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Video-Filmkritik : Kalkül statt Karma: „The Happening“

Bild: Fox

M. Night Shyamalan wurde mit „Sixth Sense“ weltberühmt. Sein neuer Film „The Happening“ beschreibt ein Weltuntergangsszenario, welches in der Bedrohung der Menschheit die Liebe und das Vertrauen eines Paares als rettende Kräfte entdeckt.

          Wie hat man sich ihn denn nun vorgestellt? Den Mann, der mitten im Hollywood-Mainstream vom Übersinnlichen erzählt? Der den „Sixth Sense“ hat und der „Signs“ liest, merkwürdige Kreise im Kornfeld, die womöglich Zeichen aus einer anderen Welt sind? Schwer zu sagen. Man möchte ja nicht seinen eigenen Vorurteilen zum Opfer fallen. Bestimmt nicht als Esoteriker mit Räucherstäbchen, der einen zum Yogi-Tee bittet, aber auch nicht so, wie er einem in der Hotelsuite gegenübertritt: in schwarzer Anzughose und weißem Oberhemd, das den Blick auf ein kleines Amulett um den Hals freigibt, in Gestik und Verhalten sehr amerikanisch, professionell, eloquent und gut gelaunt.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          M. Night Shyamalan, der 1999 mit „Sixth Sense“ weltberühmt wurde und mit „Das Mädchen aus dem Wasser“ (2006) ziemlich auf Grund lief, signiert Plakate seines neuen Films „The Happening“ für die Mitarbeiter des deutschen Verleihs, und während wir uns unterhalten, kämpft er mit dem Faserstift, der auf dem Hochglanzpapier keine Spuren hinterlassen will. „Ist das nicht bizarr, die eigene Unterschrift in den Freiraum zwischen toten Körpern zu setzen?“ Shyamalan lacht, der Stift beschäftigt ihn mehr als die Frage, er sucht sich seinen Weg zwischen den auf dem Rasen verstreuten Toten, die das deutsche Filmplakat zeigt. Auf dem amerikanischen Plakat, sagt er, sehe man Mark Wahlberg und Zooey Deschanel zwischen einstürzenden Hochhäusern, und über diese Differenz kommen wir ins Gespräch.

          Katastrophenfilm oder Kammerspiel?

          Ist „The Happening“, der nichts mit dem zu tun hat, was man gemeinhin unter einem „Happening“ versteht, nun eher ein typischer Katastrophenfilm oder ein Kammerspiel vor dem Hintergrund des drohenden Weltuntergangs? Shyamalan bevorzugt das Einerseits und das Andererseits. Und wir einigen uns darauf, dass „The Happening“ wohl ein „intimer Albtraum“ ist, ein Weltuntergangsszenario, welches in der Bedrohung der Menschheit die Liebe und das Vertrauen eines Paares als rettende Kräfte entdeckt. Das muss man nicht überzeugend finden, aber als Beschreibung reicht es erst einmal.

          Menschen bleiben stehen, mitten im Central Park, Menschen gehen rückwärts, Menschen werfen sich vors Auto oder vor einen Rasenmäher, stürzen sich einfach von einem Rohbau oder klettern in ein Löwengehege. Natürlich ist das eine ziemlich durchsichtige Metapher auf unsere Zivilisation, die sich selbst zerstört. Der Selbsterhaltungstrieb ist erloschen, und keiner weiß warum. Am Anfang nicht - und auch nicht am Ende. Hat die Regierung etwas vertuscht, Zwischenfälle in Atomkraftwerken zum Beispiel, war es ein Virus oder eine toxische Verseuchung der Luft? Und warum ist nur der Nordosten der Vereinigten Staaten betroffen?

          Das ist sein Territorium

          Shyamalan lächelt und zuckt mit den Achseln. Das ist sein Territorium, das ist Shyamalan-Territorium. Vielleicht ist es auch nur eine Masche. Der Flirt mit dem, was wir uns nicht erklären können. Der Mann, der 1970 in Indien geboren wurde und in der Gegend von Philadelphia aufwuchs, hat in seinen Filmen immer wieder mit solchen Rätseln jongliert, bis die Geschichten vor lauter Geheimniskrämerei seltsam geheimnislos wirkten. Jetzt erzählt der Lehrer (Mark Wahlberg) seinen Schülern von den Bienenvölkern, die einfach verschwunden sind, und wenn er mit seiner Frau und der Tochter eines Freundes aufs Land flieht, bringen sich manche um, während die anderen überleben, ohne dass ein Muster darin erkennbar würde.

          Er habe bei seinem Film an „Die Vögel“ von Hitchcock gedacht oder an die „Invasion der Körperfresser“, sagt Shyamalan, er liebe auch „Die Nacht der lebenden Toten“ von George Romero: „Die metaphorische Qualität ist sehr hoch.“ „Vom Sujet her ist ,The Happening' ein B-Movie“, fügt er hinzu. Der Film kommt ohne Massenpanik mit vielen Komparsen aus, er lässt den Schrecken wachsen, wenn ein Windstoß aufkommt. Das passiert häufiger, und immer wenn der Wind geweht hat, sind ein paar Leute mehr zum Suizid bereit. „Ich fühle mich wohl in diesem Genre vom Untergang der Welt“, sagt Shyamalan lächelnd, ohne dass es ironisch wirkte. Er habe recherchiert, natürlich, und dann streckt er auf einmal seine Hand vor, deutet auf den Handrücken und sagt: „Es ist, als wenn hier eine leichte Hautrötung wäre. Warum ist sie gerade an dieser Stelle, warum nicht anderswo auf der Haut? Das kann einem der Arzt auch nicht erklären.“

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