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Video-Filmkritik Im ewigen Rosenregen: „Hilde“

11.03.2009 ·  Hildegard Knefs Leben liefert ein Identifikationsmuster für eine ganze Generation zwischen Schuldgefühlen und Wohlstandsfrieden. Doch Kai Wessels filmische Biografie hetzt Heike Makatsch als „Hilde“ von Station zu Station und begräbt sie unter ewigem Rosenregen.

Von Dieter Bartetzko
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Biographien sind so alt wie die Literatur und biographische Filme so alt wie der Film. Der Drang, auf der Leinwand hinter Charaktermasken zu schauen, hat zugenommen: Allein in den letzten drei Jahren widmete Hollywood sich Johnny Cash, Bobby Darin, Ray Charles und den Supremes - und die Franzosen würdigten Edith Piaf. Oscar-Nominierungen waren den Titelhelden sicher, die Übergabe nicht ganz, aber 2006 ging der Goldmann an Reese Witherspoon für ihre June Carter, 2007 an Jennifer Hudson für eine der Supremes und 2008 an Marion Cotillard für ihre Edith Piaf.

Eine fremdsprachige Oscar-Gewinnerin, das war so sensationell, wie es gewesen wäre, hätte 1973 Diana Ross, nominiert für ihre Billie Holliday, als erste schwarze Hauptdarstellerin den Oscar erhalten. Ob Regisseur Kai Wessel mit „Hilde“ einen vergleichbaren Coup plante, ist ungewiss. Dass aber Heike Makatsch für ihre Knef Favoritin beim Deutschen Filmpreis werden wird, steht so fest, wie dass man bei der Machart Amerika kopierte: die Rückblenden, Verknappungen und Zuspitzungen und Wechsel von Ausstattungsorgie zu Kammerspiel sind Hollywood, wenn auch ziemlich zusammengebasteltes.

Wandlungen einer Unterhaltungskünstlerin

Schaltzentrale ist die Garderobe der Knef in der Berliner Philharmonie, wo sie 1966 als erste Unterhaltungskünstlerin auftrat. Mal angstschlotternd, mal meditierend, memoriert sie dort ihr Leben. Eben noch Vamp on the rocks mit Dreifachlagen künstlicher Wimpern, blonder Mähne und Gepardenkörper im armfreien langen Schwarzen, wandelt Heike Makatsch sich zum staksigen jungen Mädel mit Seitenscheitel und Kriegsrehblick: erstes Vorsprechen 1943 bei der Ufa als Gretchen, (brillant, wie ihre Hilde hilflos mit den Armen rudert und doch vor Inbrunst glüht,) das geschickt eingefädelte Kennenlernen des „Reichsfilmdramaturgen“ und Nazis Ewald von Demandowsky (Anian Zollner), der russische Sturm auf Berlin, Hilde als Soldat verkleidet neben Demandowsky kämpfend, Gefangenschaft, Trennung.

Zweiter Anfang als Schauspielerin dank Boleslaw Barlog (Sylvester Groth) und Erich Pommer (Hanns Zischler), Star 1946 durch „Die Mörder sind unter uns“, Heirat mit Kurt Hirsch, dem amerikanischen Leutnant jüdisch-tschechischer Herkunft, ein folgenloser Hollywood-Vertrag, der Skandal mit der „Sünderin“ nach ihrer Rückkehr, neuer Anlauf in Amerika, der Broadway-Triumph in Porters „Silk Stockings“. Karriereknick, die skandalumwitterte zweite Heirat, Chansonerfolge.

Dilettantische Dramaturgie

Mit dem frenetisch gefeierten Konzert in der Philharmonie und - natürlich - „Für mich soll's rote Rosen regnen“ endet der Film. Auftakt zu dem, was wohl ein furioses Finale sein soll, ist dabei ein Nervenzusammenbruch der Knef. Sie schreit wie ein Tier, fegt Texte und Make-up vom Schminktisch, zertrümmert den Spiegel, wälzt sich am Boden. Dass die tolpatschige Kamera Heike Makatsch den großen Auftritt verpatzt (statt ihrer sieht man plötzlich nur einen Tisch), ist das geringere Übel. Das eigentliche besteht im Drehbuch (Maria von Heland): Knalleffektgierig lässt es Else Bongers (Monica Bleibtreu), Mentorin aus Ufa-Zeiten, der Knef direkt vor dem Auftritt verraten, dass Erich Pommer gestorben sei. Pommer?, grübelt der Zuschauer, während Heike Makatsch außer sich gerät, als sei der männliche Hauptdarsteller gestorben.

