19.08.2009 · Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ ist eine Unverschämtheit, eine Kriegserklärung, ein Vergnügen. Tarantino inszeniert die Nazis als das. was sie wirklich waren.
Von Claudius SeidlFür einen guten Film, so hat das einst Godard gesagt, als er noch jünger war und seine Filme bessere Laune hatten, für einen guten Filme brauche es nur ein Mädchen und einen Revolver - und wenn Quentin Tarantino, Godards bekennender Schüler, den Satz jetzt so versteht, dass es für einen besseren Film zwei Frauen mit Pistolen brauche, dazu einen Haufen Männer mit großkalibrigen Schusswaffen, ein paar Kilo Dynamit und außerdem ein großes Bowiemesser, einen Baseballschläger und einen Keller voller alter, extrem leicht entzündbarer Nitrofilm-Kopien, dann müsste man ihm eigentlich sagen:
Nein, genau so hat Jean-Luc Godard das sicher nicht gemeint.
Und als kritischer Kritiker und analytischer Geist möchte man gleich hinzufügen, dass man beim Sehen und Hören dieses Films einen kühlen Kopf behalten und keinerlei Vergnügen empfunden habe, als die Pistolen entsichert und die Maschinengewehre abgefeuert wurden, als das Messer blitzte im Gegenlicht und alles, was überhaupt entflammbar war, in die Luft flog mit viel Lärm, Geschrei und schönen Farben zwischen Hellweiß und Dunkelorange.
Geht aber nicht, weil auch die Köpfe entflammbar sind.
Und weil Tarantino so ein präziser und inspirierter Regisseur ist, spürt man das sinnliche, das fast schon musikalische Vergnügen an diesem Film, lange bevor er kracht, knallt und explodiert. Es reißt einen schon mit, wenn Brad Pitt, mit unwiderstehlichem Südstaaten-Akzent, von jedem seiner Männer „one hundred Nazi skalps“ fordert; wenn Christoph Waltz in einem Pariser Restaurant auf Französisch einen Strudel bestellt, avec crème, und die Mehlspeise dann nicht nur verschlingt, sondern, gewissermaßen, zu Tode quält; wenn Mélanie Laurent im Café sitzt, raucht, ein Buch liest und ein abweisendes Gesicht zu machen versucht, was auf Daniel Brühl, der ihren deutschen Verehrer spielt (und auf uns Zuschauer erst recht), naturgemäß ganz besonders anziehend wirkt; wenn, ganz am Anfang, „once upon a time in Nazi-occupied France“, Tarantino einen schönen, grünen Hügel zeigt, auf dem ein Bauernhaus steht, und davor hackt der Bauer das Holz, und seine Tochter hängt die Wäsche auf, und von Ferne, aus dem Tal, rollen die Motorräder und ein Auto der SS an, wobei Tarantino nur ein paar Einstellungen braucht, um Sergio Leone, Clint Eastwood, John Ford und auch noch Achternbuschs „Andechser Gefühl“ nicht einfach nur zu zitieren, sondern zu beschwören und die emotionalen Überschüsse der halben Filmgeschichte herbeizuzaubern.
Viele fiese Szenen
Es ist, als wollte Tarantino mit diesem Film, in dem der Filmproduzent und Chefmanipulator Joseph Goebbels eine wesentliche Rolle spielt, demonstrieren, was für eine wirksame Emotionsmanipulationsmaschine das Kino ist. Und wie gut er sie beherrscht: Als „Inglourious Basterds“ in Berlin seine deutsche Premiere hatte, brach, nach einer besonders fiesen unter vielen fiesen Szenen, in welchen Christoph Waltz den SS-Mann Hans Landa, einen Mörder, Sadisten und Bildungsbürger der ganz alten Schule spielt, der Szenenapplaus los.
