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Video-Filmkritik Luftwelt des Kapitalismus: „Up in the Air“

 ·  George Clooney glänzt in Jason Reitmans mehrfach oscarnominiertem Film „Up in the Air“ als smart-brutaler Vollstrecker des Kapitalismus.

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Jedes ökonomische System produziert nicht nur Güter, Waren und gesellschaftliche Verhältnisse, sondern auch Unmengen von Bildern und Repräsentanten, und manchmal, da schaut einen heute der Kapitalismus sogar mit dem Gesicht von George Clooney an, zumal Zigarre und Zylinder, geballte Faust und Schirmmütze schon lange nichts mehr über die Marktwirtschaft aussagen und die globale Geschäftsreisendenuniform nur selten verrät, ob es sich um einen Abteilungsleiter, einen Aufsichtsratsvorsitzenden oder um einen Mann fürs Grobe handelt. Einer muss jedoch auch diesen Job erledigen, und George Clooney ist in Jason Reitmans Film „Up in the Air“ der Vollstrecker. Er feuert Angestellte für all die Personalchefs, die zu feige oder zu empfindlich sind, um die schlechte Botschaft persönlich zu überbringen.

„Separation Meetings“ heißen diese peinigenden Sitzungen im euphemistischen Idiom der amerikanischen Businesswelt, und Reitman hat in einer Auftaktmontage einfach sprechende Menschen aneinandergeschnitten, die bestürzt, wütend und fassungslos auf ihre Entlassung reagieren. Dass diese Sequenz so realistisch wirkt, hat einen simplen Grund: Es sind keine Komparsen, die vor der Kamera sitzen, sondern tatsächlich Gefeuerte aus St. Louis und Detroit, denen die Produktion auf diesem Wege ein unerwartetes Einkommen verschafft hat.

Gleitend durch die Luftwelt

Clooneys Ryan Bingham ist der Mann, der ihnen gegenübersitzt, und keiner ist geeigneter, diesen Antagonismus aus Vollstreckerfunktion und Superstaraura in einer Person auszutragen. Reibungslos gleitet er durch Flughäfen, Mietwagenbüros, Hotels und Konferenzräume, durch ein Ambiente, das der Schriftsteller Walter Kirn, dessen Roman dem Film zugrunde liegt, „Airworld“ genannt hat. Es ist ein Schauplatz, der etwas leicht Irreales hat, ein Transitraum, wie man ihn überall auf der Welt findet: designt in einem internationalisierten Stil, leicht steril, eine funktionale Benutzeroberfläche.

322 Tage im Jahr ist Bingham unterwegs, und sein Apartment im tristen Omaha, Nebraska, sieht so aus wie ein länger nicht benutztes Hotelzimmer jener Kategorie, in der er nie absteigen würde. Er lebt in der Luft, und er lebt, weil der Weg das Ziel ist, für die Zehn-Millionen-Meilen-Schallmauer in seinem Vielfliegerprogramm, die vor ihm nur sechs Menschen durchbrochen haben. Den Trolley hinter sich herziehend, den Mantel überm Arm, muss er an keinem Schalter warten, und durch die Sicherheitskontrollen geht er wie ein Geist, weil er weiß, dass man sich immer in einer Schlange mit Asiaten anstellen muss, weil die Slipper und niemals Schnürschuhe tragen.

Luftgeborener Existentialismus

Die Brutalität seines Jobs verbrämt er mit Silberzunge und goldenen Worten, mit einem kalkulierten Maß an vorgetäuschter Empathie und samtiger Unerbittlichkeit. Er hat aus seinen Arbeitsbedingungen einen Lebensstil gemacht, den man als Fluch begreifen kann, wie er über dem Fliegenden Holländer liegt, oder den man zu jenem luftgeborenen Existentialismus veredeln kann, der aus Binghams Regel spricht: „Mich zu kennen heißt, mit mir zu fliegen.“ Wolken ziehen auf, als Ryans Firma eine junge Streberin verpflichtet, die das persönliche Entlassungsgespräch durch Videokonferenzen zu ersetzen empfiehlt. Sie muss mit ihm auf Tour, um die Techniken des Feuerns zu erlernen, und natürlich ist sie zunächst in ihrem Eifer, ihrem Ehrgeiz und ihrem Mangel an Lebenserfahrung seiner Mischung aus Samt und Stahl nicht gewachsen.

