29.11.2011 · Cary Fukunaga bringt die neunzehnte Verfilmung von Charlotte Brontës „Jane Eyre“ als Schauerromantik ins Kino. Der viktorianische Klassiker ist bei ihm in besten Händen.
Von Verena LuekenEin Fenster wird aufgestoßen. Auf der einen Seite liegt ein dunkler Raum, auf der anderen die ganze Welt. Ein Park. Ein Wald. Das Moor. Doch es ist nicht die Freiheit, die dort wartet. Die Natur ist feindselig, die Welt nicht voller Möglichkeiten, sondern voller Gefahren. Der glitschige Boden gibt den Füßen keinen Halt, ein Sturm zieht herauf, Regen peitscht über die Weite, und Jane Eyre, die immer wissen wollte, was hinter dem Horizont liegt, und dann doch in dem abgelegenen, düsteren, verwinkelten Haus von Edward Rochester ihr Glück fast gefunden hätte, steigt über den Fensterrahmen aus dem dunklen Raum hinaus und läuft los. Ihr langer Mantel und die vielen Röcke darunter saugen von unten den Schlamm auf, während der Regen sie von oben durchnässt. Jane Eyre flieht. Vor ihrer Begierde, vor Rochester, vor einem Angebot, das deutlich jenseits der Anstandsgrenzen jener Zeit lag.
Jene Zeit, das ist die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Charlotte Brontë schrieb "Jane Eyre" 1847, der Roman wurde zum Klassiker der viktorianischen Literatur, und das Kino liebte ihn, kaum dass es erfunden war, und kehrte mit bemerkenswerter Treue immer wieder zu ihm zurück. Achtzehn Mal wurde der Roman bisher verfilmt, einige Fernsehfilme kamen dazu, und dass schon 1944 mit der Besetzung Joan Fontaine und Orson Welles der Klassiker der Klassikerverfilmungen entstanden war (Regie führte damals Robert Stevenson), hieß nicht, dass das Buch nicht immer wieder hervorgekramt wurde. Und nicht immer mit minderwertigen Ergebnissen, 1995 war Charlotte Gainsbourg als Jane Eyre in Franco Zeffirellis Version zwar etwas mäusig, aber William Hurt als Rochester schroff und verdammt genug, um dem Ganzen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu geben.
Doch bisher interessierten das Kino an „Jane Eyre" in erster Linie das schlechte Wetter und das Melodram. Sturm und Regen und Rochesters düsteres Anwesen, auf dem Jane als Gouvernante anheuert, sorgten fürs Schaurige im Hintergrund. Ins Zentrum aber rückte die unerfüllbare Liebesgeschichte, das Drängen nach Sex, der nie so heißen durfte, in Verhältnissen, die ihn keinesfalls zuließen, eine Begierde, die sich im Melodram ebenso zeigen wie bezähmen ließ. Oberfläche und Untergründiges, außen und innen, blieben getrennt, bis im süßsauren Ende die Wildheit des Begehrens besiegt und das Haus - wenn auch durch den finalen Brand, gelegt von der Frau im Dachstuhl, deutlich lädiert - über die Natur die Oberhand gewonnen hatte.
Jetzt kommt die neunzehnte „Jane Eyre" ins Kino. Der Regisseur heißt Cary Joji Fukunaga. Er ist vierunddreißig, stammt aus Kalifornien und hat mit „Sin Nombre" vor einigen Jahren einen Debütfilm hingelegt, der eine Mischung aus Gangsterbandenfilm, Liebesgeschichte und Auswandererdrama an Schauplätzen erzählte, die uns den Atem nahmen - vor allem die Zugdächer, auf denen gekocht, vergewaltigt, geschlafen, geraucht und getötet wurde, sind unvergesslich. Es war ein harter Film voller Gewalt, ein wenig Zärtlichkeit und naturgemäß fast ohne Humor, der böse endete. Und es war ein Film, der in 35mm gedreht war und uns eine Geschichte jenseits der Ränder unserer Erfahrung zeigte, die aussah wie großes Kino, jetzig und klassisch und ohne Prätention.
