Home
http://www.faz.net/-gs7-77ytv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik Geburt einer Nation

 ·  Salman Rushdies historische Romangroteske „Mitternachtskinder“ behandelt die Entstehung des modernen Indiens. Seine Verfilmung von Deepa Mehta ertrinkt im Chaos.

Artikel Video (1) Lesermeinungen (0)
© Concorde Film, F.A.Z. Vergrößern Video-Filmkritik: „Mitternachtskinder“

Salman Rushdies Roman „Mitternachtskinder“ beginnt mit einer Selbstanfeuerung: „I must work fast, faster than Scheherazade.“ Und daran hält der Erzähler sich dann auch, der schon auf den ersten Seiten eine überdimensionale Nase, einen Studienaufenthalt in Heidelberg, eine Bootsfahrt in Kaschmir und ein Loch in einem Leintuch sinnträchtig zueinander in Beziehung setzt. Und da ist der Held, der schon spricht, noch lange nicht am Leben, bezogen auf die erzählte Zeit, die zugleich die historische Zeit des entstehenden indischen Nationalstaats ist.

Nun wurde „Mitternachtskinder“ verfilmt, und zwar von Deepa Mehta, jener kanadischen Inderin, die mit ihrer Trilogie „Fire“, „Earth“ und „Water“ zu einer der prominentesten Stimmen der indischen Diaspora wurde. Wobei Diaspora vielleicht schon gar nicht mehr der beste Begriff ist bei einer Nation, die sich zunehmend als globalen Faktor wahrnimmt, in der postnationalen Zerstreuung also erst richtig zu sich zu kommen scheint.

Kritisches Bollywood

Deepa Mehta macht gleichsam kritisches Bollywood für ein gebildetes Publikum, sie müsste also gut geeignet sein für die hochreflexive Form des magischen Realismus, mit der sie es in „Mitternachtskinder“ zu tun bekommt. Und Salman Rushdie hat selbst das Drehbuch geschrieben, hat sich also persönlich die Mühe gemacht, sein „Geschichts-Chutney“ neu anzurühren - die Zutaten bleiben die gleichen, aber die Rezeptur ist doch eine vollkommen andere.

Das hat mit dem simplen Umstand zu tun, dass die Wörter nun nicht mehr direkt auf die Vorstellungskraft treffen. Sie werden übersetzt in Bilder, die zugleich Konkretionen und Einschränkungen sind. Aber erfolgreiche Romane werden verfilmt, koste es künstlerisch, was es wolle. Eines Tages werden wir wahrscheinlich einen Altar in unseren Bibliotheken einrichten für die wenigen kostbaren Texte, die noch ganz unserer Vorstellungskraft gehören.

Eine Säuglingsschwester spielt Schicksal

Die „Mitternachtskinder“ sind bei Salman Rushdie eine Gruppe, die durch einen besonderen Geburtstag gebildet wird. Sie sind fast genauso alt wie das unabhängige Indien, sie entstammen jener Nacht im Jahr 1947, in der die Biographie einer Figur begann, auf die es Rushdie eigentlich ankommt: jenes bald mehrfach gespaltene Indien, das er mit einem Wechselbalg-Motiv erzählerisch zu fassen versucht. Die Säuglingsschwester Mary (Seema Biswas) spielt Schicksal und vertauscht den Sohn einer reichen Familie mit dem eines armen Musikers.

Der Junge Shiva, dem eine sorglose Zukunft beschieden war, muss nun auf Befehl bellen, wenn sein Vater vor den Fenstern der Wohlhabenden aufspielt. Und Saleem Sinai mit der großen Nase, der eigentlich kein Bewusstsein für seinen wundersamen Aufstieg haben dürfte, wird einen gewissen Argwohn doch nicht los. Zudem kann er Gedanken lesen, denn er ist eines der Mitternachtskinder.

Abarbeitung historischer Stationen

Auf zweieinhalb Stunden haben Mehta und Rushdie die wuchernde Fabel zu konzentrieren versucht. Doch stellt sich dabei kaum je der Eindruck ein, der Erzählung folgen zu können. Sie ist einerseits zu offensichtlich, andererseits zu sehr um die Abarbeitung jener historischen Stationen bemüht, die in Archivaufnahmen besser aufgehoben sind. Schon im Roman gibt es ja das widerstreitende Moment, dass Rushdie eine Nationalgeschichte als Biographie zu erzählen versucht, wobei die Unmöglichkeit des Unterfangens zugleich dessen Motor ist.

Als Film ist „Mitternachtskinder“ chancenlos gegen das Bildgedächtnis des Jahrhunderts und gegen ein identifikatorisches Bedürfnis, das zumindest in Ansätzen nach nachvollziehbaren Figuren sucht. Saleem Sinai müsste so eine Figur sein, doch wie beim Zauberer von Oz, den Rushdie liebt, sehen wir durch die Bilder hindurch plötzlich die literarische Maschinerie hinter dieser Figur. Und weil der Film nun einmal noch schneller erzählen muss als der Erzähler des Romans, sehen wir Schrauben, die wie wild drehen, doch in leerem Lauf.

  Weitersagen Kommentieren (7) Merken Drucken

27.03.2013, 16:37 Uhr

Weitersagen
 

Haben ist Sein

Von Mark Siemons

Ein Frau wurde verlassen und weiß nicht warum: Sie hat doch einen guten Job und zwei abbezahlte Wohnungen. Warum in Peking das Eigentum und die Liebe einander bedingen. Mehr