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Video-Filmkritik : Profis bei der Arbeit: „Der große Crash“

Bild: Neue Visionen

Inspiriert von der Lehman-Pleite, inszeniert J. C. Chandors Kinodebüt die bisher bildlosen Vorgänge während der Bankenkrise. Das Führungsteam der New Yorker Investmentfirma ist mit Demi Moore, Kevin Spacey und Jeremy Irons hochklassig besetzt.

          Es beginnt mit einem body count. Die Kündigungswelle, die mal wieder durch die Investmentbank in Manhattan schwappt und neben zahllosen Neulingen auch einige bewährte Kräfte trifft, ist inszeniert wie eine militärische Aktion, schnell, effizient, brutal. Namen werden abgefragt, der frisch Gekündigte an seinen Schreibtisch geführt, wo er unter Aufsicht seine Sachen in einen von der Firma gestellten Karton packen darf, um dann zum Aufzug geleitet zu werden. Einer, der jetzt keinen Job (und kein Diensthandy) mehr hat, ist der High-Risk-Analyst Eric Dale (Stanley Tucci). Ihm gelingt es, einem ungekündigten Kollegen einen Datenstick zuzustecken, auf dem dokumentiert ist, woran er zuletzt gearbeitet hat. Es ist die Matrix des bevorstehenden Zusammenbruchs.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch bevor das jemand merkt, wird dies inmitten vieler leerer Schreibtische und Händlerplätze noch ein ganz normaler Tag an der Wall Street. Rogers, der Chef des Händlersaals (Kevin Spacey), ruft seine Leute zusammen, bedauert, dass so viele gute Leute gehen mussten, und feuert die verbleibenden an: „Sie sind besser. Legen Sie los.“ Eine Investmentbank ist kein Kuschelclub. Einen Handelstag lang wird noch verkauft und gekauft, als läge nichts in der Luft, obwohl die Zeichen längst auf Sturm stehen müssten.

          Was folgt in „Der große Crash“, ist die Lehman-Pleite, die hier nicht so heißt, aber offensichtlich Vorbild war. Es geht also um sehr viel Geld, das man nicht sieht, und um Vorgänge - wie den im Original titelgebenden „Margin Call“ -, die visuell nicht so viel hergeben. Aber J. C. Chandor, der seine Karriere mit Werbefilmen begonnen hat und daher weiß, wie man unter extremer Zeitbeschränkung dramaturgisch effektiv arbeitet, hat in seinem Kinodebüt einen glänzenden Plan: Er beschränkt sich auf vierundzwanzig Stunden. Nur dreimal verlässt sein Film das Bürohochhaus, in dem die Bank residiert. Und er gibt keinem der Beteiligten ein Leben jenseits dieser Räume. Außer Rogers, für zwei kurze Momente. Dessen Hund ist am Anfang krank, am Ende tot.

          In wenigen Stunden unter der Preisgrenze

          Die Hintergründe von Börsengeschäften werden im Kino meist sichtbar gemacht, indem sie an Figuren gebunden werden, deren Charaktereigenschaften auch den Charakter ihrer Deals bestimmen. Am markantesten gelang das Oliver Stone in „Wall Street“ in der Figur des skrupellosen Gordon Gekko, dessen Gier sprichwörtlich wurde. In Chandors Film sind die Menschen auch gierig, aber sie sind es gleichsam von vornherein, es ist ihre Normal- und Grundausstattung, eine systemische Notwendigkeit, die sie weder gut noch böse macht. Ohne sie könnten sie nicht funktionieren.

          Als sie auf den Charts, die Dale ihnen auf seinem Stick hinterlassen hat, erkennen, dass der ganze Plunder, den sie in Form kreativ zusammengestellter Finanzprodukte auf Pump global vermarktet hatten, in wenigen Stunden unter die Preisgrenze fallen wird, an der sie richtiges Geld nachschießen müssten, sind sie entsetzt. Nicht nur, weil ihre Firma damit pleitegehen wird, sondern auch, weil herauskommt, dass die Leiterin der Risiko-Abteilung (Demi Moore) davon wusste, und weil ihr oberster Chef, der nachts mit dem Hubschrauber einfliegt, ihnen befiehlt, die wertlosen Papiere zu verkaufen, bevor es jemand merkt. Sie alle ahnen, was das weltweit bedeuten könnte. Drei Jahre später wissen wir es genauer.

          Hierarchien stehen außer Frage

          Chandor bleibt ganz bei den Ereignissen jener Nacht. Das Drama verlagert sich nicht ins Schicksal der Figuren. Keiner erschießt sich, niemand wird ermordet, und nur einmal spielt der Regisseur mit dem Gedanken, so scheint es, einen der Banker, als sie sich zum Rauchen auf dem Dach treffen, herunterspringen zu lassen. Aber das ist nur der Anflug einer Möglichkeit. Alle bleiben am Leben. Aber Teil jener Masse normaler Leute, von denen einer einmal sagt, sie wüssten gar nicht, was passieren wird, und ein anderer antwortet: „Scheiß auf die normalen Leute“ - das werden die entsetzten Banker, über deren Computerbildschirme sich Lawinen von Margin Calls ergießen, vermutlich nicht einmal vorübergehend werden.

          Chandor arbeitet mit hochklassigen Darstellern. Neben Spacey und Tucci spielen Paul Bettany, Jeromy Irons (als eiskalter Boss mit dem Leitspruch „be first, be smarter, or cheat“), Zachary Quinto, Simon Baker und Demi Moore, und sie spielen zusammen wie ein Profiteam, in dem jeder seinen Platz kennt und Hierarchien nicht in Frage gestellt werden. Wir erleben also den Zusammenbruch einer Bank, die eigentlich prima funktioniert. Bis etwas schiefgeht. Im „großen Crash“ sehen wir, was es war.

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