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Video-Filmkritik : Freiheit ist mehr als ein Wort: „Barbara“

Bild: Piffl

Großes Kino braucht den offenen Blick: Christian Petzold erzählt in seinem meisterhaften Film „Barbara“ von einer Frau in der DDR, die frei sein will

          Die Farben sind Blau, Rot und Grün. Manchmal Gelb. Den Bus, der Barbara zu ihrem neuen Arbeitsplatz in einem Provinzkrankenhaus in Mecklenburg-Vorpommern bringt, schmückt ein breiter blauer Streifen. Der Busfahrplan steckt in einem gelben Rahmen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf dem Tisch in der Kantine steht neben dem Glas mit gelber Limonade eine türkisfarbene Vase für eine rote Nelke. Die Stasi fährt im blauen Auto vor. Blau ist auch die Wand hinter der Badewanne, hellblau der Lidschatten, den Barbara trägt. Rot sind die Nächte im Krankenhaus, das Licht der Straßenlaternen, die Tomaten aus dem Garten. Die DDR war um 1980 herum ein quietschbuntes Land.

          Verfolgt von der Stasi

          Aber Barbara will weg. Deshalb ist sie von Berlin in die Provinz versetzt worden, deswegen kommen, wenn sie „für einige Stunden nicht auffindbar“ war, der örtliche Stasioffizier und seine Helferin, die für die Leibesvisitation zuständig ist. Der Offizier sagt Sätze wie: „Ihre Inhaftierung hat sich zersetzend auf Ihren Freundeskreis ausgewirkt.“ Seine Helferin zieht die Latexhandschuhe über und antwortet „Beugen Sie sich nach vorn“, wenn Barbara sagt: „Nein.“ Das Geld für den Fluchthelfer, der übers Meer kommen wird, hat Barbaras Geliebter aus dem Westen ihr über eine Mittelsfrau zukommen lassen. Barbara versteckt es im Ofenrohr.

          Christian Petzolds Film „Barbara“, der auf der Berlinale kürzlich einen Silbernen Bären für die beste Regie gewonnen hat, erzählt von einer Frau, die frei sein will. Aber das Wort „Freiheit“ kommt nicht vor, nur ein alter Song der Gruppe Chic etwa aus der Zeit, in der „Barbara“ spielt. „At Last I Am Free“ begleitet den Abspann. Da ist die Geschichte, die Petzold erzählt, schon zu ihrem Ende gekommen. Zu einem offenen Ende - es liegt in einem Blickwechsel, in dem sich eine Möglichkeit andeutet, mehr nicht.

          Dominiert von Misstrauen und Angst

          Nina Hoss spielt Barbara. Es ist ihre fünfte Rolle für Petzold, und ihr ganzer Körper - die Art, wie sie sich bückt, um das Geld erst mal unter einem Stein am Wegrand zu verstecken, oder wie sie den Föhn aus einem (roten) Kosmetikköfferchen holt und auf die verkohlte Steckdose schaut oder wie sie auf die Kranken blickt, für die sie verantwortlich ist - ist im Einklang mit dem ebenso strengen wie weit ausholenden Konzept dieses Films: der in großen Kinobildern und in einer Geschichte vom Land Repression und Auflehnung aufscheinen lässt, in äußeren Landschaften und inneren unterwegs ist, vom Misstrauen und von der Angst erzählt und davon, welche Gefühle sonst noch möglich sind, wenn diese beiden das Leben beherrschen.

          Die DDR ist nicht nur bunt, sondern auch laut. Petzold verwendet außer ein paar Takten eines Gitarrensolos zu Beginn nur Originaltöne, die Geräusche der Natur - das Brausen des Windes in den Büschen in Meeresnähe, das Bellen eines Hundes, die Schreie der Möwen - und den Krach der Zivilisation: das Aufheulen des Motors, bevor der Stasioffizier sein Fahrzeug vor Barbaras Haus zum Stehen bringt, das Klackern von Absätzen auf dem Linoleum der Krankenhausflure oder dem Kopfsteinpflaster draußen, das Rasseln eines Schlüsselbunds, das Quietschen einer Tür in rostigen Scharnieren. Es herrscht eine Menge Lärm in dem Land, in dem niemand umstandslos glaubt, was der andere sagt.

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