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Video-Filmkritik „In ihrem Haus“ Hatten wir eigentlich was in Liebe auf?

Der hintergründige Verwicklungsfilm „In ihrem Haus“ von François Ozon erzählt von einem Schüleraufsatz, der im Kopf seiner Leser wahr wird.

© Concorde, F.A.Z. Video-Filmkritik: „In ihrem Haus“

Für einen verhinderten Schriftsteller gibt es vielleicht keine größere Demütigung, als Woche für Woche die lustlosen Aufsätze von Schülern lesen und korrigieren zu müssen. Vor vielen Jahren hat Germain einmal einen Roman geschrieben, doch er wollte zu viel damals, das überambitionierte Werk hat ihm nicht die erhoffte Karriere eingebracht. Nun ist er schon lange Lehrer an einem französischen Gymnasium, und das, was sich da immer an neuen Texten in seinem Wohnzimmer stapelt, erfüllt ihn mit grundlegenden Zweifeln am menschlichen Dasein.

Mit Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, Erfindungsreichtum (ganz zu schweigen von Orthographie und geraden Sätzen) ist es unter den Schülern nicht weit her, das Dokumentarische und die Fiktion sind zu Beginn von François Ozons neuem Film „In ihrem Haus“ gleichermaßen in der Krise.

Ein Aufsatz beflügelt die Phantasie

Doch dann schlägt Germain den Aufsatz von Claude auf, in dem dieser beschreibt, was er am Wochenende gemacht hat. Nichts Besonderes, würde man meinen: Claude war bei einem Schulfreund, er hat Rapha zu Hause besucht, hat ihm ein wenig bei Mathematik-Aufgaben geholfen und durfte dafür am Abend noch bei den Artoles mit am Tisch sitzen.

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Für einen Jungen ohne eigene Familie ist das ein großes Erlebnis, und Claude beschreibt es mit einer so großen Genauigkeit und Intensität, dass Germain von dem Begehren, das sich in diesem Text ausdrückt, unwillkürlich gefesselt ist. Er würde gern weiterlesen, und tatsächlich endet der Aufsatz von Claude mit einem Versprechen, das auf die Romanform zielt: „à suivre“. Fortsetzung folgt.

Der wandelbarste französische Filmemacher

Und Germain möchte mehr wissen. Er nimmt die Beschreibungen von Claude für bare Münze gerade deswegen, weil sie im Grunde auch ihn selbst meinen könnten. Denn auch Germain lebt „in einem Haus“, seine Gattin Jeanne ist attraktiv, vielleicht nicht in dem Maß wie die blonde Hausfrau Esther Artole, die mit einem Handwerker verheiratet ist, während Jeanne eine Kunstgalerie leitet, in der moderne Kunst auf biederen Geschmack trifft (oder aber leere Provokation auf gesunden Menschenverstand, je nachdem). Die beiden Hausstände in „Dans la maison“ entsprechen einander auf jeden Fall auf eine fast schon prinzipielle Weise, und der mysteriöse Claude ist derjenige, der zwischen ihnen vermittelt.

Es ist eine Vermittlung, die voller Fallen steckt. François Ozon, der sich nach der Komödie „Potiche“ hier einmal mehr als der wandelbarste unter den französischen Filmermachern der Gegenwart erweist, macht sich von Beginn an einen Spaß daraus, Germain (perfekt als Kulturspießer verkörpert von Fabrice Luchini) als den Kasper darzustellen, der in all diese Fallen tappt. Dass wir selbst es sind, die keineswegs bessere Gewissheiten in diesem Spiel mit Fiktionen haben, könnten wir dabei leicht übersehen. Ja, Ozon legt es geradezu darauf an, das Kinopublikum nur noch stärker in die Irre zu führen.

Ein wildes Fiktionalitätsexperiment

Aus den Aufsätzen von Claude werden unversehens Filmszenen, von denen keineswegs klar ist, ob es nun Germain ist, in dessen „Adaptionen“ wir hier eintreten, oder ob wir uns einfach von einem manipulierenden Regisseur in ein Spiel zwischen Sprache und Welt locken lassen, in dem es bald auf jedes Detail ankommt. Das wird in dem Moment deutlich, in dem Jeanne beginnt, sich das Haus der Artoles auszumalen, und Germain kurz stutzig wird.

Denn zwischen diesen ihren beiden Vorstellungen gibt es die eine oder andere Diskrepanz, und nun wäre es längst an uns selbst, ein wenig argwöhnischer mit den Berichten von Claude umzugehen. Doch längst sind auch wir in diese Geschichte verstrickt, die ihre latente Gewalt so gut hinter Höflichkeit und beobachtender Distanz verbirgt. Was Claude erzählt, ist nicht weniger als ein zunehmend intimer werdendes Eindringen in die Welt der Artoles, die er zugleich mit seinen Aufsätzen eigentlich erst erschafft.

Voyeurismus und Sadismus gehen ineinander über, die Phantasie durchdringt jede Pore dieses klugen Films, den François Ozon auf Grundlage des Theaterstücks „Der Junge aus der letzten Bank“ (2006) von Juan Mayorga entworfen hat. In dem Maß, in dem die Phantasie sich gehen lässt, zerstört sie den Alltag, und so ist „In ihrem Haus“ am Ende - viel radikaler noch als bei Hitchcocks „Fenster zum Hof“, der hier in vielerlei Hinsicht aufgerufen wird, und in einer interessanten Parallelaktion zu „Holy Motors“, dem wildesten Fiktionalitätsexperiment der jüngeren Zeit - ein Film auf dem trügerischem Grund unserer eigenen Wünsche.

Quelle: F.A.Z.

 
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