06.10.2010 · „The Social Network“ inszeniert den Gründungsmythos von Facebook. Und erzählt weniger davon, wie es ist, Mark Zuckerberg zu sein, sondern wie es ist, mit ihm zu tun zu haben.
Von Claudius SeidlUnter all den Ideen, die in der letzten Zeit in Hollywood entwickelt worden sind, ist diese hier vermutlich die beste - und zugleich scheint es die allerdümmste und unmöglichste zu sein: ein Film über Facebook, eine Geschichte also über jenes soziale Netz, welches dem Film den Titel gibt; und das auf der großen Leinwand, auf welcher, wie jeder weiß, der Zuschauer den Glanz der Oberflächen sehen will und die Dunkelheit großer Geheimnisse, die Bewegung der Körper, das Explodieren von Sprengstoff und Gefühlen, einen Raum, der überhaupt erst anfängt, wo der Horizont unseres Alltags die Sicht begrenzt.
Eine Facebook-Seite ist dagegen ein sehr flaches Ding, vorwiegend weiß, mit einem blauen Logo, schwarzer Schrift; ein paar Fotos gibt es da vielleicht, ein paar halbscharfe Videos, nichts, was uns visuell erregen könnte.
Und der Mensch, der da hineinschaut, am Computer sitzt, gerne spätnachts oder morgens, bevor es losgeht mit der Arbeit, der Mensch, der da seine Meinungen und seine Botschaften hineintippt, sich die Fotos seiner Freunde anschaut und deren Botschaften kommentiert, dieser Mensch sieht selten so besonders kinotauglich aus; statt eines Revolvers hat er eher eine Tasse Kaffee in der Hand, und falls es hier um Sex geht, ist es der Gedanke, nicht die Tat.
Dass dieser Film zugleich eine unabweisbar gute Idee ist, liegt einfach daran, dass das Facebook das größte Ding im Internet seit der Einführung von Google ist - fünfhundert Millionen Menschen sind da drin (wenn jeder zehnte sich den Film anschaute, wäre es der Hit des Jahres), und was das zu bedeuten hat, offenbarte sich erst neulich, als die meisten, wegen eines technischen Fehlers, für ein paar Stunden wieder draußen waren. Das Facebook blieb geschlossen, und amerikanische Zeitungen spekulierten darüber, wie wunderbar der Effekt für die Weltwirtschaft wohl war, in jenen Stunden, da Millionen Angestellte, statt im Facebook zu prokrastinieren, tatsächlich ihre Arbeit taten.
„The Social Network“, von David Fincher inszeniert und von Aaron Sorkin geschrieben, verspricht, die Geschichte zu erzählen, wie, ums Jahr 2003 herum, der Harvard-Student Mark Zuckerberg das Facebook erfand und entwickelte - und wenn man das dann sieht im Kino, ist es gleich ein doppelter Schock. Denn Facebook ist ein Medium des Moments, ein Ding der totalen Gegenwart, man schreibt, man liest, man postet die Stimmung eines Augenblicks, man ist da drin und hat doch kaum die Distanz, zu begreifen, was das Facebook eigentlich ist. Und dann kommt dieser Film und erzählt, wie es geworden ist - und das Schockierende für unser Zeitgefühl, das sonst zwanzig Jahre braucht, bis die Phänomene uns historisch werden, das Schockierende ist, dass diese Vorgeschichte eben erst war, in einer Zeit, die doch noch gar nicht ganz vergangen ist. Man möchte dauernd auf die Uhr schauen, man spürt einen chronologischen Schwindel, angesichts einer Schöpfungsgeschichte, die in der gefühlten Gegenwart spielt.