Regisseur Jason Reitman, der Sohn von Ivan, dem Komischen („Ghostbusters“, „Kindergarten Cop“), der mit „Juno“ (2007) einen bemerkenswerten Auftritt hatte, hat sich die Agilität seines Protagonisten zu eigen gemacht, so flüssig gleitet der Film dahin; er interpunktiert die Abschnitte mit jener inzwischen offenbar unvermeidlichen Google-Earth-Optik amerikanischer Städte, in denen Ryan seine Aufträge erfüllt, und dieser fließende Stil überlagert lange Zeit auch Reitmans merkwürdige Erzählökonomie.

Er zeigt den rasenden Stillstand, weil der rastlose Terminator zwar Meilen frisst, aber immer dieselbe Funktion im immer gleichen Ambiente ausübt; selbst wenn er als beliebter Gastredner Vorträge hält über den „Rucksack des Lebens“, in den man nur das Allernötigste packen solle - was, andersherum betrachtet, eine Predigt gegen alle Formen von persönlicher Verbindlichkeit ist -, bleibt der Flughafenmietwagenhotellobby-Kosmos sich erschütternd gleich.

Soziale Dramen, private Fluchtwege

Doch so etwas wie eine Geschichte kommt dabei nur mühsam in Gang, ein Plot, welcher den Protagonisten in seiner Routine aufstörte, weshalb Reitman auch vor dem seltenen Problem steht, eine gut geölte und versiert bediente Maschinerie ins Stocken zu bringen. Der Motor stottert kaum wahrnehmbar, als Ryan Alex (Vera Farmiga) kennenlernt, eine gleichgesinnte Seele, mit der er eine unverbindliche Affäre beginnt und die ihn am Blackberry mit den Worten begrüßt: „Ich bin die Frau, um die du dir keine Gedanken machen musst, betrachte mich als dein Ebenbild - nur mit einer Vagina.“

So ein Dialogsatz ist zu markig, um unbemerkt zu bleiben, und so begreift selbst Ryan, was da mit ihm längst vor sich gegangen ist. Er nimmt Alex mit zur Hochzeit seiner kleinen Schwester, betätigt sich als Seelentröster, der seinem Schwager in spe Verbindlichkeit predigt, leistet sich ein paar sentimentale Schlenker - und wie sich der Film dann herausmanövriert aus dieser Schräglage, muss man nicht verraten. Nur so viel: Den Widerspruch, der von Anfang an in ihm liegt, schafft der Schluss nicht aus der Welt, weil Reitman vorgibt, vom sozialen Drama der Entlassung und Arbeitslosigkeit zu erzählen, um letztlich nur auf Ryans Seite des Tischs zu bleiben.

Vollstrecker mit menschlichem Antlitz

Dass er nie ganz abstürzt, dass „Up in the Air“ über die Turbulenzen einigermaßen hinwegkommt, ist George Clooneys Verdienst, der so viel Charme, Eleganz und Flair verbreitet wie seit Cary Grant kein amerikanischer Schauspieler mehr, der gleichsam sein akkumuliertes Starkapital als Gegengewicht in die Rolle hineinbringen kann, die er hier spielt, und dem derzeit einfach alles zu gelingen scheint, was er anfasst.

„Wir sind dazu da, die Vorhölle erträglich zu machen“, sagt Clooneys Bingham, und das klänge bei den meisten Schauspielern nur abgeschmackt und zynisch, so wie die erbaulichen Worte, welche den Entlassenen mit auf den Weg in die Arbeitslosigkeit gegeben werden. Einem George Clooney möchte man sogar glauben, wenn er diese Sätze ausspricht - auch wenn dieser Glaube noch keinem geholfen hat.

Er hält den Film in einer prekären Schwebe zwischen Komödie und Tragödie, er sorgt dafür, dass dieser Ryan in seiner ganzen Welt- und Beziehungslosigkeit die Restsympathie des Publikums nie ganz aufbraucht: ein Vollstrecker mit menschlichem Antlitz, der von den Verhältnissen nichts weiß, die er mit seinem Job herstellen hilft; eine blendende Charaktermaske, die für kurze Zeit das System hinter ihr verschwinden lässt.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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