Home
http://www.faz.net/-gs6-d45
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Video-Filmkritik Fegefeuer der Mittelklasse: „Company Men“

Regisseur John Wells erzählt mit „Company Men“, wie die jüngste Wirtschaftskrise die weiße obere Mittelklasse Amerikas erreicht.

© Senator / Central Video-Filmkritik: „Company“

Mit wehmütigem Gesichtsausdruck blickt Bobby Walker seinem Porsche hinterher. Der Wagen, mit dem er jahrelang zur Arbeit gefahren ist, gehört nun einem anderen. Einem, der nicht von der Wirtschaftskrise erfasst wurde wie Bobby. Er ist einer der besten Verkäufer an der Ostküste, aber seine Firma operiert auf einem stark umkämpften Markt: Die Schiffbauabteilung von GTX läuft nicht mehr, die Aktionäre wollen, dass sich das Unternehmen auf profitable Sparten konzentriert. Und so ist Bobby Walker (Ben Affleck) eines Tages einer jener plötzlich arbeitslosen „Company Men“, von denen John Wells in seinem gleichnamigen Film erzählt.

Es sind keine ungelernten Arbeiter, die es hier erwischt, es sind Männer aus dem mittleren und höheren Management: Männer mit Familien, mit schönen, großen Häusern und Mitgliedschaften in Golfclubs. Männer wie Phil Woodward (Chris Cooper), der schon auf die sechzig zugeht und bei Vorstellungsgesprächen nicht mehr so leicht den Eindruck von Dynamik erwecken kann, auf den es ankommt.

Mehr zum Thema

Männer wie Gene McClary (Tommy Lee Jones), der schon dabei war, als GTX gegründet wurde - damals herrschte Aufbruchsstimmung, und niemand sprach davon, dass der Börsenkurs in die Höhe zu treiben sei. McClary sitzt in der Vorstandsetage, und irgendwann steht der oberste Boss vor der Frage: Will er mit GTX auf die Schnelle sechshundert Millionen Dollar verdienen - oder mit seinem Freund McClary die alten Zeiten hochhalten?

Eine gehörige Portion Populismus

Es steckt eine gehörige Portion Populismus in dieser Geschichte, die eine einfache Opposition aufmacht: Arbeit gegen Kapital, Produktivität gegen Profit, Auskommen gegen Ausquetschen. Bobby Walker ist die Figur, an der erkennbar wird, dass die Krise in der weißen - oberen - Mittelklasse angekommen ist, einer Klasse, die überhaupt noch etwas aufzugeben hat. In Amerika spricht man dann von „downsizing“: Zuerst werden nur ein paar Besuche in Restaurants gestrichen, irgendwann platzt der Scheck für den Golfclub, dann ist der Porsche nicht mehr zu halten, und schließlich trifft es das Haus.

Dann ist alles eine Frage des „falling back“, und hier übertreibt es John Wells deutlich. Denn Bobby Walker hat einen Schwager, Jack Dolan (Kevin Costner), der für die Krawattenträger immer schon Verachtung übrighatte. Nun weist er mit dem Werkzeuggürtel um die Hüfte den Weg ins Purgatorium der „Company Men“: Sie müssen die Tugenden ehrlichen Handwerks lernen, bevor es dann doch noch eine neue ökonomische Perspektive gibt.

Es bleiben die Parolen

In diesen Szenen erweist sich einmal mehr, dass das amerikanische Kino in seinen eigenen Konventionen viel zu tief verhaftet ist, um der jüngsten Wirtschaftskrise neue Aspekte abgewinnen zu können. Denn die systemische Ebene, von der in den Beschreibungen des Geschehens doch immer wieder die Rede war, wird hier unter Aufbietung aller erdenklichen Männlichkeitsrituale verdrängt, und noch in den Demütigungen, die Bobby Walker erleidet, geht es vor allem darum, die Handlungsmacht des Individuums zu verteidigen. Die „Company Men“ machen in diesem Film deswegen keine Erfahrung, die sie oder das Land voranbringen könnte, sie übertragen nur überlieferte Posen auf eine schwierige Situation.

Der Regisseur John Wells scheint dabei gar nicht zu bemerken, dass er die wenigen Momente von Nachdenklichkeit, die er zwischendurch zulässt, am Ende wieder einkassiert. In einem Büro für freigestellte Führungskräfte muss Bobby Walker die Einpeitscherparolen über sich ergehen lassen, mit denen er sich für die nächsten Herausforderungen wappnen soll. Er wirkt in diesem Moment so hilflos, wie ein eher eindimensionaler Star wie Ben Affleck das gerade noch spielen kann. Doch am Ende hat er sich diese Parolen schon wieder zu eigen gemacht - und so bleibt er wie alle anderen „Company Men“ auch blind für das, was mit ihnen und ihrem Land eigentlich geschieht.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Präsidentschaftsbewerber Trump Amerikas Dieter Bohlen

Milliardär Donald Trump ist das Sommerspektakel der amerikanischen Innenpolitik. Obwohl der Populist in Umfragen führt – fast niemand billigt ihm Chancen zu, ins Weiße Haus zu gelangen. Mehr Von Andreas Ross, Washington

23.07.2015, 08:45 Uhr | Politik
Star Wars Han demnächst Solo

Han Solo, Held aus der Star Wars-Saga, soll seinen eigenen Film bekommen. Der Unterhaltungskonzern Disney teilte am Dienstag mit, die Macher des Lego-Films, Chris Miller und Phil Lord, würden die Regie übernehmen. Mehr

08.07.2015, 14:43 Uhr | Feuilleton
Amerikanischer Wahlkampf Hillary Clinton beinahe so unbeliebt wie Donald Trump

Clinton und Trump gehören zu den prominenten Anwärtern auf die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016. Wirklich beliebt sind aber weder die Demokratin noch der Republikaner bei der Mehrheit der Amerikaner. Mehr

28.07.2015, 17:17 Uhr | Politik
Homo-Ehe in Amerika Oberstes Gericht befindet Homo-Ehe für zulässig

In einem historischen Triumph für amerikanische Schwulen und Lesben hat das Oberste Amerikanische Gericht gleichgeschlechtliche Ehen landesweit für zulässig erklärt. Präsident Barack Obama hat das Urteil in einer Ansprache am Freitag in Washington als großen Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben bezeichnet. Mehr

27.06.2015, 11:26 Uhr | Politik
Präsidentschaftskandidatur Trump unter Republikanern viel beliebter als Bush

Der umstrittene Unternehmer Donald Trump ist in einer neuen Umfrage Spitzenreiter unter Republikanern für die Präsidentschaftskandidatur. Sein Konkurrent Jeb Bush hat deutlich an Zustimmung verloren. Mehr

21.07.2015, 11:03 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 06.07.2011, 17:07 Uhr

Glosse

Kampfansage mit Kultur

Von Jürg Altwegg

Paris rüstet sich mit der Attraktivität seiner Kulturinstitutionen für den europäischen Metropolenvergleich. Wer so gute Zahlen vorlegen kann, dürfte bei der Olympia-Bewerbung kaum zu schlagen sein. Mehr 0