14.07.2010 · Brillante Mendozas Cannes-prämierte Parabel über das Schuldigwerden ist ein facettenreiches Gesellschaftsporträt der philippinischen Gesellschaft.
Von Rüdiger SuchslandEin ganz normaler Tag, ein Morgen wie jeder andere in Manila. Man sieht einen Marktplatz, Frauen mit ihren Kindern gehen einkaufen, fahrende Händler bauen ihre Buden auf. Jeder kauft oder verkauft irgendetwas, Ökonomie bestimmt den Pulsschlag des Lebens. Mobiltelefone werden angeboten, man sieht Gemüsestände, eine große Uhr, einen Hahn, der für seinen nächsten Kampf präpariert wird, eine Waage für die Ware, eine Metzgerei, einen Geflügelhändler, der ein paar tote Hühner köpft und dann hingebungsvoll zerlegt, junge Männer, die schwere Mülltüten wegbringen - Szenen aus dem Alltag der philippinischen Hauptstadt.
Es ist eine großartige Eröffnung, die sich in ihrem Hintersinn dem Zuschauer aber erst ganz erschließt, wenn man „Kinatay“ zum zweiten Mal sieht. Sie verrät viel über das Kino Brillante Mendozas, über die Unmittelbarkeit seines Stils, seine Offenheit, seine beiläufige Präzision, sein Spiel mit Zeit und Raum. Zugleich ist der ganze Film hierin versteckt schon enthalten. Und am besten ist es wahrscheinlich, wenn man gar nicht weiter erzählt, was nun alles folgen wird.
Ohne dass er seine Zuschauer bewusst in die Irre führte oder alles absichtlich im Vagen hielte, entwickelt „Kinatay“ wie Mendozas andere Filme seine Geschichte doch erst allmählich aus dem Leben der Figuren, und das heißt, er bettet sie ein in ihre Familien, ihre Arbeit, ihre tagtäglichen Verrichtungen. Das bedeutet in diesem Fall, dass wir zunächst Peping kennenlernen, einen jungen Mann, dem Coco Martin sein weiches, unschuldig-offenes Gesicht gibt. An diesem Morgen wird er heiraten, ein Kind hat er schon, man erfährt von seiner Geldnot und dass Peping angehender Polizist ist.
Und doch ist diese erste Viertelstunde nur Exposition. Im Weiteren wird man begreifen, dass Pepings Leben auch eine brutale Nachtseite hat, dass er nebenbei im Sold eines Gangsterbosses steht. In der Nacht nach seiner Hochzeit wird er mit seinen Kumpanen zunächst endlos lang hinaus in einen Vorort fahren, dort eine Prostituierte, die der Auftraggeber offenbar beseitigen will, entführen und auf grauenhafte Weise ermorden. Peping ist daran nur indirekt beteiligt, die Kamera zeigt sein Zögern, sein Mitleid mit dem Opfer, seine Angst, aber auch seine Unfähigkeit, sich der Beteiligung zu verweigern, und darum seine Schuld. Auch hier gibt es großartige Szenen, wie jenen Moment, in dem Peping vom Tatort fliehen könnte, doch dann ist die Chance schon wieder verstrichen. In solchen Augenblicken wird „Kinatay“, mit dem Mendoza 2009 in Cannes den Regiepreis gewann und seinen endgültigen Durchbruch erlebte, auch zu einer universalen Parabel über das Schuldigwerden.
Mendozas Kino ist ein Kino der Sinnlichkeit. Und es ist ein Kino, das nach Gerechtigkeit fragt. Es geht nicht so sehr um das unmittelbar Politische, eher um ein facettenreiches Gesellschaftsporträt, das Anteil nimmt, das sich wie die italienischen Neorealisten für die Lage der Armen interessiert. Die Moral dieses Kinos liegt darin, es uns Zuschauern ungemein schwer zu machen, uns nicht mit den Figuren zu identifizieren. Not kennt kein Gebot. Das gilt sogar für Peping, den kriminellen Polizisten in „Kinatay“, und hierin liegt die Hinterlist Mendozas, seine Humanität wie sein Pessimismus. Nach der bestialischen Nacht graut der Morgen, und Peping kehrt nach Hause zurück. Zärtlich hält er sein Kind im Arm. Ein ganz normaler Tag, ein Morgen wie jeder andere.
Andere Verhältnisse - andere Normalität
Frank Hollenbach (zveti)
- 14.07.2010, 19:56 Uhr