22.10.2009 · In „Die Päpstin“ muss Johanna Wokalek weißgeschminkt ein asketisches Ideal darstellen. Regisseur Sönke Wortmann kümmert sich unterdessen lieber um das Schwarze unter den Fingernägeln.
Von Patrick BahnersNa ja, Frauen. Zu klein die Gehirnteile, die zum Denken geeignet sind. Als der Magister Odo in Sönke Wortmanns Film „Die Päpstin“ mit diesem Argument die Aufnahme Johannas in die bischöfliche Schule ablehnt, weiß der Zuschauer im Umkehrschluss: Wer die Hirnforschung heranzieht, um die Ungleichbehandlung der Geschlechter zu begründen, kann nicht viel auf dem Kasten haben. Tatsächlich hat dieser Pauker nichts im Glatzkopf zwischen den abstehenden Ohren als die Disziplin.
Einziges Lernziel ist das Schönschreiben, und wenn der Klassenbesten einmal angeblich ein Buchstabe verrutscht, muss sie den Schulfußboden schrubben, wie es sich für ein ordentliches Frauenzimmer ohnehin gehört. Diese Ordnung der Geschlechter hat der dekadente Bischof suspendiert, der beim Bankett leichtgeschürzte Damen auf den Schoß nimmt und den spießigen Schulmeister zum Experiment mit der Koedukation genötigt hat. Mädchen! Das ist natürlich ein harter Schlag für die orthodoxen Holzköpfe des neunten Jahrhunderts.
Dem Zuschauer macht diese Frontziehung die Sache auch nicht leicht. Die kluge Johanna, die der Sage nach in Männerkleidung in Rom Karriere machte und wegen ihrer überragenden Weisheit zum Papst gewählt wurde, hat nicht die Gegner, die sie verdient. Das Patriarchat beruht auf nichts als roher Gewalt. Von einzelnen Großonkelfiguren wie dem byzantinischen Wanderprofessor Aesculapius und dem Arzt des Klosters von Fulda abgesehen, hassen alle Männer das Studium. Sie verbieten nicht nur den Frauen das Lernen; sie wollen selbst nichts lernen, weil es sonst um ihre Macht geschehen wäre.
Insgeheim wird sie ein Jünger Petrys sein
Einen Moment lang glaubt man, es könnte ein Bündnis geben zwischen der weiblichen List und der kurialen Schlauheit, die in Germanien seit jeher als weibisch verrufen ist: Ein respektvolles Lächeln huscht in einer Sitzung des Konsistoriums über das Gesicht des Anastasius, des Gegenspielers der Päpstin, als sie mit einem Auslegungskunstgriff ihren Willen durchsetzt. Aber die römischen Männer sind ebenso brutal wie die fränkischen Männer, nur besser rasiert. In Johannas Heimat gibt es nur zwei Typen des Mannes: den guten Zottel wie den Grafen Gerold, ihren Beschützer und Verehrer; und den bösen Zottel, ihren Vater, einen noch nicht zum Zölibat verpflichteten Priester. Johannas Mutter hängt insgeheim noch dem Wotanskult an - aber wahrscheinlich ist die verhehlte Altgläubigkeit wiederum Tarnung, und sie huldigt, wenn sie vollkommen unbeobachtet ist, Wolfgang Petry.
Im Pfarrhaus im fränkischen Urwald wird mit dem Stock eine fundamentalistische Bibellektüre gepredigt; jederzeit rechnet man mit der Meldung, FBI-Agenten hätten das Dorf umzingelt und verlangten die Herausgabe der Mistgabeln. Die Schrift im Lichte der Vernunft zu betrachten ist für den Pfarrer eine Teufelei. Er wird als angelsächsischer Missionar vorgestellt, weil die gefälschten Papstlisten die Päpstin unter dem Namen eines Johannes Anglicus führen, hat aber vom Rationalismus der angelsächsischen Hofgelehrten Karls des Großen nichts mitbekommen. Seiner Tochter befiehlt er, die griechischen Buchstaben der „Odyssee“, die er nicht entziffern kann, aus dem Kodex zu schaben, den sie unter ihrem Kopfkissen versteckt. Sie weigert sich - ein schönes Bild, das zum Emblem des Kulturbegriffs der konservativen Revolution taugen würde: Trotzköpfchens Sendung ist die Rettung der Schrift.
