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Video-Filmkritik Leben als Katalog: „39,90“

31.07.2008 ·  Der Schriftsteller Frédéric Beigbeder, ein Zyniker oder ein verzweifelter Clown, hat mit seinem Roman „39,90“ die Werbewelt karikiert und einen Bestseller gelandet. Nun ist die Verfilmung da: unterhaltsam, sympathisch, ein bisschen bodenlos und verrückt.

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Schon in der Vergangenheit wusste man ja nie so genau, ob der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder ein Zyniker ist oder ein verzweifelter Clown und wie ernst er seine Kapitalismuskritik eigentlich meinte, als er vor acht Jahren mit „39,90“ einen Roman über die Werbebranche veröffentlichte, in dem sein Held alles daran setzte, die Werbewelt zu entlarven, um endlich gekündigt zu werden: „Ich heiße Octave. Ich bin Werber: ja, ein Weltverschmutzer. Ich bin der Typ, der Ihnen Scheiße verkauft. Der Sie von Sachen träumen lässt, die Sie nie haben werden. Immerblauer Himmel, nie flaue Frauen, perfektes Glück, Photoshop-retuschiert. Sie müssen unbedingt ein bestimmtes Produkt haben, und kaum dass Sie es haben, brauchen Sie schon das nächste. Der Hedonismus ist kein Humanismus, sondern Cashflow. Devise: ,Ich gebe Geld aus, also bin ich'. Ich schreibe dieses Buch, um gefeuert zu werden“, waren die Töne, die dieser Held spuckte. Und im wahren Leben funktionierte es: Als der Roman erschien, wurde Beigbeder, der für ein Spitzengehalt in Paris zehn Jahre in der Werbeagentur „Young & Rubicam“ gearbeitet hatte, sofort rausgeschmissen. Dafür war er jetzt Skandal- und Bestseller-Autor. Werbewirksam war ihm ein Branchenwechsel geglückt.

Bei der Kinoadaption von „39,90“ hat Jan Kounen Regie geführt, Beigbeder am Drehbuch mitgearbeitet. Beigbeder karikiert die Werbung, aber auch sich selbst, das ist unterhaltsam, sympathisch, ein bisschen bodenlos und verrückt. Und genau so ist dann auch der Film. Die Dreharbeiten von „39,90“ müssen ein Riesenspaß gewesen sein, und man könnte wirklich nicht sagen, dass es keinen Spaß machte, sich das Resultat jetzt anzusehen. Jan Kounens Film ist ein Delirium, eine völlig durchgeknallte Mischung aus Genrefetzen: aus Animationen, Traumsequenzen, kaleidoskopartigen Halluzinationsbildern, Werbefilm und Komödie. „Werbung kostet Geld, in diesem Film ist sie kostenlos“, sind die ersten, auf der Leinwand eingeblendeten Worte. Kounen spart nicht mit Logos, um sie auf diese Weise allesamt in den Dreck zu ziehen.

Teil einer Werbestrategie

Gerade von seiner Freundin verlassen, wird Jean Dujardin als kokainsüchtiger Ideenproduzent Octave Parango damit beauftragt, einen Werbespot für den neuen Null-Fett-Joghurt der Firma „Madone“ zu erfinden. Zumindest materiell hat er alles, was er je erreichen wollte, ein Markenfetischist, den man im Film in seiner 200-Quadratmeter-Wohnung vor dem Kleiderschrank sieht, während zu jedem Kleidungsstück lustig die Etikettenschriftzüge eingeblendet werden. Sein Leben, so die schlichte, natürlich aber ironisch in Szene gesetzte Pointe, ist ein Katalog, nur macht ihn das nicht glücklich.

Unablässig blutet ihm die Nase, dann fallen die Sicherungen raus, sein Chef schickt ihn in die Psychiatrie, notdürftig repariert kehrt Octave zurück ins Büro, um im persönlichen Rachefeldzug endlich zurückzuschlagen und alles zu subvertieren.

Aber auch die Subversion ist nur Teil einer Werbestrategie: „Sie sind Teil eines Tests“, wird den Zuschauern mitgeteilt, als alle schon denken, der Film sei zu Ende und sie könnten jetzt gehen. Im angehängten Test-Screening wird daraufhin ein zweites mögliches Ende präsentiert, ein idyllisches Werbekitsch-Happy-Ending, das wiederum die Kopie einer real existierenden Produktwerbung ist. Wir haben die Wahl, sagt der Film. Einen Ausweg aber haben wir nicht. Eine Welt, die der Werbelogik folgt, ist ein geschlossenes System. Konsequent repetiert sie der Film als geschlossenes System ironischer Bezüge.

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