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Video-Filmkritik Ich bin zwei Öltanks: „Transformers - Die Rache“

24.06.2009 ·  Bombastische Materialschlacht mit satanischem Beigeschmack: Michael Bays Kinospektakel „Transformers - Die Rache“ ist vereint mehrere Blockbuster und noch ein paar billigere Genres dazu.

Von Bert Rebhandl
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Die Pyramiden von Gizeh sind fraglos ein altes, ehrwürdiges Gemäuer. Ihrer besonders einleuchtenden Form wegen werden sie immer wieder mit Funktionen in Verbindung gebracht, die nicht rein irdisch sind. Sie gelten dann als Weltraumflughafen, galaktische Poller oder interstellare Steckdosen. Auf jeden Fall erscheint der Gedanke ungenügend, dass die vielen Steine nur dazu da sind, ein paar Grabkammern alter Ägypter zu bedecken. Irgendein Geheimnis muss sich noch darunter verbergen. Doch wer soll es lüften?

In Michael Bays neuem Spektakel „Transformers - Die Rache“ weist anfänglich gar nichts in das Reich der Pharaonen. Der Prolog führt uns in eine vorzeitliche Epoche, in der die Menschen von den Tieren noch schwer zu unterscheiden waren, so dass die Armee der Finsternis, die sich da 17.000 B. C. auf dem Planeten Erde tummelt, auch noch als toter Arm der Evolution durchgehen könnte. Sie stammt jedoch aus dem dunklen All. Denn das ist die Leitidee der „Transformers“-Serie: Figuren, die eigentlich Plastikspielzeug der lizenzierenden Firma Hasbro sind, erscheinen als Repräsentanten alter Rassen von irgendwo da draußen. Sie halten sich auf unserem Planeten in der Regel versteckt, bevorzugt treten sie als Automobile auf, und nur, wenn es gar nicht mehr anders geht, „transformieren“ sie sich und werden zu den meistens turmhohen Schreckschrauben, die dem jugendlichen Helden Sam Witwicky (Shia LaBeouf) entweder zur Seite stehen oder an die Wäsche gehen.

Metaphysische Fallhöhe

Es gibt gute Transformers (sie heißen Autobots), und es gibt böse Transformers (sie heißen Decepticons). Und es taucht in „Transformers - Die Rache“ noch eine weitere Untergruppe der kosmischen Titanen auf, die weit in die Vergangenheit des Planeten zurückreicht und die im englischen Originaltitel einen satanischen Beigeschmack bekommt: „Transformers - Revenge of the Fallen“ verweist auf Himmelssturz und metaphysische Fallhöhe, übertreibt damit aber schamlos, denn es handelt sich allenfalls um Stolpergeister.

Unter den Blockbuster-Regisseuren im gegenwärtigen amerikanischen Kino ist Michael Bay derjenige, der einen besonders weiten Bogen zwischen den Dimensionen der Bedrohung und den Graden der Erregung zu spannen vermag. Bei ihm geht es immer um alles (den Planeten, die Menschheit, die Zukunft, „Armageddon“), aber es ist immer nur ein großes Spiel, bei dem alle Helden kräftig ihre Zunge in die Wange schieben. Als er 2007 mit „Transformers“ an den Start ging, war gleich klar, dass er endlich seine ultimative Formel gefunden hatte. Denn die Geschichte erinnert vage an die alten Sagen, die sich die Menschheit seit 3000 Jahren erzählt, passt aber hervorragend in die Schwundstufe des technologischen Zeitalters. Die „Transformers“ wirken ein wenig so, als hätte jemand Prometheus mit einem Rauhhaardackel gekreuzt und die Seele dieses Monsterls einem Playmobil eingepflanzt, das dann im Maßstab 1:500 in Serie geht.

