Home
http://www.faz.net/-gs7-72gj2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Video-Filmkritik „Holy Motors“ Das Undenkbare als Prinzip

Nach mehr als zwölf Jahren meldet sich der Regisseur Leos Carax wieder auf der Leinwand zurück. Sein Film „Holy Motors“ ist ein kühnes Meisterwerk.

© Arsenal, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Holy Motors“

Die meisten Menschen haben, wenn sie morgens ihr Heim verlassen, eine relativ genaue Vorstellung davon, wo sie am Abend sein werden. Sie kommen wieder nach Hause, oder sie kommen irgendwo anders an, wie es ihren Plänen entspricht. Wo weder das eine noch das andere zutrifft, da befinden wir uns schon im Bereich des Abenteuers, der Gefahr, der freien Bewegung oder der unerwarteten Unterbrechung - alles das, worum es auch in dem Film „Holy Motors“ von Leos Carax geht, der eines langen Tages Reise in die Nacht erzählt, und zwar auf eine Weise, die schon bald das Unvordenkliche zum alleinigen Prinzip dieser Bewegung werden lässt.

Der Mann, dem die Kinder am Morgen auf dem Weg zum Auto noch ein „Alles Gute für die Arbeit“ nachrufen, trägt den Namen Monsieur Oscar, und alles an ihm sieht nach einem bedeutenden Entscheidungsträger aus. Das erste Telefongespräch, das er auf dem Rücksitz einer Stretchlimousine führt, klingt auch noch ganz normal: Es ist das Kauderwelsch der Käufer und Verkäufer, das hier zu vernehmen ist, und dann ist noch von Waffen die Rede, die zu beschaffen ratsam sei. Monsieur Oscar gehört allem Anschein nach zu einer Klasse, die sich auf die Notwendigkeit der Selbstverteidigung einzustellen beginnt.

Rollenspiel als Spezialeffekt

Doch dann reicht ihm seine Chauffeurin Céline das Dossier für seinen ersten Termin nach hinten. Insgesamt neun „Rendezvous“ soll Monsieur Oscar an diesem Tag haben, und schon das erste beruht auf einer vollständigen Metamorphose: Als altes Bettelweib steht er bald darauf auf einer Brücke in Paris, mit verrenkten Gliedmaßen und einem grimmigen, unverständlichen Singsang auf den Lippen. Monsieur Oscar, so viel ist jetzt schon klar, ist kein Manager, sondern ein Rollenspieler. Doch die Geschichten, in denen er auftritt, bleiben Fragment. Und die Kameras, von denen er sich gefilmt wähnt, bleiben so unsichtbar wie die Organisation, die in „Holy Motors“ anscheinend die ganze Stadt Paris in einen großen Set verwandelt hat, auf dem einander ab und zu zwei Darsteller zu einer merkwürdigen Begegnung treffen. Zum Beispiel die Schlangenfrau, die Monsieur Oscar bei seinem zweiten Rendezvous gegenübertritt, für das er sich ein Ganzkörperkostüm übergestreift hat, mit dem er für ein Motion- Capture-Verfahren zuerst ein wenig Schattenfechten veranstaltet, dann wild um sich schießend auf einem Laufband dahinkeucht, bevor das Liebesspiel mit dieser unglaublich elastischen Partnerin beginnt, die ebenfalls eine künstliche Haut trägt.

21140310 © Arsenal Filmverleih Vergrößern Eine Dunkelwelt voller wilder Figuren: Eva Mendes in „Holy Motors“

Das Rollenspiel ist Teil eines Spezialeffekts, der auf die Geschichte des Kinos selbst verweist, von dem hier ein wesentlicher Trick offengelegt wird. Und spätestens mit dieser Szene wird ein wenig klarer, was Leos Carax mit dem rätselhaften Prolog im Sinne gehabt haben mag, den er „Holy Motors“ vorangestellt hat: Ein Mann wacht nachts in einem Raum auf, der in verschiedene Richtungen hin offen ist (auf eine Flughafenlandebahn etwa), während es für den wesentlichen Durchgang eines Schlüssels bedarf. Durch eine Tapetentür gelangt der nächtliche Wandler in ein vollbesetztes Kino, in dem Menschen nahezu reglos (und ohne erkennbare Gesichter) einen ganz frühen Film sehen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reaktionen von Betroffenen Die Odenwaldschule ist unser aller Geschichte

Ist in dem Odenwaldschule-Film, der heute Abend im Ersten ausgestrahlt wird, eine angemessene Darstellung des Missbrauchsskandals gelungen? Das sagen Betroffene über Die Auserwählten. Mehr

01.10.2014, 14:36 Uhr | Feuilleton
Brücke in Paris hält Schlössern nicht stand

An Brücken in aller Welt bringen Liebespärchen ein Schloss an und werfen den Schlüssel in den Fluss.So schwören sie sich ewige Treue. Am Pont des Arts in Paris war die Last der Liebe am Ende zu viel: Auf 2,40 Metern stürzte das Brückengeländer ein. Mehr

10.06.2014, 11:02 Uhr | Gesellschaft
Video-Filmkritik: Phoenix mit Nina Hoss Auschwitz und die Frau im roten Kleid

Wer angesichts von Christian Petzolds neuem Film Phoenix an Hitchcocks Vertigo denkt, liegt richtig. Aber nicht ganz. Der Film lässt entscheidende Fragen offen. Mehr Von Verena Lueken

23.09.2014, 17:23 Uhr | Feuilleton
Boyhood

Zwölf Jahre lang hat Richard Linklater an seinem Film Boyhood gedreht - die Chronik einer Jugend, wie es noch keine gab. Und ein Triumph des amerikanischen Kinos aus europäischer Tradition. Mehr

04.06.2014, 13:41 Uhr | Feuilleton
Hamburger SV Kreuzer lastet Entlassung Investor Kühne an

Der frühere Sportchef Oliver Kreuzer führt seine Entlassung beim HSV auf Milliardär Klaus-Michael Kühne zurück. Er habe sich in seiner Arbeit durch den Mäzen behindert gefühlt. Mehr

29.09.2014, 10:26 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.08.2012, 15:53 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1