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Video-Filmkritik Meister des Träumeklaus: „Inception“

28.07.2010 ·  Christopher Nolan bringt mit „Inception“ einen ungewöhnlichen Sommerfilm ins Kino: Spektakulär wie ein Action-Reißer, kopflastig wie ein Essayfilm, bestückt mit Stars wie ein sicherer Hit.

Von Verena Lueken
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Es heißt, es gebe nichts Langweiligeres als die Träume anderer Leute. Kommt drauf an, muss man sagen, wenn man aus dem Kino kommt, nachdem Christopher Nolas neuer Film „Inception“ gezeigt wurde und wir gesehen haben, wie sich (in von den Figuren gemeinsam geträumten Welten und Aktionen) die Pariser Boulevards übereinanderfalten, Männer die Decken entlanglaufen wie einst Fred Astaire in „Royal Wedding“, Geschäftsleute schwerelos in Aufzügen schweben oder plötzlich mitten in der Stadt, wo keine Schienen liegen, ein Zug auftaucht und die Straße leerfegt.

Alle technischen Möglichkeiten, die das Kino heute bietet - außer 3D - kommen zum Einsatz, um uns zu zeigen, was Christopher Nolan sich erträumt hat in seinem Versuch, wieder einmal die Grenzen der filmischen Narration zu durchbrechen. Er erfindet Bilder jenseits aller Wahrscheinlichkeit und eine auf verschobenen Zeit- und Bewusstseinsebenen spielende Geschichte, und er wirft damit das grundlegende Prinzip des Erzählkinos - dass wir glauben sollen, was wir sehen, weil wir es sehen - über den Haufen zugunsten einer Erkenntnis höheren Grades: Alles, was wir sehen, ist Illusion. Allerdings eine, die manipulierbar ist. Bis das Unbewusste, hier in Gestalt von Marion Cotillard, zuschlägt und alle Traumplanungen zunichtezumachen droht.

„Inception“ also ist nicht nur der Traum seines Regisseurs, der Film ist auch ein Experiment: Er bewegt sich fast vollständig in den Träumen seiner Figuren, die teilweise auch noch träumen, dass sie träumen. Im Mittelpunkt steht Don Cobb (Leonardo DiCaprio), ein Meisterdieb auf dem Gebiet des Träumeklaus, der seine Fähigkeiten vor allem der Industriespionage zur Verfügung stellt. Mit heftig wirksamen Sedativen werden mächtige Männer in den Tiefschlaf versetzt, auf dass Cobb, durch dicke Schläuche und ebenfalls schlafend mit ihnen verbunden, in ihren Träumen Hinweise auf ihre geschäftlichen Pläne entwenden kann. Der Kunde, um den es im Film geht, Saito (Ken Watanabe), hat nun einen etwas anderen Auftrag für Cobb: eine Idee nicht zu stehlen, sondern jemandem unterzuschieben - oder besser gesagt den Anfang (daher der Titel), das Samenkorn eines Gedankens. Und zwar dem Erben des mächtigsten Energiekonzerns der Welt, der gleichzeitig Saitos größter Konkurrrent ist: Robert Fischer (Cillian Murphy) soll, wenn er wieder aufwacht, das Imperium seines sterbenden Vaters auflösen wollen.

Das ist nun ein typischer McGuffin, eine Drehbucherfindung, welche die Erzählmaschine zum Rattern bringt, ansonsten aber nichts bedeutet. Und so kommt die Geschichte in Gang, nicht unähnlich der von „Ocean's Eleven“. Cobb stellt sein Team hochspezialisierter Gauner zusammen, findet eine phantasiebegabte Architektin, Ariadne (Ellen Page), die für die Ausgestaltung der Traumräume sorgt, den Verwandlungskünstler Eames (Tom Hardy), der in jeder gewünschten Verkleidung für den Träumenden glaubwürdig ist, Yusuf, den Apotheker (Dileep Rao), der die Sedative zusammenrührt, und Arthur, seinen Projektmanager sozusagen (Joseph Gordon-Levitt), der das Ganze koordiniert und die Träumenden auch wieder in den Wachzustand zurückruft. „Non, je ne regrette rien“ - Edith Piafs Song ist der Weckruf.

