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Video-Filmkritik Im falschen Film: „Precious“

24.03.2010 ·  Lee Daniels' „Precious“ führt den Zuschauer in die Hölle des Missbrauchs und der geistigen Verarmung, aus der die schwarze Titelheldin herausfindet, indem sie ihre eigene Sprache findet.

Von Bert Rebhandl
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Wenn Claireece Precious Jones in den Spiegel schaut, sieht sie eine weiße, schlanke Blondine. Sie sieht ihr Idealbild, in allen wesentlichen Elementen das Gegenteil von dem, was sie ist. Precious ist stark übergewichtig, hat sehr dunkle Haut, und ihre Haare sind struppig. Das bisschen Leben, das sie hat, führt sie in ihren Träumen. Da hat sie eine Beziehung zu ihrem Mathematiklehrer, der nicht in Harlem lebt, sondern in Westchester, wo die weißen Menschen ihr Rückzugsgebiet haben.

Precious aber lebt mitten im afroamerikanischen Elend von New York im Jahr 1987, ihre Welt kreist um die 167. Straße, wenn sie überhaupt aus dem Haus kommt. Denn der Albtraum, den dieses Mädchen durchlebt, ereignet sich in den eigenen vier Wänden. Zu Hause, wo die Mutter den ganzen Tag rauchend und zeternd vor dem Fernseher sitzt, ist Precious das Kind, das Opfer, das Lustobjekt für den brutalen Vater, der sich zum ersten Mal an ihr vergeht, als sie drei Jahre alt ist. Dass er sie später auch noch mit dem Aids-Virus ansteckt, überrascht schon nicht mehr in dem Höllenszenario, das Lee Daniels mit seinem Film „Precious“ entwirft.

Literarisierter Gettoslang

Es ist eine Hölle vielfacher Verarmung: Der Fernseher ersetzt die Welt, der Scheck vom Sozialamt erübrigt die Sorge um sich, die täglichen Schweinefüße machen fett, aber nicht satt. Aus dieser Situation bricht Precious aus, indem sie Lesen und Schreiben lernt. Sie wird an ein alternatives pädagogisches Projekt überstellt, das sich als segensreich für sie erweist: Bei „Each One Teach One“ findet sie heraus, dass sie keineswegs nur das „dummy“ ist, als das sie von ihrer Mutter immer bezeichnet wurde.

Sie wird hier, mit sechzehn Jahren, zum ersten Mal eine Persönlichkeit eigenen Rechts: „I is learning“, sagt sie in jenem afroamerikanischen Idiom, das zugleich Entstellung von Herrschaftssprache und bewusste Hervorkehrung mangelhafter Sprachkompetenz ist. Precious trifft auf Menschen, die ihr einen neuen Horizont eröffnen: „They talk like TV channels I don't watch.“ In Sätzen wie diesem wird deutlich, dass dieser Film eine literarische Grundlage hat. Der Roman „Push“ von Sapphire kam 1997 heraus, bezeichnenderweise ist die Autorin eine Sprachlehrerin, die aus der Perspektive der Normsprache den Gettoslang von Mädchen wie Precious literarisiert hat. Sie hat ihnen damit eine Stimme gegeben, aber natürlich ist es für die Subjekte dieser Stimme viel schwieriger, in die andere Welt zu wechseln, als bloß für ihre Worte.

Der Weg hinter den Spiegel

Genau davon aber erzählt Lee Daniels in „Precious“, wenn auch mit offenem Ende: wie das Mädchen Precious das Elend verlässt, indem es zur Sprache kommt. Es steckt mehr als nur ein kleines Stück Märchenlogik in dieser Geschichte, und diese Logik beruht nun einmal auf starken Kontrasten und greller Konturierung. Den afroamerikanischen Kritiker Armond White hat diese Logik so gestört, dass er einen scharfen Text gegen diese „post hip-hop freak show“ verfasst hat. „Race exploitation“, die Ausbeutung des Faktors Rasse, ist zweifellos eine der ambivalenten Strategien von Lee Daniels, der die Erlebnisse von Precious immer wieder durch Clips erhellt, in denen wir ihr Innenleben zu sehen bekommen, eine Klischeewelt, die aus den glamourös-sexistischen Hip-Hop-Videos zu stammen scheint, die es 1987 noch gar nicht gab.

Doch es gibt auch noch eine Ebene der Rede, die den getönten Bildern zuwiderläuft. Als Precious (Gabourey Sidibe) ihrer Mutter Mary (Mo'Nique) auf dem Sozialamt gegenübersitzt, zwischen ihnen die zuständige Beamtin Miss Weiss (Mariah Carey), hat das die Qualität eines tragischen Monologs, gesprochen diesmal von der Mutter. Sie ist das Monstrum des Films, aber vermag für einen Moment die „freak show“ zu transzendieren. Damit ist der Weg frei für Precious. Der Weg hinter den Spiegel, aus dem die falschen Schönheiten lächeln.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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