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Video-Filmkritik : Im Bann der alten Zeit: „Midnight in Paris“

Bild: F.A.Z., Concorde

Früher war es immer besser: Woody Allen feiert in „Midnight in Paris“ das Paris der Zwanziger und treibt seine europäischen Liebeserklärungen auf die Spitze.

          Gil Pender ist unglücklich. Seine Vergangenheit als erfolgreicher Autor banaler Hollywood-Drehbücher ist unbefriedigend, seine Gegenwart als Verlobter der schönen, aber oberflächlichen Inez unerquicklich, seine Zukunft als anspruchsvoller, jedoch noch unvollendeter Romancier ungewiss. Und dann noch der unausweichliche Tod! Kein Wunder, dass Gil sich in eine Zeit vor der eigenen Geburt wünscht, als seine Existenz noch gar keine Rolle spielte. Wäre das nicht unvergleichlich?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei vergleicht Gil andauernd seine triste mit der guten alten Zeit. Den geeigneten Rahmen dazu bietet ihm Paris, jener traditionelle Sehnsuchtsort amerikanischer Intellektueller, die mehr vom alten Kontinent haben wollen, als es eine Rundreise „Fünf Tage Europa unter kundiger Führung“ verheißt. Inez jedoch verspricht sich von Paris keine ästhetische Erleuchtung, sondern schöne Schnäppchen fürs bald einzurichtende Heim. Und nicht nur sie und Gil hat es im Sommer 2010 nach Paris verschlagen, sondern auch die Eltern von Inez und deren früheren akademischen Lehrer samt Gattin. Und einen siebten Amerikaner, der die anderen sechs bei ihrem Tun beobachtet: Woody Allen, der in der französischen Hauptstadt seinen mittlerweile sechsten europäischen Film gedreht hat. „Midnight in Paris“ heißt er.

          Es ist der komischste in dieser Reihe geworden, und ganz gewiss der liebevollste. Woody Allen ist vor der cité des lumières in die Knie gegangen, wie es seit Vincente Minnelli mit „Ein Amerikaner in Paris“ (1951) kein amerikanischer Regisseur mehr getan hat. Nur dass seinerzeit alles in Hollywood gedreht wurde, während Allen sich vor Angeboten kaum mehr retten kann, nach seinen Dreharbeiten in den europäischen Traumstädten von London über Venedig bis Barcelona doch bitte noch weitere Orte mit seinem Filmteam zu beglücken. Wobei die Erbschaft gerade im Komödienfach schwer ist. Man darf deshalb gespannt sein, ob Allens bereits in Produktion befindlicher siebter europäischer Film, „The Bop Decameron“, der in Rom spielt, zumindest den emotionalen Vergleich mit William Wylers „Ein Herz und eine Krone“ von 1953 aushalten wird.

          „Midnight in Paris“ erträumt sich ein amerikanisches Märchen in Alt-Europa. Zu den bereits genannten sieben Amerikanern in Paris kommen nämlich noch etliche dazu. Ernest Hemingway. Scott und Zelda Fitzgerald. Gertrude Stein. Cole Porter. Um nur einige zu nennen, die in jenen Goldenen Zwanzigern, nach denen sich Gil Pender sehnt, ihrerseits den Weg nach Paris gefunden hatten, um dort das zu werden, wozu auch Gil sich so gern rechnen würde: zu großen Künstlern. Doch seinen Romanentwurf über einen Laden, der mit den Memorabilia einer wunderbaren Vergangenheit handelt, darf niemand lesen. Zumindest niemand, der so blasiert ist wie der Universitätsprofessor seiner Verlobten. In dessen Begleitung werden die Schönheiten von Paris schal, denn es wird nicht mehr gestaunt, sondern erklärt.

          Meister des Spotts

          Das ist der Schlüssel zum neuen Film von Woody Allen: das Staunen. Es wird auch dem Zuschauer abverlangt - ein Staunen über die Dreistigkeit, mit der da eine Phantasie erzählt wird, die sich keinen Deut um Plausibilität schert. In einer Mitternachtsstunde (und in allen Folgenächten wieder) wird Gil von einer alten Limousine mitgenommen, die ihn schnurstracks in die zwanziger Jahre fährt, wo er seine amerikanischen Idole trifft und natürlich noch all die anderen Pariser Legenden jener Zeit wie Picasso, Dalí, Buñuel oder Matisse. Nicht zu vergessen die schöne Französin Adriana, die als Künstlermuse auch Gil in ihren Bann schlägt.

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