Klar stand da, einen Moment lang, die stocknaive Frage im Kinosaal, ob es das sei, was Tarantino uns da vorführen wollte: wie leicht wir uns verführen lassen, wenn das Böse nur so einen subtilen Rhythmus hat, wenn es so gut und elegant inszeniert ist. Aber natürlich wird Tarantino unterschätzt von allen, die ihm das unterstellen, was man so landläufig „kritische Absichten“ nennt - genau so, wie ihn jeder unterschätzt, der ihm, was immer wieder naheliegt, unterstellt, dass er, kindisch und zynisch zugleich, von Politik und Geschichte keine Ahnung habe und sich einfach nur sein Vergnügen daraus mache, im völlig unpassenden Rahmen des Zweiten Weltkriegs ein paar absolut unrealistische und unhistorische Desperado-Geschichten zu erzählen, mit doppeltem Showdown und den Hakenkreuzfahnen, den SS-Totenköpfen und Ledermänteln als schweren Zeichen fürs absolute Böse, die aber so wenig auf irgendeine historische Wahrheit verweisen, wie das in anderen Filmen die Außerirdischen, die Russen, die Männer mit den schwarzen Hüten tun.
Nazi killing business
Ja, stimmt schon, sogenannte wahre Geschichten sind das nicht, was Tarantino hier erzählt - wobei es ihm ohnehin weniger um Geschichten geht als darum, ein paar Szenen zu inszenieren, in welchen die Konflikte ausgetragen werden und die Gegenwart des Kinos sich entfalten kann. Es geht hier, einerseits, um die „Inglourious Basterds“ (die falsche Schreibung ist Tarantinos Bekenntnis zur eigenen Legasthenie und passt zugleich perfekt in die Strategien dieses Films), einen Trupp jüdischer Amerikaner, die sich in den Wäldern des besetzten Frankreichs verstecken und von sich selber sagen: „We're in the Nazi killing business.“ Einmal fragt Brad Pitt, der Anführer des Trupps, einen deutschen Soldaten, was er tun werde, wenn der Krieg vorbei sei. „Ich werde meine Uniform ausziehen“, sagt der Soldat, und dann ritzt Brad Pitt ihm in die Stirn ein Hakenkreuz, tief genug, dass die Narbe niemals verschwinden wird, zum Zeichen, dass einer seine Taten nicht bei der Altkleidersammlung entsorgen kann. Und in der nächsten Szene steht der Soldat vor Adolf Hitler und kündet vom Schrecken und der Grausamkeit der „Basterds“. Das ist zu drastisch, als dass man es zynisch konsumieren könnte, zu grausam für einen kindischen Spaß. Und wenn Martin Wuttke als Adolf Hitler den teuflischen Clown gibt, vergisst man fast, dass man Bruno Ganz doch seit Jahren schon vergessen wollte.
Der Film handelt, andererseits, von Shosanna Dreyfus, dem jüdischen Mädchen, das seine ganze Familie bei einem Massaker verloren hat. In Paris lebt Shosanna unter falschem Namen, betreibt ein Kino, wehrt die Annäherungsversuche eines deutschen Kriegshelden ab - und als ihr Kino aber ausgewählt wird für die Premiere des neuen Nazi-Propagandafilms, „Der Stolz der Nation“, in welchem die Taten ihres Verehrers gefeiert werden; als sich die Aussicht ergibt, dass Doktor Joseph Goebbels und ein Haufen anderer Nazi-Chargen, ja womöglich gar der Führer selbst in den Logen sitzen werden: Da entwickelt Shosanna den Plan, ihr Kino mit dem gesamten Premierenpublikum, sich selbst und die gesamte Sammlung von Nitrofilmen in die Luft zu jagen. Was sich, wundersamerweise, kreuzt mit den Wegen der „Basterds“, die ein ganz ähnliches Projekt entwickelt haben.
