Der russische Soldat, der die Autorin am 28. April 1945 vergewaltigt, ist „ein älterer Mensch mit grauen Bartstoppeln, er riecht nach Schnaps und Pferden“. Um nicht zu schreien, beißt die Frau die Zähne zusammen und schließt die Augen. „Auf einmal Finger an meinem Mund, Gestank von Gaul und Tabak. Ich reiße die Augen auf. Geschickt klemmen die fremden Hände mir die Kiefer auseinander. Aug in Auge. Dann lässt der über mir aus seinem Mund bedächtig den angesammelten Speichel in meinen Mund fallen.“
Eine Qualität, vielleicht die wichtigste, des Buches „Anonyma - Eine Frau in Berlin“ - das 1959 erstmals in Deutschland erschien und 2003 bei seiner Neuauflage in der Anderen Bibliothek wiederentdeckt wurde - besteht darin, dass es ein Bericht in Schichten ist. Die erste Schicht entstand vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 in Form von Notizzetteln und hastigen Aufzeichnungen in einer Kladde. Die zweite Schicht ist ein im Sommer 1945 angefertigtes Typoskript, in dem die stichwortartigen Notate - „VG“ für Vergewaltigung, „Schdg.“ für Schändung - ausformuliert sind. Die dritte Schicht ist die von dem Journalisten Kurt Marek (als Erfolgsautor C. W. Ceram), einem Freund der Verfasserin, an einen New Yorker Verleger geschickte Druckversion, deren Übersetzung im Herbst 1954 in Amerika erschien.
Ein subjektiver Blickwinkel
Alle drei Entstehungsphasen klingen in diesem Buch zusammen wie ein Akkord: das Erlebnis selbst, seine Schrift- und seine Veröffentlichungsform. Man kann es auch so sagen: Gerade weil die Erfahrung, von der „Anonyma“ erzählt, so gründlich bearbeitet, weil sie in der Erinnerung noch mehrfach durchlitten wurde, wird sie in all ihrer Grausamkeit sichtbar.
Wie soll ein Film mit dieser Vorlage umgehen? Max Färberböck, der Regisseur von „Anonyma“, hat, wie er sagt, die erste Fassung seines Drehbuchs aus russischer Perspektive geschrieben. Warum? „Weil die Widersprüche in der Roten Armee enorm und nicht Hunderttausende Soldaten Schänder und Mörder waren.“ Wenn man den Firnis politischer Korrektheit abkratzt, kann man in diesem Satz ein Bemühen um Objektivität erkennen. Aber objektiv ist das Tagebuch der Anonyma gerade nicht. Im Gegenteil, je genauer es den Ausnahmezustand und die Massenvergewaltigungen des Kriegsendes und der ersten Friedenstage in Berlin schildert, desto subjektiver wird sein Blick. „Wie vom Sirius her“, schreibt die Erzählerin, nähme sie „gewisse Worte und Dinge“ in den Mund. Es ist ein sich selbst fremdes, fernes und böses Gestirn, von dem aus sie die Welt ringsum betrachtet und beschreibt.
Objektive Klischees statt subjektiver Einsichten
Deshalb ist es keine Frage des Stils, wenn die Autorin die Fahrräder auf der Straße „rasseln“ hört, denn sie fahren auf den nackten Felgen; durch das Abmontieren der Reifen schützen die Besitzer ihr Gefährt davor, von den russischen Soldaten „beschlagnahmt“ zu werden. Und es ist auch nicht gleichgültig, wenn Anonyma erst einen Major kennenlernt, den sie zu ihrem Beschützer macht, und danach einen Oberleutnant, der mit ihr Französisch spricht. Max Färberböcks Film zieht beide Figuren zu einer zusammen. Das ist seine Vorstellung von Objektivität.
Wie weit man mit dieser Strategie kommt, zeigt der Anfang von „Anonyma“. Man sieht Artillerie-Einschläge, Häuserruinen, wild gestikulierende deutsche Soldaten und fliehende Zivilisten, darunter eine blonde Frau im blauen Mantel. Die Frau in Blau entkommt in einen Keller, das Licht geht aus; als es wieder hell wird, sind die Russen da. Es ist ein von Eichingers „Untergang“ abgezweigter Erzählstrang, mit derselben Bild- und Tonsprache, denselben Endkampfköpfen, nur ohne Führerbunker.