Traum als Action-Spektakel

Nun steigen sie hinab, ganz wörtlich genommen, nicht nur in einen Traum, sondern weiter in Träume von Träumen, in die tiefsten erfahrbaren Traumebenen, von denen die unterste tatsächlich mit einem Aufzug in den Keller erreicht wird. Dort kommt ins Spiel, was im manipulierten Schlaf keinesfalls etwas verloren hat, nämlich die Erinnerung, und zwar die von Cobb an seine verstorbene Frau (Marion Cotillard, die als Edith Piaf einen Oscar gewann, das Wecklied ist ebenso sehr ein Insider-Scherz wie eine Hommage). Sie ist Inhalt und Hexenmeisterin in Cobbs Träumen, denn sie hat er geliebt, und an ihr ist er schuldig geworden. Seine Sehnsucht gilt ihr und den gemeinsamen Kindern, die in den Vereinigten Staaten leben, während er durch die Welt hechtet und in Amerika gesucht wird.

Saito, das ist der Grund, den gefährlichen Auftrag anzunehmen, hat versprochen, ihm die Heimreise zu ermöglichen. Das ist nun kein McGuffin, sondern sozusagen das emotionale Zentrum des Films, das, was uns interessieren muss, wenn wir jenseits unserer Lust am erstaunlichen Spektakel der Bilder in unserem Innern von „Inception“ infiziert werden sollen. Dies aber geschieht dann doch nicht in dem Maß, das dem Aufwand angemessen wäre. Nolans Figuren träumen, als wären sie in einem Action-Film, was für irrwitzige Verfolgungsjagden sorgt, und eine Traumlandschaft sieht so aus, als wäre James Bond gerade aus ihr abgereist - brillant gedrehte Szenen, aber ist das wirklich die verborgene Verbindung zwischen Traum und Kino? Dass unser Traumdesign entworfen wurde von der Traumfabrik?

Hollywoods Traumdesign

Es ist ja nicht so, dass uns Träume im Kino neu wären oder dass wir ganz unerfahren mit den Möglichkeiten wären, einer Erzählung doppelte oder auch dreifache Böden einzuziehen, so dass die Gegenwart oder das, was wir in konventionelleren Filmen dafür halten, unter unseren Blicken verschwimmen müsste. Nolan selbst, der vor elf Jahren mit „Following“ zum ersten Mal einen Film drehte, hat uns in „Memento“, als er eine Geschichte konsequent in umgekehrter Chronologie abwickelte, darin geschult. Seitdem träumt er offenbar davon, die erzählerischen Mittel des Films denen der Traumarbeit anzunähern. So sehen seine Filme jedenfalls aus, und so fühlen sie sich auch an - rückwärts erzählt eben wie „Memento“, dessen Hauptfigur ihr Gedächtnis verloren hat, irrlichternd wie „Insomnia“, in dem Al Pacino der Schlaf abhandenkommt. Und mit seinen beiden „Batman“-Filmen, vor allem mit „The Dark Knight“, ausgerechnet im Superheldengenre also, ließ Nolan die Albträume einer verlorenen Welt auf die Leinwand sich ergießen und wurde damit einer der profitabelsten Regisseure (allemal der profitabelste Engländer) in Hollywood.

Die Unsicherheit darüber, ob das, was wir sehen, filmische Realität, Traum, manipulierter Traum oder Fabrikation sei, haben wir spätestens in „The Blade Runner“ kennengelernt. Die Verstörung war damals immens, und die Frage, die der Titel des Buchs von Philip K. Dick stellte, das dem Film zugrunde lag - „Träumen Androide von elektrischen Schafen?“ -, hat uns eine Weile lang tatsächlich umgetrieben. „Inception“ hingegen bleibt, was unser inneres Engagement angeht, recht blass. Ob Cobb seinen Kindern, im Traum oder sonstwie, jemals wieder ins Gesicht blicken wird, ist uns einerlei, und auch die entscheidende Frage, wo eigentlich die Gegenwart und ihre Räume geblieben sind, raubt uns nicht den Schlaf.

Und müsste der Film nicht die Gefühle, wie es im Traum geschieht, verstärken, müssten nicht Angst, wenigstens Beklemmung von uns Besitz ergreifen - wie es „The Matrix“ ja immerhin geschafft hat -, sollten die Koordinaten, die unser Weltbild abstützen, nicht durcheinanderwirbeln, während wir zusehen, wie die letzten Geheimnisse des Menschen, seine Träume und sein Unbewusstes, mit ziemlich simpel wirkenden Tricks von den Interessen anderer durchdrungen werden? Die Irritation aber, die „Inception“ auslöst, bleibt immer ganz beim Film. „In wessen Traum sind wir gerade?“ So formuliert Ariadne, ein Neuling im Traumgeschäft, einmal ihre Verwirrung. Das sind so die Fragen, die bleiben.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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