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Video-Filmkritik Mutterseelensplitting

„We need to talk about Kevin", die Verfilmung des Thrillers von Lionel Shriver, setzt ganz auf das Genie von Tilda Swinton. Sie spielt die Mutter eines Schulamokläufers, die schon immer wusste, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt.

© Fugu, F.A.Z. Video-Filmkritik: „We need to talk about Kevin“

Manchmal, leider, stellt sich die Kamera in „We need to talk about Kevin“ an, als könne sie denken, verbitte sich jede Regie und wähne überdies, das Publikum müsse den Roman, den sie da so beflissen vor sich hin verfilmt, mit derselben gefesselten Aufmerksamkeit gelesen haben wie sie.

Dietmar Dath Folgen:

Wer, außer Leuten, die das Buch von Lionel Shriver auswendig kennen, soll die Szene mit dem Bogenschützen in der Turnhalle verstehen, so undurchsichtig, wie sie inszeniert ist: Wo sind die Opfer, warum fliehen sie nicht einfach? Immerhin zeigt die konfuse Sequenz das Ereignis, auf das alles andere in dieser Geschichte zuschießt, wenn es nicht gerade umgekehrt traumatisiert und überfordert davon wegstrebt.

Verheißungsvolle Farbatmosphäre

Auch die sonstige Bildführung in diesem Film lädt immer wieder zum Mäkeln ein: Braucht ein schwebender Moment der Katharsis unbedingt täubchenweiße Erlösungstünche, was soll das Chiaroscuro-Geprotze mit geschmackvollen Lichtwechseln, und hat die Leinwand es wirklich nötig, so viel Rouge aufzulegen? Sicher, „Rot in Rot“ erzwingt Atmosphäre, wirkt hier aber eher appetitzügelnd - als die blutige Katastrophe sich schließlich ereignet, auf die das Tomaten- und Scharlachgematsche die ganze Zeit hinauswill, hat man schon keine Lust mehr darauf.

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Der Film funktioniert trotzdem, oft genug sogar sehr gut. Das liegt an Tilda Swinton. Wir lernen Strapaziöses über die Zumutungen der traditionellen Mutterrolle, wenn sie sich mit ihrem Sohn abquält, einem bockigen Säugling (Rock Duer). Wir erfahren Betrübliches übers moralische Empfinden eigensinniger Menschen, wenn sie sich etwas später mit demselben Sohn beschäftigt, der inzwischen ein launisches Vorschulkind (Jasper Newell) geworden ist.

Die Wüste im Herzen der Verfluchten

Wir begreifen schließlich Entsetzliches über die Wüste im Herzen der Verfluchten, als sie das letzte Stadium im Entwicklungsgang des finsteren Sohnes, den grausamen Heranwachsenden (luziferisch sexy: Ezra Miller), nicht von seinen Untaten abhalten kann. Wir erholen uns von alledem bei einer Lektion in Sachen Liebe und Zuwendung, während sie ihrer Tochter, einer vertrauensseligen kleinen Elfe (Ashley Gerasimovich), etwas Zeit schenkt. Wir akzeptieren sogar fatalistische Lehren betreffend die Nichtsnutzigkeit guter Absichten und gemütlicher Weltfremdheit, wenn sie ihren Mann, einem farblosen Schlumpf ohne Biss und Esprit (John C. Reilly), liebevoll resigniert so sein lässt, wie er eben ist.

Nicht übersehen lässt sich, dass Tilda Swinton uns all das auch vorführen könnte, wenn ihr Gegenüber anstelle jener Menschen bloß eine kaputte Puppe oder ein Eimer kaltes Wasser wäre. Die Frau ist ein Genie. Selten hat sich daher eine Spielleitung im Kino so rückhaltlos auf ihre Hauptdarstellerin verlassen.

Misslungene Mutter-Kind-Beziehung

Die Regisseurin Lynne Ramsay zieht durchaus ihren egoistischen Nutzen daraus, denn auf dieser Basis bleibt ihr genügend Arm-, Bein- und Blickfreiheit, die Parallelgeschichte aus misslungener Mutter-Kind-Beziehung und kaltblütigem Mehrfachmord mit ein paar ästhetischen Akzenten zu spicken, die das anstrengend Überambitionierte der oben getadelten Züge des Films in Schach halten. Am inspiriertesten ist sein Sound-Design: Ein Rasensprenger, den man schon in der kurzen Titelsequenz zu hören bekommt, irritiert leitmotivisch das Gehör, bis die dazugehörige Gruseleinstellung die Vorstadtlebenslüge abmurkst, zu der so ein Grasbefeuchter zwingend gehört.

Der maliziöse Missbrauch von Popmusik verdient Preise und Applaus: Buddy Hollys „Everyday“ entwickelt als Halloween-Weise plötzlich leichenschänderische Schauerqualitäten, Lonnie Donegans „Ham ’n’ Eggs“ setzt als Soundtrack zur Autofahrt ins psychische Nichts eine süße schwarze Wolke misanthropischer Komik frei. Am stärksten ist der Film ohnehin immer dann, wenn er der Intelligenz der Beteiligten etwas Auslauf in Richtung Witz erlaubt und dafür den pathetischen Ballast, der einige der obenerwähnten visuellen Erlesenheiten in die öde Tiefe zieht, einfach auf sich beruhen lässt.

Alleinherrscherin im Reich des Schreckens

Wo die Mutter und ihr kleiner Sohn einander beharken, als wären beide verzogene Bälger, wo ein Haustier in der Häckselmaschine verschwindet oder John C. Reilly als mit Nutella gefüllter Riesenteddybär für jedes noch so garstige Verbrechen seines Erstgeborenen mit bräsiger Arglosigkeit das immer gleiche phantasielose Verständnis zeigt, wird Platz geschaffen für moralische Mehrdeutigkeiten, ohne die „We need to talk about Kevin“ zur therapeutischen Familienaufstellung auskäsen müsste.

So traut sich Lynne Ramsay, von ihren eigenen durchtriebenen Scherzen verführt, in einigen wenigen kostbaren Augenblicken gar, die ödipale Hintergrundstrahlung, die das morbide Ganze umwabert, in Mimik und Chemie ihrer beiden Besten explizit werden zu lassen: Miller und Swinton agieren die Erotik einer gestörten Blutsbindung dabei dann so vorsichtig und artistisch aus, als gelte es, ein Fläschchen Nitroglyzerin auf der Nasenspitze zu balancieren.

Das Duett, das man in diesen Szenen ahnt, kommt trotzdem nicht zustande. Denn die Alleinherrscherin über dieses Reich des Schreckens besitzt selbst noch für die Seele ihres Widersachers die volle schauspielerische Deutungshoheit: Tilda Swintons Gesicht im Supermarkt, vor dem Tomatensuppenregal, im Bann einer Welt, die sie nicht gewollt hat und der sie sich nicht entziehen kann - so, wie sie da aussieht, muss sich, spürt man, auch der winzige Kevin gefühlt haben, auf der Entbindungsstation, beim Blick durch die Trennscheibe aufs unerreichbar Menschliche da draußen.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 14.08.2012, 17:00 Uhr

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