16.05.2007 · Godard ließ sie schweben, Schlöndorff zeigte ihr romantisches Gesicht, nun führt sie endlich selbst Regie: Julie Delpy, in ihrem weisen, heiteren Debüt „Zwei Tage in Paris“ - ein großes Rededuell über die Stolpersteine der Liebe.
Von Julia EnckeSie war schon immer anders als ihre französischen Schauspielkolleginnen, was vor allem an ihrem Gesicht liegt, von dem Max Frisch sagte, als er Schlöndorffs „Homo faber“ sah, dass es „das Gesicht einer großen deutschen Romantikerin“ sei und ihr Lächeln das einer Sphinx. In bestimmtem Licht wirkt ihr Teint auf der Leinwand allerdings so durchscheinend, dass man den Eindruck hat, direkt in diese Sphinx hineinsehen, sie also doch durchdringen zu können. Julie Delpy war also schon immer eine Art Elfenwesen, das fing in Godards „Détective“ an, wo sie mit fünfzehn im weißen Kleid und mit wehendem blondem Haar Klarinette spielend durchs Hotelzimmer hüpfte und ab und zu philosophische Sätze sagte. Sie benahm sich aber immer weniger wie eine Elfe. Oder besser: Sie benahm sich wie eine unkontrollierte, ein bisschen neurotische und deshalb sehr komische Elfe mit ausgeprägtem Rededrang.
Das ist das Schöne an Julie Delpy: Sie kommt wie ein Traumwesen daher, ist in ihren Rollen dann aber entweder extrem kurzsichtig, schreit Taxifahrer an oder fängt, unglücklich über ihr desaströses Liebesleben, schnell an zu heulen. Sie schwebt - aber sie weiß, wie es ist, hart zu fallen.
Die Französin und der Amerikaner
Jetzt hat sie ihren ersten eigenen langen Film gemacht: „2 Tage in Paris“. Sie hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, neben Adam Goldberg eine der Hauptrollen gespielt, sich im Schneideraum die Technik zeigen lassen und bei der Filmmusik selbst mitgesungen. Julie Delpy mag sich nicht darauf verlassen, bloß das Geschöpf von anderen zu sein. Sie nimmt die Dinge gern selbst in die Hand.
Vor fünfzehn Jahren, da war sie Anfang zwanzig, hatte mit Godard, Leos Carax und Bertrand Tavernier gedreht, bis in Frankreich die Angebote plötzlich ausblieben und sie im Ausland spielte, in Agnieszka Hollands „Hitlerjunge Salomon“ oder Schlöndorffs „Homo faber“; vor fünfzehn Jahren zog sie nach Amerika. Sie besuchte einen Regiekurs an der New York University und zeigte ihren Abschlussfilm „Blah Blah Blah“ auf dem Sundance-Festival. Seither hat sie, neben ihren Filmrollen, immer wieder Drehbücher geschrieben, oft für die Schublade. Und wenn man heute „Before Sunset“ wiedersieht, Richard Linklaters Fortsetzung von „Before Sunrise“, in welchem sie, die Französin, auf Ethan Hawke, den Amerikaner, traf, um einen ganzen Film lang nichts anderes zu tun, als durch Wien zu spazieren und zu reden, dann muss man sich vor allem vorstellen, wie Delpy, Hawke und Linklater zuvor endlos viele Stunden gemeinsam in einem Arbeitszimmer verbrachten, um die „Before Sunset“-Dialoge zu schreiben. Die Französin und der Amerikaner, die durch Wien gelaufen waren und ein Liebespaar hätten werden können, trafen sich neun Jahre später in Paris wieder. Jeder der drei Drehbuchschreiber brachte seine eigenen Erfahrungen mit und in den Film hinein. Und in gewisser Weise hat Julie Delpy den Faden von damals jetzt allein noch ein bisschen weiterverfolgt.
Prüfung „Romantikurlaub“
In „2 Tage in Paris“ nämlich, den sie dieses Jahr auf der Berlinale präsentiert hat und der diese Woche in die Kinos kommt, geht es wieder um genau diese Konstellation: um eine Französin und einen Amerikaner, beide Mitte dreißig. Nur dass es dabei sehr viel turbulenter und auch sehr viel lustiger zugeht als in Linklaters romantischer Erzählung. Die beiden treffen sich nicht, um Überlegungen darüber anzustellen, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie es denn gemeinsam verbracht, sie sich nicht verpasst hätten. Die Frage ist eine andere: Wie übersteht ein Liebespaar, das gerade zwei Jahre zusammen ist, einen gemeinsamen Urlaub, ohne dass das Ganze im totalen Chaos endet? Sogenannte Romantikurlaube sind wie Prüfungen, das weiß jeder. Wenn dabei dann auch noch zwei Kulturen aufeinanderknallen, sind diese Prüfungen manchmal sehr schwer zu bestehen.