Bei diesem Regisseur ist „Jane Eyre" in den besten Händen. Fukunaga versucht nicht, den Stoff zu aktualisieren. Er zieht seinen Darstellern die Kostüme an, die in die Zeit gehören, er stattet den Landsitz Haddon Hall (in dem unter anderem schon „Elizabeth" gedreht wurde) historisch akkurat als Herrensitz Thornfield aus, und oft flackert das Licht , weil es aus den Kaminfeuern und von Kerzen stammt. Aber er lässt das Melodram fast beiseite und rückt das Schauerromantische in den Mittelpunkt.
Und dort trifft es auf diese kluge, gebildete, sehr junge Frau Jane, die ihren gesellschaftlichen Platz als Gouvernante nicht in Frage stellt, aber neugierig und offenen Verstandes genug ist, ihn weder als gottgegeben noch als unverrückbar anzusehen. Sie wird von Rochester bezahlt. Sie hat kein passendes Kleid für eine Soiree. Aber sie weiß, wie weit sich das britische Empire auf einem Globus erstreckt, dass es einen Unterschied zwischen der Wirklichkeit und den Geschichten, die man sich erzählt, gibt und dass die elegante Blanche Ingram, die möglicherweise Rochesters Braut werden soll, falsch singt. Und sie weiß, dass nicht die Liebe, sondern nur ihr Verstand sie retten wird.
Mia Wasikowska spielt Fukunagas Jane Eyre mit einem offenen und stolzen Blick, und sie betont die Stärke, die in Janes Klugheit liegt. Es spukt in Thornfield, das Haus birgt ein Geheimnis, und sie fürchtet sich. Aber sie fürchtet nie um ihren Verstand. Michael Fassbender ist ihr Gegenüber als Edward Rochester, er ist abweisend, unangenehm, von Dämonen gejagt, und Jane erkennt das sehr früh. Aber wenn sie ihn fürchtet, dann nur, weil er in ihr ein Begehren wachruft, von dem sie nichts weiß und das ihre innere Unabhängigkeit in Frage stellt.
Schaurig ist diese „Jane Eyre" mit ein paar wenigen Anleihen am Horrorfilm, wie er in den Vierzigern aussah und sich anhörte, mit Huhu-Rufen des Windes und langen Schatten und auffliegenden Vögeln direkt vor der Kamera. Schaurig aber ist sie vor allem, weil Fukunaga und sein Kameramann Adriano Goldman (der auch "Sin Nombre" fotografiert hat) die ganze Geschichte mehr oder weniger in Grau und Braun erzählen, in milchigen Tönen, in denen die Konturen verschwimmen und das Unheimliche vom Wirklichen nicht mehr zu trennen ist. Das Untergründige sickert in die Oberflächen ein, und es ist nicht auszumachen, was davon den von Konvention gezügelten Phantasien entspringt, was der Wirklichkeit oder dem Gefühl.
Dieser Verunsicherung entspricht die Erzählweise. Das Drehbuch (Moira Buffini) filetiert den Roman, ohne Passagen zu streichen, und setzt ihn fast vom Ende her in verschachtelten Rückblenden, von denen eine nur den Augenblick eines Stockschlags lang ist, neu zusammen. Wir kriegen schon alles zu sehen, was der Roman zu bieten hat, die grausame Tante, den bigotten Geistlichen im Internat, das ganze dickenssche Kindheitsdrama. Aber es wird im Aufflackern von Erinnerungen einer Frau erzählt, die dem entronnen ist und das Beste mitgenommen hat, was dort zu kriegen war: Wissen und Widerstandskraft. Für die Liebe wirft sie das nicht über Bord. Jedenfalls nicht für ein Verhältnis.