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Video-Filmkritik Offline - was ist das denn? „The Expendables“

25.08.2010 ·  Der Altersunterschied zwischen den alles demolierenden Action-Helden und den jungen Genre-Bewunderern ist in Sylvester Stallones „The Expendables“ doch etwas groß geworden.

Von Claudius Seidl
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Das einzige Rätsel in diesem Film, der sonst ganz auf Geheimnisse verzichtet und mit voller Wucht auf das Offensichtliche, das Augenscheinliche, auf größtmögliche Evidenz setzt, das einzige Rätsel, vor welchem man als deutscher Kritiker steht und sich dumm und überfordert fühlt: Das ist sein Platz in den amerikanischen Kinocharts. „The Expendables“, wie das Werk praktischerweise auch in der deutschen Fassung heißt, steht an erster Stelle; die Leute haben die Kinos gestürmt - und dass das nicht irgendwelche Leute sind, wird klar, wenn man das Genre kennt. „The Expendables“ ist ein spätes Werk des Söldner- und Kommandogenres, jener Filme also, welche davon erzählen, wie ein paar Männer einen Auftrag bekommen, wie sie sich rüsten mit großkalibrigen Feuerwaffen, wie sie dann hineintrampeln auf ein fremdes Terrain, dort die Schurken erledigen, das Mädchen befreien, und was zurückbleibt am Schauplatz, das sind Trümmer, Schutt, große Pfützen voller Blut und ein paar Müllcontainer voller Patronenhülsen.

Der Treibstoff, der diese Filme auf Touren bringt, ist zugleich der Duftstoff, der die Leute ins Kino lockt - das Genre wird befeuert von einem Überschuss an Testosteron; in den Kinos sitzen die Jungs, die noch nicht wissen wohin mit ihrer Kraft, Jungs, die auf der Leinwand sehen (und hören) wollen, was in ihrer Wirklichkeit unter strenger Strafe steht: Prügel, Geballer, maximalen Lärm. Und eine grundlose und tief empfundene Wut auf die Welt, wie sie ist. Logischerweise wollen pubertierende Jungs keine pubertierenden Jungs als Projektionen ihrer selbst, sie wollen echte Männer sehen, Typen, die mindestens dreißig sind, professionell und gut trainiert im Prügeln, Schießen, Bombenzünden - und dieser Altersunterschied zwischen denen, die sich etwas wünschen, und denen, die diesen Wünschen ihre Körper leihen, hat schon immer dazu geführt, dass man als erwachsener Zuschauer die Helden des Actionkinos meistens als traurige Verlierer wahrnahm, als Gescheiterte - zerrüttet vom Testosteron und den vielen Prügeln, unfähig, sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen.

In den „Expendables“ ist der Altersunterschied aber so groß, dass man sich fragt, wie hier das Spiel der Projektionen und Identifikationen funktionieren soll: Gibt es tatsächlich Sechzehnjährige, die so sein und sich so aufführen wollen, wie Sylvester Stallone es tut, dieser Mann, der zwar als Schauspieler notorisch unterschätzt worden ist; aber inzwischen ist er halt 64 Jahre alt, seine Visage schaut heute noch so aus, als wäre sie frisch poliert von den Schlägen, die er neulich, in „Rocky Balboa“, einstecken musste, und die Haut, die sich über seine mühsam aufgepumpten Muskeln spannt, hat sich von den vielen blauen Flecken noch nicht ganz erholt.

Analoge Männer tun analoge Dinge

Nicht, dass Stallone sein Alter schönen oder verbergen wollte - nein, das ist ja, ohne dass es sich penetrant in den Vordergrund drängte, das Thema dieses Films: Sie sind alle zu alt, die Männer in Stallones Mannschaft, sie sind Veteranen eines Genres, das blühte, als Ronald Reagan noch Präsident war und Männer wie John Rambo in Afghanistan mit den Islamisten die Sowjets bekämpften, sie sind Dolph Lundgren, 52, Mickey Rourke, 58; die Kampfsport-Spezialisten Randy Couture, Steve Austin und Jet Li gehen auch schon auf die Fünfzig zu, und der Jüngste im Team, Jason Stratham aus den „Transporter“-Filmen, hat nur noch ein Jahr bis zu seinem Vierzigsten. Diese Männer, das sieht man, wenn sie beieinander sitzen, hatten ihre Zeit, und das Einzige, was sie dem Wandel entgegensetzen können, ist einfach weiterzumachen. Bier trinken, Motorrad fahren, Schwermetall hören. Und schauen, dass man auch den nächsten Einsatz überlebt.

Der Erfolg dieses Films, so geht eine populäre Hypothese, das sei, gewissermaßen, das Mick-Jagger-Syndrom. Das Handgemachte, das Physische, die Nachricht, dass hier analoge Männer analoge Dinge tun. Was schon insofern richtig ist, als das hier, das Geballer wie das Gerede, so ziemlich das Gegenteil ist von dem, was das Action-Genre in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren als Standard etabliert hat. Es waren ja nicht zuletzt die Filme der „Mission-Impossible“-Serie mit ihren satellitengestützten und computergenerierten Plots, welche im Publikum zum ersten Mal den Verdacht weckten, dass der Cyberspace nicht in den Tiefen unserer Festplatten und den Telefonleitungen dazwischen vermutet werden müsse; dass vielmehr die sogenannte Wirklichkeit sich in den Cyberspace verwandle. Und schon vor zwölf Jahren, in „Enemy of the State“ mit Will Smith, erfuhr man mehr und Schrecklicheres über die Verdammnis, offline zu sein, als in den Selbsterfahrungsbüchern dieser Saison.

Es muss wohl an Stallone liegen

Offline, was soll das sein, würde Stallone fragen, und auch unter seinen Jungs ist es nicht üblich, dass einer auf den Monitor seines Laptops schaut. Man schaut vielleicht auf seine Uhr, und die hat ein analoges Zifferblatt, und alles andere wird erst recht analog geregelt, mit den Fäusten, mit Schusswaffen, und wenn etwas abstürzt, dann ist es einer der Feinde und nicht bloß ein Programm. Und trotzdem kann die Mick-Jagger-Analogie nicht den Erfolg erklären; Jaggers Publikum ist ja kaum jünger, als es Jagger ist - wogegen erwachsene Kinogänger, die eine Sehnsucht haben nach physischer Präsenz und sinnlich erfahrbaren Räumen, auf ganz andere Angebote zurückgreifen können. Clint Eastwood filmt ganz ohne Tricks. Und Tarantinos Verrücktheiten bewegen sich eigentlich immer auf dem sicheren Boden tatsächlicher Schauplätze. Wenn es kracht, ist immer echter Sprengstoff im Spiel.

Ach, es muss wohl an Stallone liegen, diesem merkwürdigen italoamerikanischen Mann, den einer, wenn er das Kino mag und ein Herz hat, gar nicht nicht mögen kann, diesen Helden, der, wie die „Rocky“-Serie und „Copland“ beweisen, für allerbeste Auftritte gut genug ist und sich zugleich nie zu schade für den Trash, für die schmutzigen Rollen, die großmäuligen Typen, die Schläger und Angeber, und hier, in diesem Film, den er, ganz passabel, selber inszeniert hat, hier ist er beides: groß in seiner Selbstironie, seiner Bereitschaft, die Jahresringe seines Körpers vorzuzeigen. Und ein bisschen billig, in seiner Lust, alles, was ihm auf den Geist geht, kaputtzumachen, ein Greis und ein Kleinkind zugleich, ein Mann, der so ist wie das Kino.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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