19.11.2009 · Andrea Maria Schenkels ungewöhnlicher Bestseller „Tannöd“ ist nach dem Theater nun auch im Kino angekommen. Doch die Verfilmung verwandelt das Buch in gediegene Konfektionsware, die von dem Grauen nur ein Surrogat übrig lässt.
Von Peter KörteAndrea Maria Schenkels erster Roman „Tannöd“ wurde bereits auf die Theaterbühne gezerrt, und der zugrundeliegende Mordfall aus dem Jahr 1922 war in diesem Jahr auch schon das Sujet von Esther Gronenborns Film „Hinter Kaifeck“ (2009). Schenkel hat ihr Amalgam aus Fakten und Fiktion in die fünfziger Jahre verlegt, sie ist weniger am Mörder, der nie gefasst wurde, als am Sittenbild interessiert. Und weil es kleinkariert ist, ein Buch gegen seine Verfilmung auszuspielen, kann man dem Film auch nicht vorhalten, dass er eine junge Frau, die es im Buch nicht gibt, als Katalysator einführt; man muss bloß feststellen, dass sie über diese Funktion nie hinausgelangt, obwohl Julia Jentschs Kathrin, die zwei Jahre nach dem sechsfachen Mord auf einem Einödhof ins Dorf kommt, die Schlüsselrolle einnimmt. So wird das Zentrum zur Leerstelle.
„Tannöd“ folgt nicht der Chronologie; die Handlung springt zwischen der Zeit vor und unmittelbar nach dem Mord und den Tagen von Kathrins Besuch. Doch die Rückblenden wirken beliebig, weil sie nie einer klaren Perspektive zugeordnet sind. Das ist nur eine der Entscheidungen, die dem Film nicht gut bekommen sind. Die Regisseurin Bettina Oberli hat sich auch nicht entscheiden können, ob sie nun eher naturalistisch oder lieber allegorisch erzählen will. Das Stoßgebet, das anfangs aus dem Off ertönt, und das finale Amen, die Unheimlichkeit des grünlich-bläulichen Nadelwalds, die Schatten, die knarrenden Dielen, der Blick auf Baumwipfel und in Gesichter, „in denen die einfache Frömmigkeit der Bauern böse erstarrt war“, wie Wolfgang Koeppen das mal ausgedrückt hat - das sind halbherzige Anleihen im Horrorgenre, die nie zurückgezahlt werden. Die Großaufnahmen von Gegenständen wirken bald nur noch so penetrant wie die Paraphrasen der Musik, und man schwiege lieber ganz von jenem aseptischen Kunst-Bayerisch, das alle sprechen müssen, weil es unbedingt eine Art Dialektsound sein sollte.
Man muss es aber leider erwähnen, weil darin die ganze Haltung des Films exemplarisch wird, der sich aus der Distanz über die Provinz und ihre Bewohner erhebt, von denen keiner mehr ist als das Abziehbild vom tumben, bigotten und tendenziell bösartigen Bauern. Man muss noch nicht mal von Schenkels Buch begeistert gewesen sein, um zu bemerken, dass spätestens die Verfilmung diesen eher ungewöhnlichen Bestseller in gediegene Konfektionsware verwandelt hat, die von Grauen und Unheimlichkeit nur ein Surrogat übrig lässt. Wenn es von Mord und Totschlag, von Gewalt und Leidenschaft, von Obsessionen und anderen Extremlagen erzählen will, hat das deutsche Kino halt doch noch einiges aufzuholen.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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