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Video-Filmkritik : Göttin der Triebe, Göttin des Traums

Bild: Prokino

Roman Polanski liefert mit „Venus im Pelz“ eine gelungene Theaterverfilmung mit hochkarätiger Besetzung und setzt dabei gekonnt auf Einfachheit.

          Es gibt keinen Altersstil im Kino. Es gibt nur die immer neuen Versuche alternder Regisseure, die Geschichten, die sie erzählen, ihrem veränderten Blick, ihren gewandelten Lebensumständen anzupassen. John Ford war, als er „Cheyenne“ drehte, auf einem Auge blind. Hitchcock musste den Schnitt seines letzten Films „Familiengrab“ seinen Mitarbeitern überlassen. Luchino Visconti leitete die Dreharbeiten zu „Die Unschuld“ vom Rollstuhl aus. Jeder dieser Filme trägt die Spuren eines Kampfes, der noch einmal gewonnen wurde, gegen die Ermüdung, gegen die vergehende Zeit; jeder ist Triumph und Abgesang zugleich.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch Roman Polanski ist längst in die Phase seines Spätwerks eingetreten. Doch nicht nur sieht er mit achtzig Jahren aus wie Mitte sechzig, auch der Rhythmus seines Schaffens hat sich seit der Jahrtausendwende eher noch beschleunigt; inzwischen dreht er nicht mehr alle drei, sondern alle zwei Jahre einen Film. „Venus im Pelz“, Polanskis Adaption eines Theaterstücks von David Ives nach dem Skandalroman von Leopold Sacher-Masoch, ist also weder das, was man unter Nachrufschreibern als filmisches Testament bezeichnet, noch auch nur der Anlauf dazu. Und doch gibt es zwei Besonderheiten, die diesen Film aus dem wunderbar vielgestaltigen Reigen von Polanskis Werk herausheben, und es sind nicht zufällig eben dieselben Dinge, die „Venus im Pelz“ über den Rahmen einer gelungenen Theaterverfilmung hinaus interessant machen.

          Das eine ist die Tatsache, dass nicht nur die Hauptrolle der rätselhaften Vanda, die in einem Pariser Boulevardtheater für den Part von Sacher-Masochs Pelzträgerin vorspricht und sich im Laufe eines langen Nachmittags als Idealbesetzung entpuppt, von Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner gespielt wird, sondern auch der Schauspieler Mathieu Amalric, der den von ihr zunächst abgestoßenen, dann zunehmend bezauberten Theaterregisseur Thomas verkörpert, dem jungen und mittleren Polanski geradezu lachhaft ähnlich sieht.

          Der Film wiederholt also die Konstellation aus „Bitter Moon“ (1992), in dem Peter Coyote den Part Polanskis spielte, nur dass er die alte Ballade vom amour fou jetzt mit lauter grotesken Obertönen versieht und die Frau zur alleinigen Siegerin erklärt. Sie ist alles, Schlampe, Emanze, Diva und Göttin, und Thomas nimmt jede ihrer Verwandlungen unterwürfig hin, bis er ihr am Ende buchstäblich die Stiefel leckt. Auch so kann man die Bilanz eines Regisseurlebens ziehen.

          Der zweite interessante Charakterzug des Films ist seine Einfachheit. „Venus im Pelz“ ist ein Zweipersonenstück, angesiedelt auf einer Bühne, auf der ein mächtiger Kaktus aus einer Western-Inszenierung den phallischen Ton angibt. Andere Regisseure hätten nach filmischen Auswegen aus dieser Theatersituation gesucht, nach Nebenschauplätzen, Nebengeschichten, die den Binnenraum des Theaters zur Außenwelt hin öffnen. Polanski denkt gar nicht daran. Er bleibt eisern mit der Kamera unter dem Kaktus, in der Western-Kulisse; nur zweimal, am Anfang und kurz vor Schluss, zeigt er ein Stück Paris im Regen, aber auch bloß deshalb, damit wir sehen, dass es draußen nichts zu sehen gibt. Ansonsten lässt er der Tragikomödie der Triebe ihren Lauf, die sich hinter den geschlossenen Türen des Alltags immer wieder ereignen wird, überall dort, wo zwei Körper und Seelen miteinander allein sind.

          Polanski hat es nicht mehr nötig, eine Welt im Studio nachzubauen, er lässt uns lieber in seinen Guckkasten sehen. Darin spielt er sein eigenes Leben nach, aber so, dass es uns alle anrührt. Ganz gleich, in welchem Alter.

          Quelle: F.A.Z.

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