Sogar die Kellerkulisse, in der die Vorhut der russischen Eroberer über die deutschen Frauen herfällt, ist erkennbar nach Kinobedürfnissen geformt. Denn dieser Keller ist riesig, ein wahres Labyrinth - kein Vergleich zu den historischen Luftschutzräumen, die man in deutschen Stadtmuseen besichtigen kann, oder den realen Kellern Berlins. Aber Färberböck braucht die Katakombe, um das Breitwandformat zu füllen, das er für seinen Film gewählt hat. Wer wie er in die Falle des Objektiven tappt, kommt um Verzerrungen nicht herum. Statt subjektiver Wahrheiten produziert er objektive Klischees.
Traurige Vollständigkeit
Als Nächstes entwirft der Film das Bild einer Hausgemeinschaft, die offenkundig aus den Drehbuchentwürfen zu einer unproduzierten ZDF-Serie über den „Alltag im Nazireich“ stammt. Da ist die lustige Witwe (Irm Hermann), deren Salon zu einer Art Völkerverständigungskneipe wird; der Ex-Blockwart (Rüdiger Vogler), der über das Schicksal der europäischen Völker philosophiert; die naive Dralle (Isabell Gerschke), die mit den neuen Herren gern fünf gerade sein lässt, und die zögernde Ehefrau (Jördis Triebel), die nur ein wenig Trost im Trübsinn sucht.
Da sind die Selbstmörder, Greise, versteckten Deserteure und Besserwisser, die seit Rossellinis „Deutschland im Jahre Null“ zum Personal solcher Geschichten gehören. Aber Rossellini drehte in den echten Ruinen Berlins. Bei Färberböck dagegen ist jeder Tapetenfleck eine Kunstanstrengung. Am deutlichsten spürt man diese Bemühtheit in den Porträts der Rotarmisten, bei denen jeder Typus - Rüpel, Raufbold, Naivling, Tyrann, Bauer und Bourgeois - genau einmal vorkommt. Es ist, als hätte ein Betriebspsychologe die Gesichter entworfen. Statt plausibler Charaktere bietet „Anonyma“ die traurige Vollständigkeit eines Panoptikums.
Verbotene Küsse im Dämmerlicht
Und dann die Liebesgeschichte. Um vor den russischen Durchschnittsrohlingen Ruhe zu haben, bietet sich die Heldin (Nina Hoss) dem russischen Offizier Andrej (Evgeny Sidikhin) an. Er gibt sich verständnisvoll, erzählt von zu Hause, und sie öffnet ihm die oberste Schublade ihres Herzens. „Katzenwohl“ habe sie sich gefühlt, als sie mit ihrem Major edlen Tokaier trank, schreibt die „Anonyma“-Autorin unter dem Datum vom 7. Mai 1945, und in einer Randnotiz „zur Verwendung für Romanautoren“ entwirft sie eine kurze Bettszene.
Für Färberböcks Film ist das die Lizenz zum Schmocken. Von den verbotenen Küssen im Dämmerlicht über die Brautwerbung („Komm mit mir“) bis zum Abschied im Morgengrauen („Wie sollen wir leben?“) klappert er alles ab, was den Konsalik-Verfilmungen der fünfziger Jahre lieb und teuer war. Nur die Geigen auf der Tonspur wimmern inzwischen verhaltener. Es ist, als hätten sie bei Guido Knopp den Blues gekriegt.
Bloßstellung der Vorlage
„Anonyma“ ist ein schrecklicher Film - nicht durch das, was er erzählt, sondern durch die Art, wie er seine eigene Vorlage bloßstellt. Die Autorin des Buches, die 2001 verstorbene Journalistin Martha Hillers, deren Identität postum durch einen Zeitungsartikel enthüllt wurde, musste sich von ihren deutschen Lesern bei der Erstveröffentlichung 1959 als Nestbeschmutzerin und kommunistische Sympathisantin beschimpfen lassen. Färberböck liegt auf seine Weise genauso weit daneben. Scham, Schuldgefühl und körperliches Glück sind ihm zu wenig - es muss gleich Liebe sein, wenn die Frau in Blau den Major empfängt. So übermalt er das historische Zeugnis in den Bonbonfarben des Melodrams. Dass das Buch „ohne Hass“ sei, fand Kurt Marek, sein erster professioneller Leser, bemerkenswert.
Der Film taucht diesen freien Blick in Kitsch und macht ihn dadurch blind. Und dennoch sieht man Nina Hoss gerne zu, wie sie in „Anonyma“ das deutsche Fräulein in der Hölle spielt, mal trotzig und bildungsbewusst, mal kleinlaut und verzagt. Wenn sie ihren Beschützer endlich verabschiedet, glaubt man ihr einen Augenblick lang sogar das Flackern des Gefühls. Das macht „Anonyma“ nicht zu einem besseren Film. Aber es verkürzt die zwei Kinostunden, die man mit ihm verbringt.