Hirninhalten der im Kälteschlaf Suspendierten und sieht sich alte Breitwandepen an, darunter - die Wahl ist wichtiger, als es den Anschein hat - „Lawrence of Arabia“. Später verbittet sich ein Menschenkind indirekt seine Einfühlsamkeit. Diskret darauf hingewiesen, er sei als seelenloser Automat unbefugt, im Humangemüt herumzustochern, erwidert er: „I watched your dreams.“ Die perfide Zweideutigkeit macht keinen Unterschied zwischen wirklichen Träumen und dem Kino. Der phantastische Film als Genre lebt von solchen Zweideutigkeiten. Was erzählt „Prometheus“?

Dietmar Dath Folgen:  

Forscher verschiedener Sparten, von der Archäologie bis zur Mikrobiologie, fliegen ins All, um im Auftrag eines schwerreichen und todesnah gebrechlichen Philanthropen (Guy Pearce) herauszufinden, ob Erich von Däniken nicht doch recht hatte (neue Funde an irdischen Grabungsstätten sprechen dafür). Die wissenschaftliche Leitung der Expedition teilen sich zwei verliebte Vollgläubige, Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) und Elizabeth Shaw (Noomi Rapace), das Budget überwacht die engherzige Tochter des Geldgebers (Charlize Theron), Wärme und ruppigen Humor steuert der Kapitän (Idris Elba) bei.

Mit Außerirdischen aller Arten und Rassen

Alle erreichen den Zielort, stören die Totenruhe der Götter, fallen der Reihe nach den Elementen, uralten Sicherheitssystemen, ihrer eigenen Dummheit sowie den scharfen Rändern des Drehbuchs zum Opfer und erfahren dabei Deprimierendes über Abkunft und Bestimmung ihrer Gattung. Die letzte Einstellung des szenenweise magisch glasklar, an anderen Stellen seltsam fahrig, an wieder anderen ergreifend altmodisch inszenierten Films zeigt eine Variante des Ungeheuers, das in den vier kanonischen Filmen der „Alien“-Tetralogie sein Unwesen treibt, zu denen „Prometheus“ ein logisch und narrativ absichtsvoll verunklartes Vorspiel sein will.

„Ah, das Alien!“, freut sich der Zuschauer auf dem Nebensitz. Er weiß nicht, dass der Name, den die Fans des Kanons für den geifernden schwarzen Langbohnenkopf am liebsten gebrauchen, „der Xenomorph“ lautet, wörtlich: der Fremdförmige, und hat offenbar auch vergessen, dass „Prometheus“ mit Aliens unterschiedlichster Arten und Rassen so vollgestopft ist wie eine Presseerklärung des Verfassungsschutzes mit Ausreden. Ridley Scott, der „Prometheus“ gedreht hat, war 1979 auch der Geburtshelfer des Xenomorphen, der danach durch geschickte und sorgfältige (James Cameron, David Fincher) wie grobe und unwürdige (Paul W. S. Anderson, um Himmels willen!) Hände gegangen ist. Die Wiederaneignung der betreffenden Bildwelt im Rahmen des Scottschen Spätwerks müsste das, was diese Wanderhistorie aggregiert hat, ergreifen, verstärken oder assimilieren, dürfte es gewiss auch löschen, nämlich überschreiben.

Bildnerische Arbeit an den großen Fragen

Statt sich im Detail darauf einzulassen, wirft Scott sich in widersprüchlich überfüllte Tableaus: Wo 1979 die Ortsbegehung auf dem Raumschiff „Nostromo“ und das Spiel mit Irritationen des Gleichgewichtssinns einem langen Atemholen glichen, das schließlich in stoßweise servierten Schrecken seine Entladung erfuhr - ein Verfahren, das sich James Cameron dann für seine platzregengepeitschte, blitzbekritzelte Fortsetzung von 1986 abgeguckt und hocheffektvoll ausgebaut hat -, sind in „Prometheus“ Räume wie Personen von immer wieder irritierend aufgehobener Leiblichkeit, flüchtiger Schwere, brüchig, bröselnd, schattenhaft selbst da, wo sie leuchten - Stanislaw Lem hätte von „Phantomatik“ gesprochen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Kino The Drop Durstige Seele, hungriger Hund

Am Super Bowl Sunday wird die Bar zur Bank: Das Straßendrama The Drop zeigt den Charaktermimen James Gandolfini in seiner letzten Kinorolle. Mehr Von Bert Rebhandl

06.12.2014, 09:29 Uhr | Feuilleton
Science Fiction inspiriert Erfinder

Immer mehr High-Tech-Firmen setzen bei der Suche nach neuen Produkten auch auf die Ideen von Science-Fiction-Autoren. Viele vermeintliche Zukunftsphantasien erweisen sich als realistischer als zunächst gedacht. Mehr

21.08.2014, 17:49 Uhr | Wissen
Film-Bösewicht Ray Liotta Insgeheim hoffe ich, dass das ganze System bald zusammenbricht

Er war der berüchtigtste Mafioso in Martin Scorseses legendärem Film Good Fellas, eine Rolle dieses Kalibers hätte er gern mal wieder. Ein Gespräch mit dem Schauspieler Ray Liotta. Mehr

18.12.2014, 16:56 Uhr | Feuilleton
Die Reifeprüfung Regisseur Mike Nichols gestorben

Der Oscar-prämierte Mike Nichols war bekannt für seine Regiearbeiten in Filmen wie Wer hat Angst vor Virginia Woolf und Die Reifeprüfung mit Dustin Hoffmann. Mehr

20.11.2014, 18:03 Uhr | Feuilleton
Interview zum Hobbit-Start Heute in der Schlacht denk’ an Bilbo

Im Tolkien-Kosmos kann man schnell die Übersicht verlieren. Man sollte eine Expertin dabei haben. Zum Filmstart von Der Hobbit 3 an diesem Mittwoch halten wir uns an die Lektorin Lisa Kuppler, eine der größten Kennerinnen. Mehr

10.12.2014, 09:16 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.08.2012, 15:17 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr 3 2