Mehr als nur ein Film

Wer findet, das seien arg viele Vermittlungsschritte, hat recht und bekommt zugleich einen Eindruck vom Ausmaß der Motivklitterung in zeitgenössischen amerikanischen Großproduktionen. Da die meisten dieser Filme inzwischen so viel kosten wie ganze Jahresproduktionen einst stolzer Filmnationen zusammen, müssen sie auch danach trachten, mehr als nur ein Film zu sein. Sie funktionieren deswegen nach dem Prinzip des von der Berliner Band Britta besungenen Werbeslogans: „Ich bin zwei Öltanks.“

„Transformers - Die Rache“ ist zwei, drei, viele Blockbusters und noch ein paar billigere Genres dazu. Konkret reicht das Spektrum in etwa von der College-Komödie bis zum Katastrophenfilm, von „American Pie“ bis zu „King Kong“, mit Stationen bei „Alien“, „National Treasure“, „Pearl Harbor“ und „Star Wars“. Steven Spielbergs Abenteuerserie um „Indiana Jones“ ist sowieso schon allgemeines Erbmaterial in diesem Metier. „Transformers“ appelliert in Gestalt seines unbeschwerten Helden Sam Witwicky besonders ungeniert an das primäre Publikum der Blockbuster, an die Altersgruppe derer, die noch nicht die vollständige Verantwortung über das eigene Leben übernommen haben, man könnte auch sagen: an die versorgten Phantasten, also an Teenager.

Handel mit unterschlagenen Nachrichten

Zu Beginn von „Transformers - Die Rache“ ist Sam Witwicky im Begriff, das Elternhaus zu verlassen und sich in einem ehrwürdigen College unter die Studenten zu mischen. Michael Bay und seine Drehbuchautoren nutzen diesen Abschied für einige zotige Witze, aber sie vergiften bezeichnenderweise die sexuelle Freizügigkeit, die das amerikanische Kino so ehern mit dem „dorm“, mit dem Studentenheim, verbindet. Sam wird von einer Blondine bedrängt, deren Zunge gefährlich lang ist und möglicherweise nicht nur aus Fleisch und Blut besteht. Echte Verführung ist nicht angesagt, denn Sam ist unverbrüchlich an seine Freundin (Megan Fox) gebunden. Sexismus und Monogamie passen bei Michael Bay perfekt zusammen, die Ironie seiner Geschlechterpolitik ist so subtil wie der Gebrauch der Farbfilter, mit denen er die Schweißperlen von Megan Fox hervorhebt. Witziger ist da noch der kleine Subplot mit dem Zimmerkameraden von Sam, der ein Internet-Start-up betreibt, das mit unterschlagenen Nachrichten handelt. Dieser junge Mann behauptet steif und fest, dass auf der Erde unbekannte Gattungen ihr Unwesen treiben, dass aber alle Nachrichten davon aus dem Verkehr gezogen werden und dass sich eine gigantische Verschwörung um ihn zusammenzieht. So prahlt „Transformers - Die Rache“ mit seinem eigenen Status als Überbietung und zugleich Domestizierung der groteskesten Phantasien.

Da es für die Fortsetzung eines globalen Kassenschlagers nicht reicht, einfach noch einmal ein paar groß orchestrierte Stunts zu inszenieren, die immer in einer Großaufnahme des Dekolletés von Megan Fox enden, holt „Transformers - Die Rache“ weit aus und schickt Sam Witwicky auf eine Schnitzeljagd, die irgendwann in Ägypten an ihr Ziel kommt. Im Schatten der Pyramiden von Gizeh kommt es zum Showdown, den Michael Bay wie gewohnt zu einer Materialschlacht werden lässt. Ganze Geschwader amerikanischer Streitkräfte sind im Einsatz, Piloten steuern ihre Jets zwischen Kampfdrohnen zur Abwurfstelle, während ein „gefallener“ Transformer sich an der Spitze einer der Pyramiden zu schaffen macht und tatsächlich darunter etwas freilegt, wovon die Archäologen bisher keine Ahnung hatten.

Es ist, wenn man so will, die Quintessenz des neueren Blockbusterkinos, das in allen Denkmälern, hinter aller Natur, im Schicksal aller Helden etwas Mechanisches sucht, eine Apparatur, an die es sich anschließen kann wie an ein Lebenserhaltungssystem mit Megatonnen Sprengkraft. Der erste „Transformers“ gab vor zwei Jahren eine Idee davon, dass Kino tatsächlich auch so etwas wie ein Spielzeug sein könnte, ein Medium, in dem Erwachsene die nächste Generation bestaunen können. Mit „Transformers - Die Rache“ schlägt diese Vorstellung schon in Bedauern um: Denn bei allen Transformationen ist in dieser Welt doch nichts mehr verhasst als Veränderung oder gar Entwicklung.

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