Ein Widerspruch ruiniert den Film
Leider hat sich nun allerdings Donna Cross, die Verfasserin der Romanvorlage, geradezu abergläubisch über diese materielle Seite der mittelalterlichen Überlieferung geäußert. Sie habe - man beachte die Märchenzahl - „sieben Jahre heftig in Quellen gewühlt“. Es sei „immens schwer“ gewesen, „an Informationen“ über „die dunkelste Phase einer ohnehin sehr düsteren Epoche“ zu kommen. „An Buchdruck war noch lange nicht zu denken. Wenn überhaupt, liegen Überlieferungen auf abgeschabter Tierhaut vor, denn nichts anderes ist Pergament.“ Dass Pergament als solches weniger verlässlich sein soll als eine Computerfestplatte, das geht nun wirklich auf keine Kuhhaut.
So ruiniert den Film ein Widerspruch von Botschaft und Medium: Er erzählt von der Verheißung der Befreiung der Frau durch wissenschaftliche Erkenntnis, doch dahinter steht eine feministische Theorie, die hinter die wissenschaftliche Kritik zurückfällt. Man kann von einem solchen Werk keine historische Authentizität verlangen, denn das Sagenhafte der Johanna-Erzählung ist nicht erst seit Ignaz von Döllingers „Papstfabeln des Mittelalters“ von 1863 erwiesen. Aber was macht der zweieinhalbstündige Film aus den phantastischen Möglichkeiten einer jahrhundertelang für wahr gehaltenen Geschichte?
Keine Bilder für das Abenteuer des Wissens
Indem Frau Cross an der Möglichkeit der Wahrheit der Sage festhalten will und zur Erklärung der vorgeblichen Ausschabungen in allen Papstgeschichten vor dem dreizehnten Jahrhundert eine große klerikale Verschwörung bemühen muss, hat sie ihr Projekt unter das Gesetz eines sauertöpfischen Ernstes gestellt. In der Geschichte der märchenhaften oder satirischen Ausschmückungen des Stoffes, die Werner Kraft 1925 in seiner Frankfurter Dissertation untersuchte, bezeichnet die Version von Donna Cross den Punkt der absoluten, geradezu spiritualistischen Verarmung. Schon die feministische Kritik des Romans merkte an, dass das Buch auf das Ausmalen weiblicher Gegenwelten verzichtet, obwohl die frauenhistorische Forschung Anregungen geboten hätte.
Und was fängt Sönke Wortmann mit dem Stoff an? Er setzt seinen Ehrgeiz darein, dass das Zottelpack schwarze Fingernägel hat und auf den Jahrmärkten ekelhafte Wunderdinge feilgeboten werden - statt dass er nach Bildern für das Abenteuer des Wissens gesucht hätte. In der Tradition der Sagenbearbeitungen sind die Motive der Erkenntnis und der Verführung verbunden. Ist es wirklich im Dienste aufklärerischer Pädagogik geboten, diesen Gedanken der Versuchung durch das Wissen zu tilgen? So ist in diesem Dorfschulfilm nichts zu spüren vom „Orgiasmus der ersten Lebensmaiwonne“, der den Kritiker Wolfgang Menzel aus Achim von Arnims „Päpstin Johanna“ anwehte. Der Liebesakt, aus dem das Kind hervorgeht, das die Päpstin bei einer Prozession verraten wird: ein Plantschen im Tiber.
Der Roman von Donna Cross ist nur in Deutschland ein gewaltiger Bestseller, nicht in Amerika. Man wird darin die Rache dafür sehen, dass der römische Volksmund der Päpstin, die den römischen Stuhl verunreinigt haben soll, die Herkunft aus Mainz andichtete, der ersten Stadt des Reiches, dessen Kaiser die Päpste demütigten. Johanna Wokalek steht dort, wo Sönke Wortmann sie hinstellt, auf den Stufen des Lateranpalastes in einem nicht sonderlich imposanten virtuellen Rom, und kann nicht anders: Sie muss weißgeschminkt ein asketisches Ideal darstellen, die apostolische Armut als großen Glanz aus Innerlichkeit. Und dafür schickte man sie auf die hohen Schulen?