Ein egozentrisches Universum
Und naturgemäß wirft diese Schöpfungsgeschichte auch theologische Probleme auf, weil, wer drin ist im Facebook, diesen Mark Zuckerberg vor allem als jenen Mann wahrnimmt, der immer wieder Anschläge auf die Privatheit der Facebook-Nutzer plant, wogegen dann Millionen protestieren, woraufhin Zuckerberg meistens einen Rückzieher macht. Als Nervensäge also wird Mark Zuckerberg meistens wahrgenommen - aber ganz bestimmt nicht als Schöpfer unserer Welt.
Denn das ist ja das Wesen des Facebooks und die Grundlage seines Erfolgs: dass da ein riesengroßes Ich im Zentrum steht; meine Facebook-Existenz habe ich selber erfunden, wer meine Freunde sind, bestimme nur ich, was auf meiner Seite auftaucht, steht da, weil ich es so will, und wen ich nicht mehr sehen will, den werfe ich einfach raus. Das ist, was ich sehe, wenn ich mein Facebook öffne - ein egozentrisches Universum, in welchem ein höheres Wesen absolut nicht vorgesehen ist.
Nicht gerade das, was man eine autorisierte Biographie nennt
Mark Zuckerberg: Was kümmert mich Mark Zuckerberg? Das ist die Haltung, mit welcher man also hineingeht in den Film, und während noch die Titel laufen, sieht man in einer Studentenkneipe zwei junge Menschen sitzen, ein hübsches Mädchen und einen jungen Mann, der aussieht wie ein Nerd, sich bewegt wie ein Nerd, einen Typen, der, was immer das Mädchen sagt, alles besser weiß. Sie sprechen über die exklusiven Klubs der Harvard-Universität und wie man da hineinkommt, sie ist sanft, er macht sie trotzdem runter, sie sagt, dass sie nicht mehr mit ihm ausgehen will, er redet einfach weiter. Und als er dann doch mal Luft holen muss, nimmt sie seine Hand und sagt: „Hör zu! Du wirst bestimmt Erfolg haben und reich werden. Und du wirst durch dein Leben gehen mit dem Gefühl, dass die Frauen dich nicht mögen. Ich sage dir, aus tiefster Überzeugung: Es liegt nicht daran, dass du ein Nerd bist. Es liegt daran, dass du ein Arschloch bist.“
Zwei Kinostunden später wird eine andere Frau auf ihn zutreten und sagen: „Mister Zuckerberg, Sie sind kein Arschloch. Aber Sie geben sich große Mühe, eines zu sein.“ Keines der beiden Zitate hat Mark Zuckerberg bestätigt, und was der Film dazwischen erzählt, ist auch nicht gerade das, was man eine autorisierte Biographie nennt. Und deshalb möchte man sich gar nicht vorstellen müssen, mit welchen Verfügungen und Abmahnungen unsere tollen deutschen Medienanwälte ein solches Projekt spätestens nach der ersten Drehbuchfassung erledigt hätten.
Einfach nur sozial so inkompetent und desinteressiert
Zuckerberg, der gern die Persönlichkeitsrechte der Facebook-Nutzer zur Disposition stellt, hat womöglich diesen Umgang mit seinen Persönlichkeitsrechten verdient, und Zuckerberg hat mit Facebook ein paar Milliarden verdient, was ihn hoffentlich darüber hinwegtrösten wird, dass man „The Social Network“ auch so beschreiben kann, wie es das „New York Magazine“ getan hat: Der Film handle im Wesentlichen davon, wie es so sei, ein Arschloch zu sein.
