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Video-Filmkritik : So viele Umwege auf dem Weg eines Herzens

Bild: dpa

Katell Quillévérés Film „Die Lebenden reparieren“ breitet ein Mosaik von Schicksalen aus, die durch eine Organspende miteinander verbunden werden.

          Wenn man in einer einzigen Szene zeigen müsste, was es heißt, jung zu sein, könnte sie nicht schöner sein als die Einstellung, mit der Katell Quillévérés Film „Die Lebenden reparieren“ beginnt: Ein Junge, Simon, steigt aus dem Bett, fotografiert seine schlafende Freundin, springt lautlos aus dem Fenster auf die Straße, steigt auf sein Rennrad und rast durch die schlafende Stadt zum Hafen, wo ihn zwei Freunde mit einem Lieferwagen aufsammeln. Im Morgengrauen, am Strand, paddeln die drei mit ihren Surfbrettern in die Brandung, warten auf die passende Welle, schwingen sich auf ihr Brett und rasen durch den Tunnel aus stürzendem Wasser ins Licht, atemlos, immer wieder. So beginnt Simons Tag. Es ist sein letzter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die nächste unvergessliche Einstellung dieses Films ist ein Todesbild. Die drei Surfer sitzen in ihrem Lieferwagen, sie sind zufrieden, müde, sie schlafen ein, zuletzt fallen dem Fahrer die Augen zu. Der Film aber zeigt nicht den Unfall, der kommt, sondern eine haushohe Wasserwand, die ganz sanft auf den Wagen zurollt, bis sie über ihm zusammenschlägt. In der nächsten Szene liegt Simon im Krankenhaus, er fällt ins Koma, Schädel-Hirn-Trauma; die Schäden am Gehirn, erkennen die Ärzte, sind irreversibel. Dann klingelt ein Telefon irgendwo in einer Neubauwohnung und reißt eine erschöpfte Frau, Simons Mutter, aus dem Schlaf. Sie fährt ins Hospital, aber es dauert lange, ehe sie begreift, was passiert ist, ehe das Wort „hirntot“ und das, was es bedeutet, in ihr Bewusstsein dringt. Und dann ist Simons Vater da, der erklärt, er sei an allem schuld, weil er dem Jungen das Surfen beigebracht habe, und eine Organspende komme nicht in Frage. Sie sollen Simon nicht aufschneiden. Nicht sein Kind.

          Entweder man heult, oder man kotzt

          Für Melodramen im Kino gilt immer noch, was die Kritikerin Frieda Grafe einmal als Gesetz des Genres formuliert hat: Entweder man heult, oder man kotzt. Es ist unangenehm, wenn Gefühle durch Bilder erpresst werden, und am unangenehmsten, wenn die Erpressung nicht funktioniert. Dann betrachtet man die Romanze des jungen, querschnittsgelähmten Millionärs mit seiner Haushaltshilfe mit Widerwillen. Die Rührung, der mächtigste emotionale Hebel des Kinos (neben der Furcht), verwandelt sich in Ekel.

          Trauer ist ein schwaches Wort für das, was passiert, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt: Kool Shen, Gabin Verdet und Emmanuelle Seigner in „Die Lebenden reparieren“.
          Trauer ist ein schwaches Wort für das, was passiert, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt: Kool Shen, Gabin Verdet und Emmanuelle Seigner in „Die Lebenden reparieren“. : Bild: dpa

          Das Besondere des Films „Die Lebenden reparieren“ besteht nun darin, dass er alle melodramatischen Gelegenheiten, die seine Geschichte bietet, verstreichen lässt. Simons Eltern sind getrennt, das Unglück ihres Sohnes wäre der passende Anlass für eine Versöhnung; aber der Film macht keine Szene daraus. Die Krankenschwester, die Simon betreut, und der junge Assistenzarzt sind solo, aber zwischen ihnen bahnt sich keine Liebesgeschichte an. Statt seinen Figuren Gefühle einzutrichtern, für die in der Eile des Geschehens noch gar kein Platz ist, folgt der Film ihren Gedanken. Die Eltern überlegen, was wohl ihr Sohn zu einer Organspende gesagt hätte. Der Krankenschwester wird bei Simons Anblick klar, dass sie ihr eigenes Leben nicht auf die lange Bank schieben darf. Der Tod hält jedem einen Spiegel vor; „wer bist du?“ steht darauf.

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