09.06.2010 · Lukas Moodysson möchte mit „Mammut“ ein Bild der Familie in den Zeiten der Globalisierung zeichnen. Man würde den Film so gerne loben.
Von Andreas KilbMan würde diesen Film so gern loben. Denn alles, was „Mammut“ vorhat, ist lobenswert: Er will, mit den Worten seines Regisseurs, zeigen, „dass wir alle auf diesem Planeten miteinander verbunden sind“. Er möchte ein Bild der Familie in den Zeiten der Globalisierung zeichnen. Und er sucht nach einer Wahrheit, die über den Einzelfall hinausgeht, und nach einer Form, in die er diese größere, weltumspannende Wahrheit kleiden kann. Das ist viel für einen Spielfilm.
Aber „Mammut“ geht sein großes Ziel mutig an. In den ersten Einstellungen sehen wir den Computerunternehmer Leo (Gael García Bernal) mit Frau und Tochter in einem New Yorker Luxusappartement herumtollen; kurz darauf sitzt Leo schon in einem Geschäfts-Jet nach Bangkok, während seine Frau Ellen (Michelle Williams) ihren Dienst als Krankenhausärztin antritt. Um die kleine Tochter der beiden kümmert sich das Kindermädchen Gloria, während sich Glorias eigene Kinder auf den Philippinen vergeblich nach ihrer Mutter sehnen.
Das ist die Exposition der Geschichte. Die Durchführung beginnt, als sich Leo in Bangkok zu langweilen beginnt, weil er von den Verhandlungen über den Verkauf seiner Internet-Plattform ausgeschlossen ist, und an die thailändische Küste fliegt, wo er die Prostituierte Cooky kennenlernt. Währenddessen kämpft seine Frau in Manhattan um das Leben eines Jungen, der mit fünf Messerstichen im Bauch auf dem Operationstisch liegt, und Glorias ältester Sohn Salvador beschließt, auf eigene Faust Geld zu verdienen, damit seine Mutter aus Amerika zurückkehren kann. Der verletzte Junge stirbt noch nicht, und Leo schläft vorerst nicht mit Cooky (aber dann doch), während Salvador von seiner Großmutter auf die Müllkippen von Manila mitgenommen wird, wo die Ärmsten des Landes ihr Leben fristen. Er soll begreifen, warum seine Mutter in New York fremde Kinder hütet. Aber er will sie trotzdem wiederhaben. Und man versteht ihn gut. Wie alle in „Mammut“.
Ein klaustrophobisches Globalisierungspuzzle
Das Schreckliche an diesem Film ist, dass er lauter gute Geschichten erzählt. Der digitale Freak, der sich nach Wirklichkeit sehnt. Der Junge aus Manila, der sich an Touristen verkaufen will, um seine Mutter zurückzubekommen. Die Klinikärztin, die ihre Tochter an ein Kindermädchen verliert. Und dass er aus diesen vielen guten Geschichten eine schlechte macht. Er knetet sie, bis sie einen Teig ergeben, aus dem seine Moral sich backen lässt. Sie lautet, kurz gesagt, dass Mütter sich um ihre Kinder kümmern sollen und Männer sich ab und zu wie kleine Jungs aufführen müssen. Das haben wir auch vor der Globalisierung schon gehört, aber „Mammut“ erzählt es so, als hätten sich die UN nach zähen Verhandlungen darauf geeinigt.
Lukas Moodysson, der Regisseur, hat als Lyriker und Romanautor angefangen und mit „Raus aus Amal“, „Zusammen!“ und „Lilja 4-ever“ drei der besseren schwedischen Filme der letzten zwölf Jahre gedreht. Mit „Mammut“ wollte er anscheinend raus aus Schweden in die Weite des Raums, wie Wim Wenders einst mit „Bis ans Ende der Welt“. Aber Raumgewinn ist im Kino keine Frage der gezeigten Entfernungen. Das Globalisierungspuzzle, das „Mammut“ legt, wirkt klaustrophobisch, weil sich der Blick der Kamera an der Oberfläche der Geschichten entlanghangelt, statt frei in die Tiefe zu blicken.
Dabei stellt sich Moodysson deutlich ungeschickter an als Alejandro González Iñárritu in „Babel“, dem Film, der „Mammut“ gern geworden wäre. Wo Iñárritu mit einem Schuss drei Kontinente verknüpft, muss der Schwede seine Figuren ständig ans Telefon holen, um seine Story in Bewegung zu halten. Nur das Mammut des Titels greift nie zum Hörer. Es steckt als Einlegearbeit in dem Luxusfüller, den Leo auf dem Flug nach Bangkok von einem Kollegen geschenkt bekommt, und schweigt. Eigentlich soll es eine große Metapher über die Vergänglichkeit des Menschen sein. Aber wie so vieles in „Mammut“ hat es für diese Aufgabe einfach zu wenig Gewicht.