http://www.faz.net/-gs6-71xfb

Video-Filmkritik „Prometheus“ : Phantomatische Bildbestattung

Bild: F.A.Z, Twentieth Century Fox

Ridley Scotts Spätwerk „Prometheus - Dunkle Zeichen“ seziert sein Genre. Der Regisseur vertraut ganz auf Michael Fassbender als Android - und auf bewährte Zweideutigkeiten.

          Nur der synthetische Mann, den Michael Fassbender so behutsam spielt, als hätte er für die Entwicklung der Rolle drei Filme lang Zeit, versteht, worum es in „Prometheus“ geht. Auf der langen Reise zu dem Unstern, in dessen Eingeweiden die menschliche Besatzung ihre Schöpfer zu finden hofft, studiert der Androide Projektionen von Hirninhalten der im Kälteschlaf Suspendierten und sieht sich alte Breitwandepen an, darunter - die Wahl ist wichtiger, als es den Anschein hat - „Lawrence of Arabia“. Später verbittet sich ein Menschenkind indirekt seine Einfühlsamkeit. Diskret darauf hingewiesen, er sei als seelenloser Automat unbefugt, im Humangemüt herumzustochern, erwidert er: „I watched your dreams.“ Die perfide Zweideutigkeit macht keinen Unterschied zwischen wirklichen Träumen und dem Kino. Der phantastische Film als Genre lebt von solchen Zweideutigkeiten. Was erzählt „Prometheus“?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Forscher verschiedener Sparten, von der Archäologie bis zur Mikrobiologie, fliegen ins All, um im Auftrag eines schwerreichen und todesnah gebrechlichen Philanthropen (Guy Pearce) herauszufinden, ob Erich von Däniken nicht doch recht hatte (neue Funde an irdischen Grabungsstätten sprechen dafür). Die wissenschaftliche Leitung der Expedition teilen sich zwei verliebte Vollgläubige, Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) und Elizabeth Shaw (Noomi Rapace), das Budget überwacht die engherzige Tochter des Geldgebers (Charlize Theron), Wärme und ruppigen Humor steuert der Kapitän (Idris Elba) bei.

          Mit Außerirdischen aller Arten und Rassen

          Alle erreichen den Zielort, stören die Totenruhe der Götter, fallen der Reihe nach den Elementen, uralten Sicherheitssystemen, ihrer eigenen Dummheit sowie den scharfen Rändern des Drehbuchs zum Opfer und erfahren dabei Deprimierendes über Abkunft und Bestimmung ihrer Gattung. Die letzte Einstellung des szenenweise magisch glasklar, an anderen Stellen seltsam fahrig, an wieder anderen ergreifend altmodisch inszenierten Films zeigt eine Variante des Ungeheuers, das in den vier kanonischen Filmen der „Alien“-Tetralogie sein Unwesen treibt, zu denen „Prometheus“ ein logisch und narrativ absichtsvoll verunklartes Vorspiel sein will.

          „Ah, das Alien!“, freut sich der Zuschauer auf dem Nebensitz. Er weiß nicht, dass der Name, den die Fans des Kanons für den geifernden schwarzen Langbohnenkopf am liebsten gebrauchen, „der Xenomorph“ lautet, wörtlich: der Fremdförmige, und hat offenbar auch vergessen, dass „Prometheus“ mit Aliens unterschiedlichster Arten und Rassen so vollgestopft ist wie eine Presseerklärung des Verfassungsschutzes mit Ausreden. Ridley Scott, der „Prometheus“ gedreht hat, war 1979 auch der Geburtshelfer des Xenomorphen, der danach durch geschickte und sorgfältige (James Cameron, David Fincher) wie grobe und unwürdige (Paul W. S. Anderson, um Himmels willen!) Hände gegangen ist. Die Wiederaneignung der betreffenden Bildwelt im Rahmen des Scottschen Spätwerks müsste das, was diese Wanderhistorie aggregiert hat, ergreifen, verstärken oder assimilieren, dürfte es gewiss auch löschen, nämlich überschreiben.

