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Video-Filmkritik : Jenseits der Dorfidylle: „Immer Drama um Tamara“

Bild: Prokino

Tamara Drewe bringt mit ihrer Anwesenheit ein englisches Dorf aus dem Gleichgewicht bringt. Stephen Frears verfilmt die Comicvorlage mit bitterbösem Blick und britischem Humor.

          Derr deutsche Verleihtitel von „Tamara Drewe“ lautet „Immer Drama um Tamara“ und verweist überdeutlich auf eines der amüsantesten und bösesten Fingerspiele, die sich das Kino mit dem friedlichen Dorfleben geleistet hat: Hitchcocks „Immer Ärger mit Harry“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Allerdings hat das neue Werk von Stephen Frears erst sehr spät eine Leiche zu bieten, davor jedoch geht wie bei Hitchcock meist die ganze Zeit darum, wie man Dinge unter der Decke hält. Zumindest in jenen Momenten, in denen keine Kuh durchs Bild läuft.

          In Ewedown, einem kleinen Ort im englischen Dorset, hat das gesetzte Ehepaar Hardiment einen Bauernhof zum Schriftstellerrefugium ungebaut. Nicholas ist selbst ein höchst erfolgreicher Krimiautor, seine Frau Beth hält den kleinen biodynamischen Landwirtschaftsbetrieb in Schwung und umsorgt die Gäste, darunter den erfolglosen amerikanischen Literaturwissenschaftler Glen McCreavy.

          Alles ist hier auf Ruhe für kreative Köpfe ausgelegt, und deshalb kommt die Enthüllung einer Affäre von Nicholas mit einer jungen Frau nicht nur emotional höchst ungelegen. Und am gleichen Tag trifft aus London eine weitere junge, äußerst attraktive Journalistin ein, die hier im Dorf aufgewachsen ist und nun ihr leerstehendes Elternhaus verkaufen will. Die früher sehr markante Nase hat Tamara Drewe sich mittlerweile operieren lassen, und mit aufreizender Bekleidung bringt sie frischen Wind in die lauen Sommertage. Da staunen selbst die Kühe.

          Nicht viel mehr als viele Kühe

          Nicholas, Glen und der Gärtner Andy Cobb, der schon als Jugendlicher etwas mit Tamara hatte, schmelzen bei ihrem Anblick dahin, die Frauen im Dorf zerreißen sich die Mäuler. Und ganz am Rande der Gesellschaft, stets präsent, doch nie beachtet, spinnen die beiden Schülerinnen Jody und Casey ihre bösen Netze, in denen sich einer nach dem anderen alle Beteiligten verstricken werden. Die beiden Mädchen, sind die bösen Geister von Ewedown. Sie hassen niemanden speziell, aber alles, was das Dorf zu bieten hat. Und strenggenommen bietet es nicht viel mehr als viele Kühe.

          Nun könnte man angesichts der exzessiven Erwähnung von Kühen vermuten, Stephen Frears habe in „Tamara Drewe“ alles recht schwarzweiß inszeniert: konservative Dörfler, aufgeschlossene Städterin, polygame Männer, treue Frauen, erfolgreiche Kriminalschriftsteller, schreibgehemmte Sachbuchautoren, wilde Jugend, behäbige Erwachsene. Aber das Gegenteil ist der Fall; kuhgemäß müsste man den Film als schwarzbunt bezeichnen. Denn der bitterböse Blick des Regisseurs schält aus den Figuren ihre Vielgesichtigkeit heraus. Noch die scheinbar Eindimensionalsten unter ihnen bekommen im Laufe der 110 Minuten Tiefe, und am Schluss hat man für alle eine gewisse Sympathie.

          Dreharbeiten auf dem Lande

          Anders als in Frears' Vorgängerfilm „Chéri“, der auch ein britisches Sittenbild bot, aber eines, das als Kurtisanenporträt im Fin de Siècle gleich doppelt verkünstelt war, sind uns die Figuren in „Tamara Drewe“ ganz nahe, auch wenn sie sich noch so albern benehmen.

          Dabei sind sie so britisch, wie man es sich nur wünschen kann - so britisch, wie es bislang nur der Franzose Alain Resnais in seinem Doppelfilm „Smoking/No Smoking“ geschafft hat, und die ganze Inszenierung vom Ablauf der Jahreszeiten bis hin zu den leuchtenden Bildern des Kamermanns Ben Davis erinnert an Resnais, obwohl Frears tatsächlich auf dem Land und nicht im Studio gedreht wurde. Es ist der Bezug zum Comic, der beide Regisseure ästhetisch verbindet. „Smoking/No Smoking“ war zwar eine Theateradaption, profitierte aber von Resnais' bekannter Faszination für die Erzählweise von Bildergeschichten, und „Tamara Drewe“ geht direkt auf den gleichnamigen Comic zurück, den die 1945 geborene Posy Simmonds von 2005 bis 2007 für die Wochenzeitung „The Guardian“ gezeichnet hat (auf Deutsch ist er im vergangenen Jahr im Berliner Reprodukt Verlag erschienen).

          Enthüllung des ländlichen Mikrokosmos

          „Tamara Drewe“ als Comic ist eine ungewöhnliche Mischung aus Prosa und Bildern, die auch die Zeitungskolumnen der Titelheldin miteinbezieht. Dadurch steht sie bei Simmonds viel mehr im Mittelpunkt als bei Frears. Und ihre Liaison mit dem populären Rockschlagzeuger Ben, die alle Beobachter und schließlich auch Tamara selbst verstört, hat im Comic weitaus mehr Brisanz, weil ganz England über ihre Kolumnen daran teilhat und nicht nur das Kaff Ewedown. Doch Frears hat dem Comic auch etwas verliehen, was bei Simmonds zum großen Buch gefehlt hat: ebenjene Bosheit beim Blick auf den ländlichen Mikrokosmos. Der Film lässt keinen Platz für Nostalgie, er entlarvt die Abgeschiedenheit als Kuhdorf, in dem es für Menschen nichts zu gewinnen gibt.

          Das alles aber erzählt Frears so leichthändig, dass ihm der Stoff doch zur Komödie wird. Und Gemma Arterton als Tamara, Roger Allam als Nicholas, Tamsin Greig als Beth und Luke Evans als Andy sind dabei ein fabelhaftes Quartett weitgehend unbekannter Akteure. Geradezu beklemmend gut aber sind Jessica Barden und Charlotte Christie in den Rollen der beiden frustriert-teuflischen Mädchen. Es ist ein Schauspielfeuerwerk, mit dem sie diesem Film einheizen - kindlicher als im Comic, aber umso bedrohlicher in ihrer Naivität. „Immer Drama um Tamara“ weckt als Titel den Anschein, es ginge um die schöne junge Frau. Dabei geht es ums Ganze. Und um Kühe. Mehr, als man meinen sollte.

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