04.08.2010 · In seinem psychologisch einfühlsamen Filmporträt einer obsessiven Mutterliebe spielt der südkoreanische Regisseur Bong Joon-hos virtuos mit den Genres.
Von Rüdiger SuchslandWie im Trancezustand bewegt sich die ältere Frau über ein Feld. Ihre Haare sind wirr, aber ihr Gesichtsausdruck scheint seltsam glücklich. Sie summt vor sich hin, scheint fast zu tanzen und überhaupt ganz im Einklang mit der Welt zu sein. Wir ahnen schnell, dass es sich bei der Frau um die Titelfigur von Bong Joon-hos neuem Film „Mother“ handelt. Etwa eine Viertelstunde vor Ende wird sich die Kreisbewegung des Films vollenden und die Szene wiederholt werden. Dann wissen die Zuschauer längst, wie trügerisch der erste Eindruck war. Die Mutter hat sich von einer etwas schrulligen, rührenden Dame, die einen während der ersten Filmhälfte an eine koreanische Ausgabe von Miss Marple erinnert hatte, in ein befremdendes, obsessives Gefühlsmonster verwandelt, dessen Handeln vom Wahnsinn nicht weit entfernt ist.
Verunsicherung des Betrachters und eine grundsätzliche, beobachtende Distanz prägen den Film. Gepaart istdiese Grundhaltung mit einem großartigen Sinn fürs Visuelle, der enorme Wirkung entfaltet: Der Kamera von Hong Kyung-pyo gelingt es, auch flüchtigen Eindrücken psychologische Tiefe zu geben. Dazu kommt die erzählerische Eleganz des Regisseurs, der früh eine Atmosphäre aus Schrecken, Bedrohung und übler Vorahnung aufbaut, in der man alles für möglich hält. Man stelle sich die Neugier und handwerkliche Genauigkeit eines Henri-Georges Clouzot sowie die abgründige Phantasie und den Hohn eines Alfred Hitchcock ins Korea der Gegenwart versetzt vor - dann bekommt man eine Vorstellung von diesem Film.
Verdacht, Indizien und ein voreiliges Geständnis
„Mother“ beginnt als Idylle, in die sich von Anfang an ein Misston eingeschlichen hat. Eine ältere Dame, deren Namen wir nie erfahren, lebt mit ihrem Sohn Do-joon zusammen. Der ist schon siebenundzwanzig, aber geistig offenkundig außerordentlich beschränkt und Objekt zahlreicher Hänseleien. Die verwitwete Frau betreibt einen kleinen Kräuterladen, in dem sie auch Verbotenes verkauft, Akupunktur und andere unorthodoxe Praktiken anbietet und seltsame Tinkturen mischt. Manchmal gibt ihr all das fast etwas Hexenartiges. Der Regisseur spielt ganz offen mit solchen Assoziationen und baut auch sonst von Anfang an allerlei Doppelbödiges in dieses Mutter-Sohn-Szenario ein. Einerseits kümmert sich die Alte rührend um ihr großes Kind, macht sich sichtlich Sorgen, die etwas übertrieben scheinen, in der Praxis dann aber doch wieder allzu berechtigt sind. Andererseits ist das Verhältnis auch durch befremdende Intimität geprägt. Mutter und Sohn teilen sogar dasselbe Bett. Diese Mutter wird ihren Sohn schützen, vor jeder Gefahr und um jeden Preis.
Ein schreckliches Ereignis bringt Do-joon in höchste Gefahr. Eines Abends begegnet Do-joon einer Schülerin, folgt ihr ein wenig, bevor sich ihre Wege trennen. Am nächsten Tag wird das Mädchen ermordet aufgefunden, einige Indizien weisen auf Do-joon, der dem Verdacht und dem Druck der Polizei hilflos begegnet und voreilig ein Geständnis unterschreibt - der Fall scheint für alle Welt gelöst. Daraufhin nimmt die Mutter, als Einzige überzeugt von der Unschuld des Sohnes, auf eigene Faust Ermittlungen auf. Erwartungsgemäß erweisen sich die Dinge als erheblich komplizierter; schnell fördern die Ermittlungen der Mutter allerlei Verdrängtes und Verborgenes zutage und sind geeignet, den Frieden in der kleinen ländlichen Gemeinde empfindlich zu stören.
Virtuos auf vielen Feldern
Wie schon in seinem Polizeifilm „Memories of Murder“ (2004) nutzt Bong Joon-ho auch diesmal den Ausnahmezustand eines Kriminalfalls, um einige unbequeme Wahrheiten der koreanischen Gesellschaft freizulegen. Der erst dreißigjährige Regisseur gehört schon lange gemeinsam mit den nicht weniger unabhängigen Regisseuren Park Chan-wook (“Old Boy“) und Hong Sang-soo (“Woman is the future of man“) zu den besten und vielfach ausgezeichneten Filmkünstlern seines Landes. Mit seinem letzten Film „The Host“, einem Monster-Thriller über eine Riesenechse, die Koreas Hauptstadt Seoul heimsucht (F.A.Z. vom 28. März 2007), bewies er überdies, dass er sich auf große Kassenerfolge versteht, wobei auch dieser Film die Qualitäten eines Blockbusters mit Subtilität und untergründiger Sozialkritik verband. All diese Vorzüge kann man auch in „Mother“ feststellen, zugleich beweist dieser Film einmal mehr die Virtuosität eines Filmemachers, der sich offenkundig auf vielen Feldern wohl fühlt.
Im Zentrum des Films steht die Übermutter. Ihre Liebe ist so obsessiv, wie (selbst-)zerstörerisch. Mit dieser Figur schreibt sich Bong auch in das sehr umfangreiche Kapitel der Mutterdarstellungen im Kino ein, das sich vor allem um Mutter-Sohn-Verhältnisse dreht und in dem die unglücklichen oder problematischen Beziehungen weitaus in der Mehrzahl sind. „Mother“ ist ebenso eine abgründige Psychostudie wie ein Horrorfilm, zugleich aber auch ein zartes Werk über die Kraft der Gefühle. Gespielt wird die Mutter übrigens von dem koreanischen Fernsehstar Kim Hye-ja, der in seiner Heimat gerade durch seine Bildschirm-Mutterrollen zu einer koreanischen Inge Meysel wurde.
In solchen Entscheidungen liegt natürlich eine beträchtliche Portion Ironie. Überhaupt ist der Grundton des Films sarkastisch, was allerdings immer durch die Liebe des Regisseurs für seine Figuren abgefedert wird. Hier wird, wenn überhaupt, am ehesten der Zuschauer preisgegeben, indem dessen vermeintliche Sicherheiten ein ums andere Mal zerstört werden. So durchläuft das Porträt der Mutter auf seiner schiefen Bahn in den Abgrund denkbar verschiedene Stadien, ohne dass die psychologische Triftigkeit der Hauptfigur ernsthaft erschüttert würde. Was in Heiterkeit und Einverständnis mit der Welt beginnt, mündet in die Tragödie.