Es beginnt, wie jeder Urlaub, euphorisch, schön, vertraut - in Venedig. Marion und Jack, die sonst zusammen in New York wohnen, reisen über Paris, wo sie bei Marions Eltern kurz die Katze abgeben, nach Italien. Julie Delpy hat eine eigentlich zu große schwarze Brille in ihrem schönen Gesicht, die sie fortwährend auf- und abnimmt und in der man natürlich eine kleine Woody-Allen-Hommage vermutet. Denn woodyallenhaft geht es zu, kaum dass sie zurück in Paris sind, eigentlich nur, um die Katze wieder abzuholen, am Ende aber, um sich zu fragen, ob sie überhaupt zusammenbleiben wollen: Die Herausforderung des gemeinsamen Urlaubs wird noch getoppt durch die Herausforderung gemeinsam verbrachter Tage mit Marions Eltern.
Auf das herzlichste enthemmt
Dabei gehört zum Schönsten dieses Films die Verwunderung im Gesicht von Adam Goldberg, der Jack spielt. Seine anfänglich ironische Belustigung um die Mundwinkel weicht immer mehr einem Entsetzen aufgerissener verzweifelter Augen, die so gar nicht zu seiner soliden tätowierten bärtigen Erscheinung passen wollen. Mit der amerikanischen Touristengruppe, die in Paris am Bahnhof den Taxistand blockiert, kommt er noch zurecht. Er schickt die Rollkofferhorde einfach ein paar Straßen weiter mit der Behauptung, dass der Louvre ganz in der Nähe sei. In Wirklichkeit ist er kilometerweit weg, dafür aber ein Taxi frei. Stunden später rollen die „Da Vinci“-Jäger noch immer durch die Pariser Gassen.
Womit Jack allerdings nicht zurechtkommt, das sind die Franzosen - natürlich auch, weil er kaum ein Wort Französisch spricht und er, wenn er Marions Vater mit „Rimbaud“ beeindrucken will, nicht „Rambo“ meint. Julie Delpy hat ihre Eltern, die Schauspieler Albert Delpy und Marie Pillet, auch im Film die Eltern spielen lassen. Man sah sie in diesen Rollen schon einmal, in Linklaters „Before Sunset“, ganz am Ende des Films. Hier aber kann sich Familie Delpy nun richtig austoben: auf das herzlichste enthemmt, mit vulgären Scherzen, eine Künstlerfamilie ohne jede Tabus, die sich grundsätzlich in der höchsten Lautstärkenfrequenz verständigt.
Schwarze Brille im schönen Elfengesicht
Bombardiert mit sexuellen Anspielungen steht Jack fassungslos daneben. Hatte er in Venedig noch gut gelaunt die Theorie der „kleinen Welt“ aufgestellt, die beweisen sollte, wie außerordentlich hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass sie auf der Straße jemanden träfen, den sie kennen, wird diese „kleine Welt“ in Paris plötzlich sehr eng. Irritierenderweise begegnen sie, wo sie auch hinkommen, diversen Ex-Freunden von Marion, mit denen sie sich aufs beste versteht - was wiederum Jack nicht versteht, weil er, wenn er seine Freundinnen verließ, sie eben auch nicht mehr sehen wollte. In Frankreich scheinen die Gesetze andere zu sein. Und so werden die zwei Tage in Paris zu einem einzigen großen Rededuell, das mit so vielen ironischen Volten versehen ist, dass man es auf den ersten Blick für ein lustiges Spiel halten könnte, für die perfekte Unterhaltungsstrategie zweier sich Liebender: Ob ein Blowjob angesichts von George Bush und des Irakkriegs überhaupt irgendeine Bedeutung hat oder ob er nicht sogar eine immense Bedeutung hat, da es, siehe Clinton, schließlich ein Blowjob war, der dem demokratischen Amerika ein Ende setzte - darüber wird wunderbar gestritten. Nur ist es irgendwann eben plötzlich nicht mehr lustig.
Es sei schon komisch, wie viel Spaß ihr das Regieführen mache, hat Julie Delpy gesagt. Wenn es kompliziert und schwierig werde, schrecke sie das überhaupt nicht ab. Die harte Arbeit in Beziehungen dagegen habe sie lange Zeit eigentlich immer abgeschreckt. Sobald es kompliziert wurde, sei es sehr schnell zu Ende gewesen. „2 Tage in Paris“ ist, so gesehen, die Geschichte eines Durchhalteversuchs, mit einem sehr schönen Rhythmus aus verschiedenen Drehgeschwindigkeiten, Standbildern und eingeblendeten Strichmännchen-Schaubildern zur Veranschaulichung von Jacks „Small World“- Theorie. Wenn Julie Delpy in ihrem Film Motive aus „Before Sunset“ übernommen hat, dann ist es also ganz bestimmt nicht die Vorstellung von einer romantischen Liebe, die bei Linklater, der mit „Before Moonrise“ offenbar gerade eine dritte Folge plant, zugrunde lag. Bei ihr überwiegen die charmanten Macken und neurotischen Ticks, die völlig ungehemmt ausagiert werden und in einer zu kleinen Welt am Ende nichts anderes als die Hürden des Alltags sind. Dass man dabei sehr viel Spaß haben kann, glaubt man Julie Delpy mit ihrer lustigen schwarzen Brille im schönen Elfengesicht sofort.