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Video-Filmkritik : Lass uns nie ein gemeinsames Abendessen verpassen

Bild: F.A.Z., Warner

Clint Eastwoods hochriskanter Film „J. Edgar“ über den Gründer und jahrzehntelangen Leiter des FBI ist Anti-Gangster-Film, Liebesdrama und Geschichtsmeditation zugleich.

          Das letzte Mal, dass einer, der wirklich gelebt hat, im Kino so groß, so hässlich, herrschsüchtig, schwach und gepeinigt gezeigt wurde, dass wir sein Tun zugleich missbilligen und als zwingend empfinden, sein Leiden sowohl mitfühlen als auch, von einer Welle teilnehmender Scham bestürmt, zurückweisen mussten, hieß der filmische Kraftakt „Patton“. Das war 1970. Der von George C. Scott gespielte Held dieser epochalen Zusammenarbeit des Drehbuchautors Francis Coppola mit dem Regisseur Franklin J. Schaffner hatte außer Krieg nichts gelernt; er überzeugte als Scheusal wie als armer Hund. Man wollte ihn gestürzt sehen und erhoben, beseitigt und besungen. Man wollte, dass ihn jemand rettet.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Titanenarbeit und Erbärmlichkeit außergewöhnlicher Machtungeheuer hängen intim zusammen, behauptet auch „J. Edgar“, Clint Eastwoods bislang riskanteste Regiearbeit. Nach menschlichem Ermessen musste hier alles schiefgehen - das Vorhaben setzt sich kaltschnäuzig über sämtliche schlechten Erfahrungen hinweg, die man mit dem Genre „bewegtes Monsterstandbild“ in den letzten vierzig Jahren gemacht hat: Schminke, weiß Eastwood das denn nicht, kann natürliche Alterung, nicht aber die politische Verwüstung in Menschengesichtern simulieren; einer, der Terroristen und Gangster unschädlich macht, darf in einem Hollywoodfilm nicht mit der eigenen Faschisierung ringen; einen Trauerflor aus Pathos darf man um Opfer, nicht aber um Täter ausbreiten; eine historische Gewaltgeschichte darf nicht von schwuler Liebe handeln, und wenn, dann muss davon mehr gezeigt werden als ein verzweifelt bissiger Kuss auf den Mund, ein flüchtig zarter auf die Stirn und ein bisschen Händchenhalten im Auto. Das Erstaunliche: Es ist dennoch gelungen, alles da, alles wahr.

          Judi Dench als weiblicher König Lear

          J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) baut das amerikanische Bundeskriminalamt FBI auf, führt wissenschaftliche Methoden der Kriminologie (und der Kriminalität im Amt) ein, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, legt über jeden und jede (eingeschlossen Präsidentengattinnen und Frauen, mit denen Präsidenten sonst schlafen) mindestens eine Akte an, verbessert das Image des Polizisten in der Popkultur mittels kühl kalkulierter wie wagemutig umgesetzter Werbekampagnen und setzt nebenbei bundesweit gültige Gesetze und entsprechende Vollmachten durch. Sein Leben lang sieht der geniale Fahnder sich umstellt von Subversiven, unverständigen Entscheidungsträgern, Idioten. Seine überragende Intelligenz zeigt nur in verstohlenen Momenten ästhetenhafte Züge großer Weichheit. Seiner Sehnsucht, ein Gegenüber zu finden, geht er zunächst tapsig nach: Eastwood zeigt einen Versuch des Verstörten, die später lebenslang treue Sekretärin (Naomi Watts) zu küssen. DiCaprio sieht dabei aus wie ein kleines Vögelchen, das nach etwas pickt, wovon es nicht weiß, ob es giftig ist oder zum Sterben süß. Kann so einer lieben? Er liebt einen Mann.

          Sagen und leben wird er das nie. Seine Mutter will nicht hören, was er nur mit den hilflosen Worten mitteilen kann: „Ich will nicht mit Frauen tanzen.“ Sie bringt es ihm trotzdem bei; beruflich wird er’s brauchen. Judi Dench gibt die einschnürende Glucke als gotisches Hybridwesen aus Marmorkühle und weiblichem König Lear (Frauen, spekuliert diese beklemmende Schauspielleistung, müssten, wenn sie so wahnsinnig würden wie Shakespeares König, statt in Raserei wohl in manipulativen Trübsinn verfallen. Die hier sehr unheimliche Dame war selten besser). DiCaprio hält sich an ihr fest, rutscht an ihr ab. Sie sagt: Lieber hätte ich einen toten Sohn als ein Blümchen. Die Pointe ist, dass der Sohn, den sie tatsächlich hat und dem sie nichts ärger wünscht als den Aufstieg, diesen nur schafft, weil der zweite Mann im System FBI, die rechte Hand, der Vertraute, Clyde Tolson (Armie Hammer), in ihm Liebe weckt (und sie erwidert). Tolson ist, wie Hoover im Film zu spät bekennt, der einzige Mensch, den er je gebraucht hat (das Verb hat im Deutschen einen treffenden Doppelsinn: Auch Missbrauch treibt der Verbrecherjäger mit dem Herzen des Nächsten; es ist ihm die Bühne herrischen Gehabes, mit dem er weniger die Welt als sich selbst in verzweifelte Zucht nimmt.)

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