In Wirklichkeit handelt der Film aber weniger davon, wie es ist, Mark Zuckerberg zu sein, und eher davon, wie es ist, mit diesem Jungen zu tun zu haben - was schon einer der schönsten Kunstgriffe des insgesamt sehr schönen Drehbuchs ist. Zuckerberg ist nicht der Held des Films, er ist der Gegenspieler jenes Jungen, der erst sein bester Freund, sein Finanzier und schließlich sein Prozessgegner ist, jenes Eduardo Saverin, der Facebook mitbegründet hat und sich dann von Zuckerberg hinausgedrängt sieht - und diese subtile Rollenverschiebung erspart dem Publikum die Mühe, hineinzukriechen in Zuckerbergs Kopf, wo wir nichts verstehen, oder in sein Herz, wo wir womöglich wenig finden würden. Mark Zuckerberg, so wie der begabte Schauspieler Jesse Eisenberg ihn verkörpert, ist weniger böse als kalt, nicht unbedingt so verschlagen, rücksichtslos und gemein, wie es ihm seine Gegner bescheinigen. Sondern nur sozial so inkompetent und desinteressiert, so sehr beschäftigt mit dem schnellen Datenverkehr der Gedanken in seinem Kopf, dass er einfach keine Ahnung hat, wie das geht: nett zu sein zu dem Mädchen, das nett zu ihm ist; loyal zu sein zu jenem Freund, der immer absolut loyal zu ihm war.
Das ist richtig - und nicht die ganze Wahrheit
Zu sagen, der Film erzähle davon, wie ein Junge das Facebook erfindet, um im Internet an jene Mädchen heranzukommen, welche in der physischen Wirklichkeit vor seinen unbeholfenen Manieren schreiend davonlaufen würden: Das ist nicht ganz falsch. Und doch nicht das, worum es wirklich geht.
Zu sagen, der Junge aus der jüdischen Mittelschicht habe Facebook erfunden als sein Utopia, weil er sich nur schwer behaupten konnte unter den Jocks und den Preps, unter den Jungs mit den ausgeprägten Kinnen, den blonden Haaren und den Nummern hinter dem Nachnamen: Auch das ist richtig. Und nicht die ganze Wahrheit.
Natürlich geht es, im Film genauso wie im richtigen Internet, darum: um das Gleichheitsversprechen, um die Utopie, dass hier jeder, völlig unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, das Recht auf dreihundert Freunde und ein paar interessante Kommentare hat. Aber so, wie Sorkin und Fincher die Genese erzählen, ist Facebook auch eine Rationalisierungsmaßnahme und ein großer Verlust: Wo, in der Welt, wenn einer wissen will, ob ein Flirt sich lohnt, das schöne Spiel der Andeutungen und Umkreisungen beginnt, schaut einer im Facebook unter der Rubrik Beziehungsstatus nach. Aha, vergeben, egal. In der digitalen Welt läuft, was es einst im Konjunktiv gab, immer nur auf Jaja oder Neinnein hinaus.
Wie sehr sich alles verändert hat
Ob Mark Zuckerberg, der echte, dem Mark Zuckerberg, wie der Film ihn zeigt, wirklich gleicht, ist für 500 Millionen Facebook-Mitglieder superinteressant - und für die Frage, was das für ein Film geworden ist, völlig uninteressant. Es geht um einen Jungen, der vielleicht nicht so furchtbar begabt, aber sehr ehrlich ist. Und der an seinen Freund glaubt, den begabten Jungen, den Menschen, der dazu verflucht ist, schneller und heller als die anderen zu sein, den Menschen, der nicht damit klarkommt, dass er die Antwort schon weiß, bevor die Frage ganz gestellt ist, den, der davon so kalt und einsam wird, dass er sich eine Welt erfindet, die seinen Ansprüchen besser als die wirkliche genügt. Es ist eine zeitgemäße und eine sehr altmodische Geschichte, es ist die Reise, die einer antritt, der zurückgewiesen worden ist, und ganz gleich, ob ihn alle für ein Arschloch halten: Man wünscht ihm, dass er, wo auch immer, ankommen möge. Dass er am Schluss nicht die Geliebte umarmt, sondern eine Facebook-Freundschaftsanfrage schickt: Das zeigt, wie sehr sich alles verändert hat. Und wie gleich es geblieben ist.
Es gibt eine Facebook-Seite, die heißt „I love Mark Zuckerberg“. Sie hat 56 Fans.
Die wichtigsten Kinofilme in Video-Kritiken der F.A.Z.
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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