03.03.2010 · Tim Burton hat „Alice im Wunderland“ verfilmt. Kein anderer Regisseur als der große Phantastiker des Hollywood-Kinos, hätte das besser machen können.
Von Peter KörteEs ist immer wieder tröstlich, dass missglückte Verfilmungen Büchern nichts anhaben können; auch Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ hat die rund zwei Dutzend Adaptionen mühelos überlebt, die es seit 1903 gegeben hat. Aber es kommt auch vor, dass Filme Büchern etwas hinzufügen, dass sich auf einmal eine neue Bilderwelt, wie in einer langen Überblendung, über die alte legt, die sich im Kopf bei der Lektüre gebildet und über die Jahre verfestigt hat. Zu einem solchen Zusammenstoß der Imaginationen kann es bei Tim Burtons „Alice im Wunderland“ leicht kommen, und so ganz überraschend ist das nicht, weil man sich ohnehin keinen besseren Regisseur vorstellen könnte als den großen Phantastiker des Hollywood-Kinos, wenn es um den Sturz ins Kaninchenloch und seine Folgen geht.
Tim Burtons Version arbeitet mit zwei so einfachen wie einleuchtenden Verschiebungen. Er behält Alice' Wunderwelt - und lässt Alice (Mia Wasikowska) altern. Als junge Frau von zwanzig Jahren kehrt sie zurück in die Traumwelt ihrer Kindheit: genau in dem Moment, als ein bodenloser Langeweiler ihr auf einer pompösen viktorianischen Gartengesellschaft einen Heiratsantrag macht. Sie lebt den Traum, der sie begleitet hat, seit sie ein kleines Mädchen war, weshalb sie auch immer wieder im Verlauf der Geschichte darauf besteht, dies sei ihr Traum und sie die wahre Alice - um schließlich doch wieder geträumt zu werden. Und zum Zweiten haben Burton und die Autorin Linda Woolverton Motive und Charaktere aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ aufgegriffen und aus beiden Büchern so etwas wie einen Plot konstruiert. Das ergibt mehr Logik und Folgerichtigkeit, als in den Büchern steckt, aber diese Abkehr vom Episodischen schadet dem Film nicht.
Eine wunderbare Hinwendung zum unscheinbarsten Detail
Tim Burton lässt seiner Liebe zum Hybriden freien Lauf, so dass die Grenzen zwischen Computeranimation, Puppentrick und realen Schauspielern verwischen; anders als bei visuellen Grobmotorikern wie Peter Jackson ist da diese wunderbare Hinwendung zum unscheinbarsten Detail. Da schillert das Auge der rauchenden blauen Raupe hinterm Monokel, und die Momente, in denen sich die Grinsekatze entmaterialisiert, um nur einen feinen grauen Nebel zu hinterlassen, versetzen einen in kindliches Staunen.
In Burtons Tableaus prallen die verschiedenen Perspektiven simultan aufeinander, sie sprengen die ordentlichen Proportionen im Bildraum, und das funktioniert in 3 D ungleich überzeugender als im herkömmlichen Format. Was der Surrealist André Breton an Carroll so bewundert hat, diese „Neigung zum Absurden“, das zieht sich bei Burton durch nahezu jedes Bild.
Ein Zauber, der sich in den Kinosaal überträgt
Das Verhältnis von Kopf und Körper ist bei der roten Königin (Helena Bonham Carter) so inkommensurabel wie ihre gesamte Erscheinung zu der ihres Hofstaats, und Alice' Metamorphosen, ihr ständiges Wachsen und Schrumpfen, das sie aus der Teekanne in die silberne Rüstung einer Heiligen Johanna führt, die es mit dem Jabberwocky genannten Drachenwesen aufnimmt, sind das Bewegungsprinzip des Films. So wird der Sinnzusammenhang, den das Drehbuch aus Alice' Traumpartikeln zu gewinnen versucht, in den Bildkompositionen zugleich wieder brüchig.
„Selbst bei den großen Studioproduktionen gibt es diesen Moment, in dem du merkst: Ich bin in meiner eigenen Welt, und die anderen kriegen uns nicht zu fassen. Es ist magisch, und niemand wird es entzaubern können“, hat Tim Burton mal gesagt. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich dieser Zauber in den Kinosaal überträgt. Doch wenn Burton Alice' Welt durch das Prisma seiner Imaginationen zeigt, folgt man gern dem weißen Kaninchen, wie Neo in der „Matrix“, begegnet dem verrückten Hutmacher (Johnny Depp) und der weißen Königin (Anne Hathaway) - und freut sich darauf, das Buch mal wieder zu lesen, um herauszufinden, wie haltbar Burtons Phantasmen sind. Und es bleibt ja immer noch genug Raum, um sich die Hummer-Quadrille oder die falsche Suppenschildkröte selber auszumalen.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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