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Veröffentlicht: 27.03.2008, 14:39 Uhr

Video-Filmkritik Ode an die Freude: „Schmetterling und Taucherglocke“

Wie einfach doch das Komplizierte sein kann, und welche Schönheit man dort finden kann, wo man sie am wenigsten vermutet: Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ ist genau die Sorte Film, die das Kino am Leben erhält.

von Michael Althen
© Prokino Video-Filmkritik: „Schmetterling und Taucherglocke“

Wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde, dann hätte dieser Film bei den Oscars für beste Regie, beste Kamera und bestes Drehbuch gewinnen müssen. Müssen! Nicht weil an den Konkurrenten etwas auszusetzen gewesen wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil „Schmetterling und Taucherglocke“ genau die Sorte Film ist, die das Kino als populäre Kunstform immer wieder am Leben hält. Denn auch wenn er das Kino nicht neu erfindet, so ist er doch auf eine Weise auf der Höhe seiner Möglichkeiten, dass man sich fortwährend die Augen reiben möchte. Wie einfach doch das Komplizierte sein kann, und welche Schönheit man dort finden kann, wo man sie am wenigsten vermutet.

Aber natürlich sind die Oscars kein Ort, wo Gerechtigkeit waltet, und so gewinnen oft nur die zweitbesten Leute. Das mag in diesem Fall zum einen daran liegen, dass der Film vollständig auf Französisch gedreht ist, was der Amerikaner an sich ohnehin nicht liebt, und zum anderen daran, dass sein Regisseur Julian Schnabel, ein Shootingstar der Malerei der achtziger Jahre, nach wie vor als Quereinsteiger gilt, von dem man sich in der Branche nicht gern vorführen lässt, wozu das Kino imstande ist, wenn man nur Augen hat zu sehen und Ohren zu hören.

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Immerhin drei Nominierungen

„Le Scaphandre et le papillon“ ist nach „Basquiat“ (1996) und „Before Night Falls“ (2000) schon Schnabels dritter Film, und dem Erfolg zum Trotz sieht er sich immer noch als Maler, der sich nur fallweise des Kinos als Ausdrucksform bedient. Sein Drehbuchautor Ronald Harwood hat für „Der Pianist“ einen Oscar gewonnen und sein Kameramann Janusz Kaminski bereits zwei, für „Schindlers Liste“ und „Saving Private Ryan“. Die Leistung des Regisseurs Schnabel besteht darin, die besten Leute zusammenzubringen und dem gemeinsamen Schaffen eine Seele einzuhauchen. Der Drehbuchautor musste eine Lösung finden, wie man die Geschichte eines Mannes erzählt, der nur mit dem linken Augenlid mit der Welt kommunizieren kann. Und der Kameramann musste Bilder finden, die dieses begrenzte Sichtfeld nachempfinden, und solche, die der Imagination Flügel verleihen. Man muss der Academy zugutehalten, dass die drei immerhin nominiert wurden.

Jean-Dominic Bauby war Chefredakteur der französischen „Elle“, als ihn im Alter von 42 Jahren ein Hirnschlag ereilte, der zum sogenannten „Locked-in-Syndrom“ führte. Er war bei vollem Bewusstsein, konnte aber nichts mehr bewegen - außer eben seinem linken Lid. Wenn der Film beginnt, sieht man durch sein verklebtes Auge in ein verschwommenes Krankenzimmer, in dem sich Ärzte und Krankenschwestern ins Blickfeld beugen: Können Sie uns hören? Können Sie uns verstehen? Und Baubys Stimme antwortet aus dem Off, unhörbar für die Anwesenden, aber um so vernehmbarer für uns. Als Zuschauer ist man mitgefangen in diesem Horror, während der Oberarzt Baubys Zustand der Ohnmacht erklärt.

Ode an die Freude

Aber der Witz ist eben, dass dies kein Horrorfilm ist, sondern ein Liebesfilm, ein Gedicht, eine Ode an die Freude. Die Liebe, von der er erzählt, ist die Liebe zum Leben. Und als solche hat sie ein Happy End, auch wenn der Film mit dem Tod des Helden endet. Bauby starb 1997, zehn Tage nachdem das Buch, das er mit seinem linken Auge diktiert hatte, in Frankreich erschienen war. Daran kann man vielleicht ermessen, welche Anstrengung und Disziplin dieses Unternehmen erfordert hat - und welches Glück es ist, dass diesem Buch im Kino noch einmal Flügel verliehen worden sind.

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