          Bildnerische Arbeit an den großen Fragen

          Statt sich im Detail darauf einzulassen, wirft Scott sich in widersprüchlich überfüllte Tableaus: Wo 1979 die Ortsbegehung auf dem Raumschiff „Nostromo“ und das Spiel mit Irritationen des Gleichgewichtssinns einem langen Atemholen glichen, das schließlich in stoßweise servierten Schrecken seine Entladung erfuhr - ein Verfahren, das sich James Cameron dann für seine platzregengepeitschte, blitzbekritzelte Fortsetzung von 1986 abgeguckt und hocheffektvoll ausgebaut hat -, sind in „Prometheus“ Räume wie Personen von immer wieder irritierend aufgehobener Leiblichkeit, flüchtiger Schwere, brüchig, bröselnd, schattenhaft selbst da, wo sie leuchten - Stanislaw Lem hätte von „Phantomatik“ gesprochen.

          Weitere Themen

          „Atomic Blonde“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „Atomic Blonde“

          „Atomic Blonde“, 2016. Regie: David Leitch. Darsteller: Charlize Theron, James McAvoy, Sofia Boutella. Verleih: Universal Pictures Germany. Kinostart: 24. August 2017

          Uns leuchtet ein Seestern

          Bilanz Filmfestival Venedig : Uns leuchtet ein Seestern

          Guillermo del Toro hat mit „The Shape of Water“ in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Damit zeigt das Filmfestival, auf dem es allerhand Belangloses aus aller Welt zu sehen gab, dass es nicht von gestern ist.

          Zwei Drittel Floridas ohne Strom Video-Seite öffnen

          Nach „Irma“ : Zwei Drittel Floridas ohne Strom

          Das Ausmaß der Zerstörung in Florida wird nur langsam deutlich. Hurrikan „Irma“ hat eine Trümmerlandschaft hinterlassen und Menschenleben gefordert. Nach Angaben des Gouverneurs Rick Scott sind 65 Prozent des Bundesstaates ohne Strom.

          Topmeldungen

          Kann London doch nicht ganz ohne die EU? Theresa May äußerte sich am Freitag zumindest etwas versöhnlicher.

          Brexit-rede in Florenz : May macht einen Schritt in Richtung EU

          Mit ihrer Forderung nach einer zweijährigen Übergangsphase will die britische Premierministerin die Blockade in den Brexit-Verhandlungen lösen. In ihrem Land dürften das einige als Zumutung empfinden. Ein Kommentar.
          Trumps bisherige Einreiseverbote betrafen Bürger aus dem Irak, Syrien, dem Jemen, Libyen, Somalia und dem Sudan.

          Trotz massiver Kritik : Trump plant Neuversion des Einreisestopps

          Am Sonntag läuft der umstrittene 90-tägige Einreisestopp für Bürger aus sechs muslimischen Ländern nach Amerika aus. Nun plant Donald Trump offenbar eine Neufassung des Dekrets – unter anderen Bedingungen, aber mit noch mehr Staaten.
          Vertreter des Rocks: Özdemir, Kretschmann und Göring-Eckardt. Doch auch die „Hemd-Wähler“ sollen erreicht werden.

          Wahlkampf der Grünen : Sag mir, wo die Blumen sind

          Die Grünen wollen unbedingt regieren. Besonders im Südwesten sind die Erwartungen hoch. Doch Winfried Kretschmann, einer ihrer prominentesten Wahlkämpfer, ist kaum zu sehen. Weshalb?

          Von wegen öde : Warum die Wahl doch spannend ist

          Diese Bundestagswahl ist an Langeweile kaum zu überbieten, sagen manche. Aber das ist ein Irrtum: Sie geht am Wahlabend erst richtig los. Und zwar aus vier Gründen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.