Triviale Bösewichte
Wenn, um eins der Ergebnisse schon mal vorwegzunehmen, das alles vorüber ist, wenn, nach zweieinhalb Stunden, das Licht im Kino angeht und der Zuschauer ins Freie tritt: da meint man, eine Befreiung im Kopf zu spüren, eine Klarheit und ganz profunde Heiterkeit, die ja nicht daher rühren können, dass man hereingefallen wäre auf Tarantinos Plot; dass man sich also freute darüber, dass hier gelungen ist, was, nur zum Beispiel, in „Operation Walküre“ an einem Mangel an Sprengstoff und Entschlossenheit scheiterte. Es ist eher die Freude über einen Film, der den Untergang nicht als Tragödie, sondern als Farce inszeniert; der angesichts von Hakenkreuzfahnen und Uniformen nicht die Hacken zusammenschlägt und ehrfurchtsvoll den Blick senkt; der aus den Nazis nicht Dämonen macht, sondern sie als das inszeniert, was sie wohl wirklich waren: Pack, pompöser Trash, durch und durch triviale Bösewichte.
Kann es sein, dass die Geschichte ernst zu nehmen im Kino auch heißen darf: Man muss gegen ihren Ausgang protestieren? Kann es weiterhin sein, dass Tarantino wirklich, wie er manchem Interviewer erzählt hat, Goebbels' Tagebücher genau studiert hat; dass er den ästhetischen Kern des Nationalsozialismus, die Reinheits-, Sauberkeits- und Ordnungsvisionen, ja letztlich das monströse Schönheitsideal des Postkartenmalers und des Filmoberaufsehers genauer sieht als so mancher, der sich seiner historischen Kenntnisse ganz sicher zu sein glaubt? Und dass er, im Umkehrschluss, eine Ästhetik, die auf Einheit und Linearität, auf totale Verständlichkeit und Konsumierbarkeit setzt, für moralisch und politisch problematisch hält? Kann es, mit anderen Worten, also sein, dass Tarantino immer noch mehr Tarantino als Godard ist, aber doch mehr Godard als die meisten anderen Befreiungsfilmer - einschließlich des späten Godard?
So herum betrachtet, war es womöglich schon ein subversiver Akt, dass Tarantino sein Drehbuch vor fast einem Jahr im Internet einfach stehen ließ, mit all den Schreib- und Tippfehlern, die ihm bei der ersten Fassung unterlaufen sind.
Das beste Gegengift
So herum betrachtet, wären all die Zitate und Anspielungen dieses Films (der aber ausgerechnet mit „Inglorious Bastards“, dem italienischen B-Movie von 1978, außer dem Schauplatz und der Zeit wenig gemeinsam hat) nicht bloß das liebste Spiel der Popkultur, nicht nur Remix und Collage und Dauerfeuer wider alle Eigentlichkeit. Sondern zugleich auch die absolut ernste Anrufung aller Heiligen des menschlichen, des reflektierten, des nichttotalitären Blicks auf die Leute und die Dinge - von John Ford, in dessen Wildem Westen man manchem bis auf den Grund seiner Seele schauen konnte, bis zu den Marx Brothers, deren tief empfundener Unernst ohnehin das beste Gegengift ist gegen alles, was den Zuschauer überwältigen will.
Und so ist dieser Film genau das, was sein Titel verspricht, ein Bastard von unzuverlässiger Herkunft, ein Werk, in dem sich die Herkunftslinien der Filmgeschichte mischen und dabei etwas Neues, bislang Unbekanntes zeugen, ein einziger Anschlag auf jedes ästhetische Reinheitsgebot.
Einmal erzählt einer, der sich für einen Deutschen ausgibt, er stamme aus einem kleinen Dorf am Fuß des Piz Palü - und keinem, nicht dem deutschen Gegenüber und auch nicht dem Drehbuch, ist anscheinend aufgefallen, dass am Fuß des Piz Palü vielleicht Pontresina liegt, aber bestimmt kein deutsches Dorf. Einmal bekommt eine Filmdiva eine Fußmassage, und keiner, nicht die Schauspielerin Diane Kruger und nicht das Drehbuch, hat gemerkt, dass im Jahr 1944 eine Dame auf alle möglichen Kleidungsstücke verzichten konnte. Aber nicht auf ihre seidenen Strümpfe.
So ist das mit der Freiheit der Kunst: wunderbar. Böhmen liegt am Meer, und die Herrschaft der Nazis ging in einem Pariser Kino zugrunde.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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