Schwamm drüber, dass man „dem Affen Zucker geben“ wollte, möglich, dass die wirkliche Knef so den Tod eines Lebensfreundes beklagte. Aber auf der Leinwand kulminiert in dieser Sequenz die quälend dilettantische Dramaturgie des Films - er kennt keine Haupt- und Nebenszenen, keine Entwicklung, keine Zusammenhänge, sondern stoppelt einzig Behauptungen zusammen; Hilde im Glück, Hilde im Pech, aber das Warum bleibt so lange offen, bis es nicht mehr interessiert.

Hatz durchs Leben

Wie Erich Pommer bleiben alle Nebenfiguren des Films, obwohl glänzend besetzt, reine Stichwortgeber. Und weil sich das Ganze endlose zwei Stunden hinzieht, versinken auch die wenigen markanten Auftritte. Leider eben auch derjenige Hanns Zischlers als Pommer, der in amerikanischer Uniform als Filmbeauftragter aus der Emigration zurück 1946 auf die Knef trifft. Es wird ein Verhör daraus, ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen einer schuldlos - wirklich schuldlos? - Schuldigen und einem Opfer, welches das Heimweh zum Verzeihen drängt.

So dürften viele Deutsche um ihre „Persilscheine“ gekämpft haben, so könnten viele Emigranten ihren bitteren Frieden mit Deutschland geschlossen haben. Einem Deutschland, das Frieda Knef, Hildes Mutter, verkörpert. Gespielt von Johanna Gastdorf, die (neben dem erstaunlich locker agierenden Swingsänger Roger Cicero) als Einzige ihren Kurzauftritten Markanz abtrotzt, ist sie überzeugt vom Untalent und der Hässlichkeit der Tochter, ist bigott bis ins Mark, unterwirft sich den Regeln des Dritten Reichs so bedingungslos wie denen der Adenauer-Republik und wird dadurch einer der Dämonen Hildes. Oder würde es, gäbe der Film ihr Raum. Der aber hetzt auf den Fersen seiner Titelfigur von Station zu Station. Womit er einen weiteren Kardinalfehler begeht: Nur die zeitweilige Abwesenheit der Hauptperson sichert ihr dauerhaft Magie. Heike Makatsch dagegen wird zugefilmt. Dass sie trotzdem Faszination entfaltet oder sie sich nach faden Sequenzen zurückerobert, liegt einzig an ihr und ihrem hingebungsvollen Spiel, das einen manchmal sogar wider Willen rührt.

Abbild einer Generation

Gleichwohl: Kai Wessel ergründet seine Hauptfigur nicht, noch verrätselt er sie. „Wer ist Hildegard Knef?“, die Frage, die Pommer im Film einmal der Knef selbst stellt, ist die des Zuschauers. Geschult durch die - kalkuliert oder tatsächlich - schonungslos offene Autobiographie der Knef, trainiert durch die grandiosen Filme über Billie Holliday oder Johnny Cash, vor allem aber konditioniert vom eigenen Leben, in dem es kaum Spannenderes gibt als die Rätsel anderer, erwartet der Zuschauer Aufschluss über die Deformationen und Obsessionen dieser Künstlerin, über ein Leben zwischen Drittem Reich, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, über eine Frau, die sich durchkämpfte wie Tausende und doch so anders war.

Welchen Anteil hatte Berechnung, welchen Überlebenswille und welchen Liebe, als Hildegard Knef erst einen ihrer Karriere förderlichen Nazi und dann einen ebenso hilfreichen jüdischen Amerikaner an ihre Seite zog? Wann hatte die kluge sensible junge Frau und wann die rücksichtslose Karrieristin die Oberhand? Was trieb sie, immer wieder Männer zu erobern und dann zu zerstören? Woher ihre früh aufbrechende Sucht, sich chirurgisch verschönern zu lassen? Ihr maßloser Konsum von Zigaretten, Alkohol und Tabletten? Ihr frenetischer Aberglaube bei gleichzeitigem schnoddrigen Realismus? Ihre notorische Unstetigkeit? Ihre Klugheit, der ein fataler Hang zum Klischee widerstritt?

In allem, was sie tat, war Hildegard Knef die Personifikation der zwischen Krieg und Wohlstandsfrieden, Schuld- und Überlegenheitsgefühlen zerrissenen Generation Deutscher. Was für ein Film daraus hätte werden können, zeigt die einzig wahrhaft ergreifende Szene: Auf Drängen des verliebten Kurt Hirsch (Trystan Pütter, auch er ein kurzer Lichtblick, spielt ihn zwischen Clown und Tragöde) besuchen die Knef und er 1945 einen Filmabend im russischen Kulturclub. Unerwartet wird ein Dokumentarfilm aus Auschwitz gezeigt. Stumm sitzt das Paar danach in einem Jeep. Er wolle ohne Gewissensbisse weiterleben und sie lieben, stammelt Hirsch schließlich, weinend wie sie. „Zufall, es ist doch Zufall, dass du unter den Tätern geboren bist und ich unter den Opfern.“

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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