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Video-Filmkritik : Filmfracking in drei Schritten

Bild: Universal

Gus Van Sant schickt Matt Damon als bösen Frackingunternehmer durchs Land. Doch „Promised Land“ verhebt sich an dem Öko-Stoff.

          Die Story vom Kampf mutiger Frauen und Männer gegen die großen Mächte der Ökonomie ist kein Stoff für Hollywood. Denn diese Kämpfer gewinnen nie. Bestenfalls trotzen sie den Konzernen eine Entschädigung oder Entschuldigung ab. Schlimmstenfalls enden sie im Straßengraben. Als Meryl Streep jung war, drehte Mike Nichols mit ihr einen Film über eine Gewerkschafterin, die den Machenschaften eines Kernkraftwerksbetreibers auf die Schliche kommt. „Silkwood“ endete, wie der authentische Fall, der ihn inspiriert hatte, mit dem rätselhaften Unfalltod der Heldin. Der Film war trotzdem ein Erfolg, er bekam trotzdem fünf Oscar-Nominierungen, und Cher gewann einen Golden Globe als beste Nebendarstellerin. Aber das war ja auch Cher. Und Meryl Streep. Und dazu Kurt Russell, damals, 1983, noch ein Stern am Himmel der Traumfabrik.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zwanzig Jahre später gelang Steven Soderbergh das Kunststück, aus einem ähnlichen Stoff einen richtigen Gutelaunefilm zu machen. In „Erin Brockovich“ gibt Julia Roberts einem kalifornischen Strom- und Gasriesen Saures, bis die Konzernmaschine eine Drittelmilliarde Dollar für die Opfer ihres teuflischen Tuns ausspuckt. Dass die blonde Erin bei ihrer Recherche stets mit hohen Absätzen und tiefen Ausschnitten bewaffnet ist, trug nicht wenig zum Kassenumsatz des Films bei. Auch hier gab es einen Oscar, den allerersten für Julia Roberts, und Lobeshymnen der Kritik. Zwei Filme in dreißig Jahren, das ist die Bilanz des Genres, einer Erzählform am Rande der Nichtexistenz.

          Versprechen und Verbrechen

          Gus Van Sants „Promised Land“ ist der Versuch, die Reihe fortzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass sie mit diesem Film abbricht. Wieder gibt es einen Star, Matt Damon, der mit seinem Ko-Star John Krasinski auch das Drehbuch schrieb und sogar Regie führen sollte, bis er (angeblich aus Termingründen) absagen musste und sein Freund Van Sant das Ruder übernahm. Und es gibt ein Thema, eines, das die Amerikaner zurzeit ebenso bewegt wie einst die Atomenergie mit ihren Risiken und Verheißungen: Fracking. Es geht darum, dass die Erde gewaltsam aufgebrochen wird, um ihr die energiehaltigen Bodenschätze zu entreißen; also um Land, um Grund und Boden, und um das Versprechen, das er enthält. Und das Verbrechen, das man ihm antut.

          Der besondere Dreh von „Promised Land“ (dessen Skript auf einer Story des Schriftstellers Dave Eggers beruht) besteht nun darin, dass Matt Damon den Vertreter der Bösen spielt - einer Firma namens „Global Crosspower Solutions“, die rings um eine Kleinstadt in Pennsylvania Farmland aufkauft, um aus den tiefen Schichten darunter Erdgas zu fördern. Er fährt durch die Landschaft mit dem Blick des Abrissunternehmers: Wo Natur ist, soll Industrie werden. Und das ist ein Problem des Films. Denn so richtig böse darf Damon, der hier Steve Butler heißt, natürlich doch nicht sein: Die Geschichte ist ja um ihn herum gebaut, das ganze Projekt, das Warner Brothers kurz vor Drehbeginn an die Arthouse-Abteilung von NBC-Universal weiterverkaufte, war überhaupt nur bankable, weil er darin mitspielt.

          Auf der Suche nach dem Bösen

          Deshalb sagt Damon von Anfang an jedem, der es wissen will (und allen anderen auch), dass er nicht der bad guy sei, sondern ein einfacher Junge vom Land. Und dann erzählt er mit jenem geruchsfreien Musterschüler-Charisma, das seit „Good Will Hunting“ Matt Damons schauspielerisches Markenzeichen ist (seine bisher beste Rolle war die des Aufsteigers Ripley in Anthony Minghellas Highsmith-Verfilmung), von seiner traurigen Jugend in einem verarmten Provinznest, aus dem ihn erst die magische Hand der Energiewirtschaft befreit habe. Und ebenso, wie sich Butlers beruflicher Erfolg in der Figur seiner Partnerin Sue (Frances McDormand) spiegelt, blitzt der gute Mensch, der er außerdem noch sein will, in den Augen der Lehrerin Alice (Rosemarie DeWitt) auf, mit der er sich erst auf ein Wetttrinken in der örtlichen Bar und dann auf die unausweichlichen Folgen einlässt.

          Der Film muss also einen anderen Bösewicht finden, um Steve Butler zu entlasten, und deshalb fängt er an zu tricksen. Als es schon so aussieht, als könnte Butler den Widerstand der Fracking-Gegner, die sich um einen ehemaligen Ingenieur (Hal Holbrook) scharen, mit Geld und guten Worten überwinden, taucht plötzlich ein Öko-Aktivist (gespielt von Damons Ko-Autor Krasinski) in dem Städtchen auf und dreht die Stimmung unter den Bewohnern. Aber der Mann, findet Butler heraus, ist nicht nur ein Betrüger, sondern - und an diesem Punkt wird „Promised Land“ endgültig zur Farce - auch ein Undercover-Agent der Fracking-Industrie.

          Die Gleichung geht auf

          Man könnte auch sagen, er ist die Verkörperung der Notwendigkeit, Matt Damon einen würdigen Abgang aus der Geschichte zu ermöglichen. So gesehen, ist „Promised Land“ eine Gleichung, die aufgeht, und das Ergebnis lautet null. Wenn man wissen will, wie man einen Stoff von dramatischer ökologischer und sozialer Aktualität in drei Schritten zugrunde richtet, muss man keine Skript-Lehrbücher lesen, es genügt, sich Gus Van Sants Film anzusehen. Hier findet sich alles, was man braucht, der Star, die menschlichen Klischees, die Scheinkonflikte, die Moralpredigten und die Lösung, die keine ist.

          In jedem Mainstreamprojekt steckt, wie Wim Wenders einmal anhand von Bernd Eichingers „Untergang“ bemerkt hat, ein kleinerer, böserer, besserer Genrefilm. Man könnte sich „Promised Land“ gut als Horrorthriller vorstellen, in dem Zombies aus der gefrackten und zerwühlten Erde aufsteigen und die amerikanischen Städte verwüsten. Gus Van Sant wäre dafür der ideale Regisseur. Und vielleicht hätte er sogar richtig Spaß daran.

          Quelle: F.A.Z.

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